Der Mann läuft am Auto vorbei. Wendet. Kommt wieder. Er zählt rund 60 Lenze, ist unauffällig, aber teuer gekleidet. Von unserem Carlsson-Begleiter will er nur wissen: "Wie viel?" Bei Nennung der Summe zuckt er nicht mit der Wimper. "Gekauft. Hier ist meine Nummer – rufen Sie mich an." Er geht, marschiert dann noch mal zurück: "Ich nehme gleich zwei – einen Links– und einen Rechtslenker." Der Fahrtermin gleicht einer Verkaufsveranstaltung. Die Monegassen haben Geld. Und greifen gierig nach namhaften Optionen abseits des obligaten Cayenne-Range-Rolls-Bentley-Chics. Zumal der CK65 RS das Lebensgefühl gleich zweier Luxuslabels ausdrückt: Carlsson und Aigner.

Das dunkelrote Interieur trifft den Betrachter mit voller Wucht

Carlson Aigner CK65 RS Eau Rouge
Ton in Ton: Wer auf rotes Interieur steht, wird im CK65 RS unter Garantie glücklich.
Bild: Lena Barthelmeß
Die Münchner Modemarke von Etienne Aigner ist mit exklusiven Lederhandtaschen groß geworden. Für den CK65 RS Eau Rouge auf Basis des CL 65 AMG stellt die Marke Tierhäute und Alcantara zur Verfügung – und den guten Namen. Das dunkelrote Interieur trifft den Betrachter mit voller Wucht. Moulin Rouge würde angesichts des verschwenderisch gestalteten Wohnzimmers besser zum Auto passen als Eau Rouge (eine berühmte Kurve in Spa Francorchamps). Ergänzend zum Leder verständigen sich Carlsson und Aigner auf einen weiteren natürlichen Werkstoff: Holz. Das Vogelaugenahorn passt mit wunderbar gleichmäßiger Maserung und tiefroter Einfärbung perfekt zum geschmeidigen Alcantara und dem weichen Leder. Nichts stört die einlullende Behaglichkeit, die den Fahrer umgarnt – auch nicht der Klang. Zwar wurde der Auspuff gegen ein Exemplar mit Sportkats ausgetauscht. Trotzdem vernimmt der Fahrer nur ein Brausen aus der Ferne, wenn er das Potenzial des V12 abruft. Wozu er auf den belebten Straßen Monacos kaum Gelegenheit hat.

Carlsson bläst den V12-Biturbo auf 705 PS auf

Carlson Aigner CK65 RS Eau Rouge
Da geht die Post ab: Mit 705 PS galoppiert der veredelte CL in 3,9 Sekunden auf Tempo 100.
Bild: Lena Barthelmeß
Ab und an kann ich der Versuchung nicht widerstehen, lasse mich ein Stück hinter den Vordermann zurückfallen und lote einen kurzen Moment das Leistungsvermögen des CK65 aus. Mit winziger Verzögerung reagieren Lader und Automatik auf den Impuls meines Gasfußes. Dann geht's ab. Zum wiederholten Mal stelle ich fest, dass man Mercedes für den V12-Biturbo jeden Tag aufs Neue lobpreisen sollte. Natürlich schließe ich Carlsson in mein Dankesgebet ein. Gelingt es dem Veredler doch, die exorbitanten 612 PS des AMG-CL zu erhöhen. 705 PS leistet der CK65 RS unterm Strich – neben dem Auspuff tragen dazu eine angepasste Elektronik und eine verbesserte Ladeluftkühlung bei. Die Allgemeinverträglichkeit des CL stellen diese Eingriffe nicht in Frage. Auch die Anbauteile ordnen sich dem Alltagstauglichkeits-Credo unter: Da Carlsson nur eine kleine Frontspoilerippe montiert, stellt nicht jede Bordsteinkante gleich eine tödliche Gefahr dar. Gittereinsätze in der AMG-Schürze sowie Heckflügel und formschöner Diffusor komplettieren das Bodykit. Ein Großteil der sensationellen Auffälligkeit rührt natürlich von der Zweifarbenlackierung im Maybach-Stil her.
Das Fahrwerk weist keinerlei ungesunde Härten auf: Ein Zusatzmodul senkt das Fahrzeug um 30 Millimeter ab. Auf schlechten Wegen fährt die Elektronik das Fahrzeug umgehend auf Originalhöhe zurück, um den Komfort zu optimieren. Den unterstützt auch das geringe Gewicht der gewaltigen Schmiederäder. Sie sollen trotz ihres 21-Zoll-Formats keinen Tick schwerer sein als das AMG-Rad in 20 Zoll, das normalerweise auf dem CL 65 AMG steckt. Tatsächlich fühlt sich der CK65 überraschend behende an und lenkt spielerisch ein. Lediglich in engen Kehren konstatieren wir eine gewisse Kopflastigkeit – der V12-Motor ist eben doch ein rechter Brocken. Aber die Rolle des Kurvenräubers liegt dem formschönen Gleiter ohnehin nicht. Leider kostet der CK65 RS Eau Rouge gegenüber einem gewöhnlichen CL 65 AMG fast 150.000 Euro mehr. Manchem Interessenten könnten in Anbetracht dieser Summe die technischen Änderungen nicht tiefgründig und das Bodykit nicht innovativ genug sein. Als Gesamtkunstwerk entzieht sich der CK65 jedoch jeglicher Kritik. Das empfinden nicht nur monegassische Spaziergänger so: Sechs von insgesamt zehn Exemplaren sind bereits verkauft.