Crashtest-Debakel: Sicherheitserfindungen ungenutzt
Räder als Schutzschilde

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Ein neuer US-Crashtest hat deutsche Hersteller kalt erwischt. Bei seitlich versetzten Frontalunfällen herrscht mangelhafter Insassenschutz. Schutzmaßnahmen gibt es, sie werden aber kaum umgesetzt.
Ein neuer Crashtest der US-Organisation IIHS hat Deutschlands Autoindustrie in helle Aufregung versetzt Dabei ist das Problem von Frontalunfällen, bei denen zwei Autos versetzt ineinanderprallen, lange bekannt. Seit Anfang der 80er-Jahre gibt es Entwicklungen – allerdings nur auf dem Papier. "Bislang fehlten Anreize für die Hersteller, um existierende Lösungen umzusetzen", glaubt Arno Eichberger vom Institut für Fahrzeugtechnik der TU Graz. Unfälle mit geringer Überdeckung der Fronten (Streifkollisionen) seien ein ernst zu nehmendes Problem. Eichberger war 2005 an der Entwicklung eines Mechanismus beteiligt, der knapp kollidierende Fahrzeuge aneinander abgleiten lässt. Ein erster Prototyp des Systems, gefördert vom Autozulieferer Magna Steyr, erwies sich als praxistauglich. Zur Serienfertigung kam es trotzdem nicht. Karl-Heinz Schimmelpfennig ließ bereits 1997 einen sogenannten Deflektor patentieren, bot sein System unter anderem Daimler an. Antwort: kein Interesse. "Es ärgert mich, dass erst die Amerikaner kommen müssen, damit wir etwas machen", sagt der Professor.
Sein System besteht aus zwei Blechen, die sich im Crashfall über den Reifen legen und auf diese Weise mit dem Rad eine Abgleitebene bilden. Stephan Winkler, heute beschäftigt bei Magna Steyr, promovierte 2001 zum Thema "Teilüberdeckte Frontalunfälle". Sein Vorschlag: ein System, bei dem das Rad in Sekundenbruchteilen automatisch nach innen einschlägt und so quasi einen Schutzschild bildet. Die technische Infrastruktur hierfür sei im Auto bereits vorhanden, so Winkler. Die Technik für einen Eingriff in die Lenkung nämlich sei in den letzten zehn Jahren wesentlich fortgeschritten, etwa bei Spurhaltesystemen.
Haben die Hersteller also bestehende Lösungsansätze verschlafen? Nein, erklärt Daimler. Im Falle von Schimmelpfennig hätten eigene Berechnungen ergeben, "dass dieser Deflektor das Rad bei Weitem nicht so stark eindreht, wie Schimmelpfennig es beschreibt". Zudem habe das Abgleiten auch Nachteile. Etwa weil die Autos sich nicht ineinander verkeilen, sondern nach dem Abgleiten zur Seite katapultiert werden könnten – zum Beispiel auf Rad- oder Fußwege. Der IIHS-Crash gegen eine starre Barriere sei laut Daimler zudem "nicht sehr realitätsnah". Bei Unfällen mit zwei Autos zeigten sich ganz andere Ergebnisse. Trotzdem will der Hersteller nun reagieren: Daimler- Sprecher Norbert Giesen kündigte "geeignete konstruktive Maßnahmen" an. Wie wichtig ist Ihnen die Sicherheit bei Thema Autokauf? Stimmen Sie auf der rechten Seite ab.
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