Es ist noch keine acht Uhr früh, als Gordon  Murray in England vor dem Laptop sitzt, bereit, AUTO BILD per Video sein letztes großes Werk zu erklären. "Ich bin jeden Tag schon so früh online", sagt der 74-Jährige. In Zeiten der Pandemie verbringe er täglich bis zu elf Stunden in Konferenzen vor dem Rechner. Jüngstes Ergebnis dieser Arbeitswut: der Supersportwagen T.50, von dem ab Anfang 2022 genau 100 Stück handgefertigt werden. "Der letzte analoge Supersportwagen" nennt ihn Professor Gordon Murray. Und auch "das wohl letzte reine Fahrerauto, das einem das Lächeln ins Gesicht zaubert". Da muss Murray selbst lächeln.

Aufgeladenen Maschinen mochte Murray noch nie

AUTO BILD: Professor, wenn Sie den T.50 mit nur einem Wort beschreiben sollten ... Murray: "... bräuchte ich bitte zwei: driving perfection." Das behaupten andere Entwickler von deren Supersportwagen auch. "Vielleicht. Aber beim T.50 geht es ausschließlich um das Fahrerlebnis. Nicht um Rundenrekorde, Topspeed-Fabelwerte oder um irgendwelche Bestzeiten beim Beschleunigen. Es geht ums Handling, die Agilität, die Reinheit des Fahrens, es geht vor allem um Leistungsgewicht und Aerodynamik. Und ganz bestimmt auch um den Sound des Zwölfzylinders."
Gordon Murray Automotive GM T.50  !! SPERRFRIST 04. August 2020	18:00 Uhr !!
Echte Handarbeit: klassische H-Schaltung mit extrem kurzen Schaltwegen. Auf dem Knauf: Murrays Logo.
Heißt für Mr. Murray: Saugmotor statt Turbo oder gar E-Unterstützung. Murray mag keine aufgeladenen Maschinen, er mochte sie noch nie. Sie sind ihm in ihrer Kraftentfaltung nicht unmittelbar genug. Den besten V12 der Welt, findet Murray, habe Cosworth ihm für den T.50 da geliefert. Klein, extrem leicht (178 Kilo), mit einer Energiedichte von 166 PS pro Liter Hubraum. Ein Motor, der bis über 12.000 Touren dreht; ein Formel-1-Wert. Vor der Hinterachse montiert, die allein angetrieben wird. Allrad? Schwer, mindert das Gefühl für die Lenkung; weglassen. Meint Murray. Schaltung? Klassische H-Schaltkulisse für sechs Gänge. Knüppel in die Hand, Kupplung treten. Arbeiten fürs Vergnügen. Schaltpaddels sind für Pussys. Auf den ersten Blick erinnert der T.50 tatsächlich an jenen McLaren F1, mit dem Gordon Murray vor 30 Jahren berühmt wurde. Und nach dem Öffnen der Schmetterlingstüren auch auf den zweiten Blick. Dass das Auto quasi um den Fahrer herum gebaut wurde, ist damals wie heute wörtlich zu nehmen: Der Pilot sitzt wie im F1 zentral, die beiden Passagiere schräg dahinter. Vor ihm Armaturen aus Alu und Titan, nirgendwo Plastik. Das war im McLaren noch anders. Diesmal keine Kompromisse. Warum auch? Natürlich gibt es auf der Welt 100 Menschen, die mehr als ein Vermögen dafür ausgeben. War beim F1 seinerzeit auch nicht anders.
Gordon Murray Automotive GM T.50  !! SPERRFRIST 04. August 2020	18:00 Uhr !!
Ventilator mit 40 cm Umfang im Heck: Er bläst die vom Unterboden angesaugte Luft hinten raus und sorgt so für ordentlich Abtrieb.

Ein Ventilator verhindert einen hässlichen Flügel auf dem Heck

Murray: "Seit dem F1 gab es so viele Supersportwagen, die viel besser waren, schneller auf der Rennstrecke, voller beeindruckender Fahrwerte. Trotzdem wird dieses Auto immer einzigartig bleiben." AUTO BILD: Einzigartig am T.50 ist vor allem der 40-Zentimeter-Ventilator am Heck für mehr Abtrieb. Wie kam es dazu? "Er verhindert, dass der T.50 einen hässlichen Flügel auf dem Heck kleben hat. Das widerspricht meinem Prinzip von der Reinheit des Designs. Und wissen Sie was? Ich hatte diese Idee bereits vor über 30 Jahren. Beim F1 sollten es zwei kleinere Ventilatoren werden. Aber wir hatten damals nicht genug Zeit, das im Windkanal zu testen. Der T.50 besitzt einen aggressiven Diffusor, der neue, große Ventilator passt sich dem Tempo des Autos automatisch an." Ist Ihre Arbeit heute einfacher als früher? "Oh ja! Designarbeit mit dieser Virtual Reality macht vieles unglaublich leicht. Wenn ich heute den McLaren F1 betrachte, finde ich so viele Designelemente, die ich nicht mag. Er hat zum Beispiel zu wenig Muskeln an den Kotflügeln. Aber wir arbeiteten damals eben noch weitgehend mit Tonmodellen." Sie sollten Anfang des Jahrhunderts für Daimler-Chrysler den Mercedes SLR retten. Ihre Erinnerungen? "Eine mühsame Arbeit. Bei so großen Herstellern reden immer so viele wichtige Leute mit rein. Das Auto wusste von An fang an nicht, was es sein wollte. Es hat keinen Charakter."

Bei Supersportwagen ist Schluss mit Strom und Öko

Gordon Murray ist heute ein Senior, aber einer, der früh an die Zukunft gedacht hat. Schon vor fast zehn Jahren entwickelte er kleine, zum Teil elektrische Stadtautos und autonom fahrende Pods. Dazu ein neuartiges, umweltschonendes Produktionsverfahren namens iStream. Doch wenn es um Supersportwagen geht, ist für ihn Schluss mit Strom und Öko.
Murray: "Ein Auto, dessen Batterie allein fast so viel wiegt wie mein kompletter T.50, ist doch irre. Ein Zwei-Tonnen-Supersportwagen ergibt keinen Sinn." AUTO BILD: Sagt Ihnen der Name Mate Rimac etwas? Der Kroate konstruiert erfolgreich elektrische Supersportwagen mit bis zu 1914 PS, die in unter zwölf Sekunden auf 300 km/h sind. "Ja, von dem jungen Mann habe ich gehört. Und es ist eine wunderbare Geschichte. Mir liegt sehr viel daran, junge Talente zu fördern. Aber solche Autos, wie Rimac sie macht, sind keine echten Fahrmaschinen. Die Energie, die aus einem Liter Benzin herausgeholt werden kann, ist einfach unschlagbar."

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Gordon Murray Automotive GM T.50  !! SPERRFRIST 04. August 2020	18:00 Uhr !!
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Kamera
Gordon Murrays Supersportwagen T.50
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Wie weit man bei adäquater Fahrweise mit den 80 Litern, die der Tank des T.50 fasst, kommt, ist irrelevant. Für Gordon Murray zählt etwas anderes: das unmittelbare Fühlen der Mechanik, das Spüren der Kraft, die linke Hand am Lenkrad, die rechte auf dem Schaltknauf, klack, klack, klack durch die sechs Gänge, dann wieder beide Hände am Lenkrad, durch die Kurve, der Sound der alten, analogen Auto Welt in den Ohren. Und dann kommt es ganz automatisch, dieses Lächeln, und bleibt. Nur wenige Menschen werden das so erleben. Zwei Drittel aller T.50 sind bereits verkauft.