Kelvin van der Linde ist in der DTM zwar "Mr. Cool". Ein Eis wollte er trotzdem. Nach seinem dritten Sieg im siebten von 16 Saisonrennen auf dem Nürburgring bestellte er nach der Zieldurchfahrt live in Sat.1 den kühlen Snack – den er nach der Siegerehrung von Moderatorin Andrea Kaiser prompt überreicht bekam. Der Lohn für den Gewinn des inoffiziellen Titels des Halbzeit-Meisters. Und das vorzeitig.
"Es ist einfach nur wie in einem Traum im Moment. Ich habe so viele Jahre auf die DTM gewartet, wollte immer eine Chance, habe sie nie bekommen, und jetzt passiert alles auf einmal. Und es läuft immer besser und besser und besser", sagte van der Linde AUTO BILD MOTORSPORT.

Bereits jetzt 45 Punkte Vorsprung

Denn mit Pole und Sieg holte er die maximale Ausbeute von 28 Punkten, mit denen der Abt-Pilot die Tabellenführung auf 129 Zähler ausbaute. Maximilian Götz (HRT) landete im Mercedes auf Platz fünf, er steht bei 84 Punkten und schob sich so auf Gesamtplatz zwei. Denn: Der bisherige Zweite Liam Lawson (AF-Corse-Ferrari) musste sich nach einer Kollision mit Platz 13 zufriedengeben, er steht somit weiter bei 80 Punkten. 45 Punkte beträgt van der Lindes Vorsprung also. Durchaus bereits eine Menge Holz.
Dabei wirkt der gelassene van der Linde nur auf den ersten Blick so abgezockt. Seiner Mutter ist er sogar etwas zu emotional, positiv wie negativ. Weshalb sie ihn vor dem Rennwochenende sogar persönlich zurückpfiff: Van der Linde sollte die Schimpfwörter zurückfahren. "Sie hat gesagt, dass es nicht so weitergehe. Da muss ich auf meine Mutter hören – auch mit 25", grinste van der Linde: "Wir müssen seriös und fokussiert bleiben auf das große Ziel." Mama van der Linde also als Ratgeber auf dem Weg zum Titel.
Denn die Meisterschaft ist bei dem Vorsprung natürlich das große Ziel, auf die üblichen Floskeln verzichtet van der Linde inzwischen. Er ist der Gejagte, an ihm muss die Konkurrenz erst einmal vorbei. Generell müsse er aber mehr an sich arbeiten, auch auf der Strecke, gibt er zu, denn als Führender wird er mit jedem Rennen mehr und mehr zur Zielscheibe der Konkurrenz. Was das eine oder andere Scharmützel zur Folge hat.
Kelvin van der Linde.
"Mr. Cool" ist dann bisweilen aber doch noch zu sehr Hitzkopf. "Ich muss auf jeden Fall noch cooler werden, ich bin zu oft noch ein bisschen übermotiviert. In der Ruhe liegt die Kraft. Wir versuchen, das noch zu verbessern", sagte er. Denn das Pech wird kommen, glaubt er. "Der Punkt wird kommen, das ist im Laufe des Jahres normal. Deshalb gehe ich das Ganze etwas konservativer an", so van der Linde. Auch weil nach dem Nürburgring Strecken kommen, die dem Audi nicht ganz so liegen.

Porsche muss vorzeitig aufgeben

Auf dem Nürburgring hatte sich van der Linde gegen Gaststarter Luca Stolz (Toksport WRT) und Philip Ellis (Winward) keine Blöße gegeben. Enttäuschend verlief hingegen das Renndebüt für das Porsche-Team SSR Performance. Wegen eines technischen Defekts nach einer Berührung in der Anfangsphase musste Michael Ammermüller vorzeitig in Runde sieben aufgeben. "Es ist schwierig, wenn man so weit hinten startet. Ich hatte nur noch Untersteuern, und beim Boxenstopp haben wir nicht mal mehr den Reifen wechseln können. Leider Pech gehabt", sagte Ammermüller.
Neu an diesem Wochenende sind neben Ammermüller und Stolz auch Markus Winkelhock (Abt-Audi, für Sophia Flörsch, die aufgrund einer Terminkollision verhindert ist), Christopher Haase (Rosberg-Audi, für Dev Gore, der krankheitsbedingt ausfällt) und Hubert Haupt (HRT-Mercedes-AMG, Comeback nach 20 Jahren).
Haupt, immerhin 52 Jahre alt, wollte bei seinem dritten DTM-Einsatz nach 1991/92 und 2001 vor allem Spaß haben. Er wurde 18. Haase schied nach einem Plattfuß früh aus, Winkelhock landete auf Platz 16. Er hatte nach einer Kollision mit Lawson eine Durchfahrtsstrafe kassiert. Bis zu dem Zeitpunkt lag er auf Punktekurs.

DTM Nürburgring:
Ergebnis – 1. Rennen

1. Kelvin van der Linde (Südafrika) – Audi R8 LMS GT3 1:00:55,726 Std.
2. Luca Stolz (Brachbach) – Mercedes-AMG GT3 +4,749 Sek.
3. Philip Ellis (Großbritannien) – Mercedes-AMG GT3 +13,503
4. Mike Rockenfeller (Landschlacht/Schweiz) – Audi R8 LMS GT3 +14,050
5. Maximilian Götz (Uffenheim) – Mercedes-AMG GT3 +23,676
6. Marco Wittmann (Fürth) – BMW M6 GT3 +29,262
7. Sheldon van der Linde (Südafrika) – BMW M6 GT3 +33,058
8. Nico Müller (Schweiz) – Audi R8 LMS GT3 +34,495
9. Daniel Juncadella (Spanien) – Mercedes-AMG GT3 +34,723
10. Arjun Maini (Indien) – Mercedes-AMG GT3 +39,935

Fahrer-Wertung, Stand nach 7 von 16 Rennen

1. Kelvin van der Linde (Südafrika) – Audi 129 Pkt.
2. Maximilian Götz (Uffenheim) – Mercedes 84
3. Liam Lawson (Neuseeland) – Ferrari 80
4. Marco Wittmann (Fürth) – BMW 78
5. Philip Ellis (Großbritannien) – Mercedes 72
6. Mike Rockenfeller (Landschlacht/Schweiz) – Audi 61
7. Alexander Albon (Thailand) – Ferrari 54
8. Nico Müller (Schweiz) – Audi 44
9. Sheldon van der Linde (Südafrika) – BMW 42
10. Daniel Juncadella (Spanien) – Mercedes 23

Von

Andreas Reiners