DTM: Glock in der Krise

„Ich versuche den Hamilton-Trick“

Timo Glock wollte Meister werden. Jetzt liegt er nur auf Rang zwölf der DTM. Ein ehrliches Krisengespräch mit AUTO BILD MOTORSPORT.
Es läuft in dieser Saison nicht viel zusammen. Wie gehen Sie mit der Situation um, Timo Glock?
Timo Glock (37): Ich versuche, positiv heranzugehen und das Beste aus der Situation zu machen. Eine Stimme im Hinterkopf fragt aber immer: ‚Was mache ich falsch, dass es jetzt nicht so läuft?‘  Du hinterfragst dich mehr: ‚Hast du etwas am Ablauf geändert? Bist du nicht genug im Detail drin? Hättest du etwas anders machen können? Arbeitest du nicht hart genug? Was mache ich denn nur?‘ Diese Momente nagen an einem, es ist schwer.
Gibt es Abwärtsspiralen im Motorsport?
Es kann passieren, dass in einem Jahr einfach mal gar nichts zusammenläuft. Aber so ein Lauf, wie ihn zum Beispiel René Rast im Moment hat, der fehlt bei mir in der DTM.
Kommen bei Ihnen Selbstzweifel auf?
Die würden kommen, wenn ich hinterherfahre. Aber ich war vom Speed her immer dabei. Trotzdem: Du hinterfragst dich und deine Abläufe oder auch das Setup des Autos, ob man den richtigen Weg eingeschlagen hat. 2018 wussten wir blind, dass und wie es funktioniert. Dieses Jahr auch, trotzdem hast du immer kleine Zweifel.

Timo Glock fährt derzeit in der DTM hinterher

Mit wem machen Sie die Probleme in der DTM aus?

Meistens mit mir selbst, weil es in meinem Freundeskreis nur wenige gibt, die meine Situation verstehen. Und: Irgendwann nach so einem Wochenende hast du auch nicht mehr die Lust, immer nur über dasselbe zu reden. Denn du wirst dann andauernd mit den Problemen konfrontiert. Wie oft ich das Wort Pech schon gehört habe – das haftet inzwischen schon an mir. Es raubt Energie, wenn du immer wieder über die negativen Dinge reden musst. Ich versuche deshalb, es Zuhause nicht mehr zu tun und abzuschalten, es wegzudrücken.
Gelingt Ihnen das?
Die Gedanken sind immer da. Meine Frau sagt immer: ‚Du bist vergesslich geworden‘. Ich bin aber meistens nur vergesslich, wenn ich über diese Dinge nachdenke. Sie sagt etwas, aber es kommt nicht an, weil ich darüber nachdenke, wie ich aus der Situation komme. Ich bin dann mit dem Kopf nicht zu 100 Prozent da.
Wie hilft Ihnen Ihre Familie?
Wenn ich am Rennwochenende Videos von meinen Kindern bekomme – da relativieren sich die Probleme. Oder: Ich kenne einen sechs Jahre alten Jungen, der ist schwer krank. Das sind Probleme. Meine sind da nur Randnotizen. Das realisierst du, wenn du Kinder hast, das holt sich in die Realität zurück, nordet dich immer wieder ein. Oder wie Kinder denken: Wenn Mika sagt: ‚Papa, du hast mir gar keinen Pokal mitgebracht‘ und sofort meint: ‚Dann lass uns Fußball spielen gehen‘. Das sind die Dinge, mit denen die Kinder dich zurückholen. Sie leben dir vor, wie einfach man denken sollte. Sie denken im Jetzt.
Der Kopf spielt im Sport eine große Rolle. Haben Sie daran gedacht, mit einem Mentaltrainer zusammenzuarbeiten?
Ich habe schon oft mit Mentaltrainern zusammengearbeitet und habe versucht, das herauszuziehen, was mir hilft. Aber das Mentale verhindert die aktuelle Situation nicht. Da kann der Mentaltrainer noch so gut sein. Ein Beispiel aus der Formel 1: Lewis Hamilton hat in den letzten Jahren nie etwas Negatives gesagt, für ihn gibt es nur positiv. Und: Er macht immer genau das, was er will. Das ist der ausschlaggebende Punkt, warum er so stark ist, warum er den Schritt vor den anderen ist. Das ist der Trick, den ich auch versuche: Das Ganze positiv zu sehen. Es funktioniert nur nicht so ganz im Moment.
Sie fahren erstmals seit ihrem Debüt 2013 nicht im „Yellow Beast“. Wie viel Aberglaube gehört für Sie dazu?
Es gibt viele, die mir das schon gesagt haben. Mein Mechaniker hat jetzt „Yellow Beast“ anstatt „Bloody Mary“ ans Auto geklebt. Hat aber auch nicht so funktioniert. Im Ernst: Die Farbe ändert die Situation nicht.
Wie gehen Sie die Saison weiter an?
Mein Ziel ist es, mein Team aus dem Tief herauszuziehen. Die Saison geht jetzt von vorne los, wir müssen ausblenden, was war. Am Ende bin ich auch dafür da, BMW im Titelkampf zu unterstützen.
Wurmt es Sie, dass Sie der schlechteste BMW-Pilot sind?
Ich habe seit Hockenheim nicht mehr auf die Tabelle geschaut. Was bringt es mir, wenn ich darauf schaue und negative Gedanken bekomme?
Wann war Ihre Saison doch noch erfolgreich?
Wenn ich konstant vorne reinfahre und aus dem Tief herauskomme.
Ist es trotzdem eine verlorene Saison?
In meinem Alter ja (lacht). Jede Saison ist verloren, in der ich nicht um die Meisterschaft fahre. Ich bin keiner, der vorher herumposaunt, dass er Meister werden will. Aber im Innern war ganz klar mein Ziel, um die Meisterschaft zu fahren.
Wie viele gute Jahre stecken noch in Timo Glock?
Es gibt Beispiele wie Gabriele Tarquini, der ist 57 Jahre alt und immer noch schnell. Ich denke nicht darüber nach, wie lange es noch geht. Momentan bin ich vom Speed her dabei und habe viel, viel Spaß daran. Ich warte ab, was noch kommt.

Autoren: Andreas Reiners, Bianca Garloff

Fotos: Picture-alliance

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