Lucas di Grassi (37) kann sich noch genau erinnern. So ein Bild sieht man schließlich nicht jeden Tag. Der Brasilianer thronte in Macau nach einem Massencrash ganz oben auf dem „Trümmerfeld“, in dem zwölf der 20 Fahrer des GT-Weltcups feststeckten. „Ja, das Auto mit der Nummer elf, das bin ich“, lacht di Grassi, als das Bild auf der Pressekonferenz vor seinem Gaststart am vorletzten Rennwochenende der DTM in Hockenheim eingeblendet wird.
Er nimmt es mit Humor, dass sein letzter Einsatz in einem GT-Auto so abrupt wie kurios endete. Ähnlich kurios ist auch sein DTM-Gastspiel: Es ist ein Abschiedsgeschenk des Abt-Teams nach sieben gemeinsamen Jahren in der Formel E. Entsprechend ist auch das Design des Audi R8 LMS GT3 (ca. 550 PS) gestaltet: Der Renner fährt im Look von Di Grassis Formel-E-Meisterauto aus der Saison 2017/18. Eine Hommage an eine erfolgreiche Pionierzeit in der Elektroformel.
Lucas di Grassi
Dabei hielt der Brasilianer die Idee zunächst für einen Witz. „Als Abt-Teamchef Thomas Biermaier mir diese Idee in Berlin erzählt hat, dachte ich, er macht einen Witz“, verrät der Brasilianer. Seine Reaktion? Ein Gegen-Scherz: „Ich habe gesagt: ,Wenn du mir genug bezahlst, dann fahre ich!‘ Doch dann wurde aus dieser verrückten Idee mehr und mehr Wirklichkeit.“
Abt-Audi ist Ende 2021 aus der Formel E ausgestiegen. Mit Lucas di Grassi am Steuer war das Team von Anfang an dabei. Doch di Grassi bleibt der Formel E erhalten. 2022 fährt der Brasilianer für Venturi.
Darüber hinaus will er ein weiteres Engagement nicht ausschließen. „Ich weiß nicht, was ich in zwei, drei Jahren machen werde, aber falls ich nicht Formel E fahre, dann wäre die DTM wahrscheinlich meine erste Wahl, denn die Meisterschaft ist extrem hochkarätig“, sagt er.
Da die DTM 2021 erstmals auf ein GT3-Reglement setzt, bekommt di Grassi als Abschiedsgeschenk zunächst einmal die Chance zur „Wiedergutmachung“ nach dem Macau-Erlebnis. „Mein letztes GT-Rennen habe ich mit einem Crash oben beendet, aber nicht oben in den Ergebnislisten“, lacht er: „Macau war ein Desaster, daher habe ich im GT-Auto noch eine Rechnung offen."
Kelvin van der Linde
Um die begleichen zu können, absolvierte er in der vergangenen Woche einen Testtag in Hockenheim, teilte sich dabei das Auto aber mit seinen Abt-Teamkollegen Kelvin van der Linde und Mike Rockenfeller. Di Grassi: „Da war jede Runde wertvoll, um die Strecke und das Auto zu lernen. Aber es war nicht genug, denn die Fahrer-Qualität in der DTM schätze ich als sehr stark ein. Da ist es extrem schwierig, mal eben in das Feld zu springen."
Sein Ziel ist deshalb vergleichsweise bescheiden. „Ich habe sehr wenig Erfahrung mit dem GT3-Auto. ABS, Traktionskontrolle, Schalten – das sind alles Dinge, die ich gar nicht mehr gewohnt bin“, so di Grassi. „Ich werde ein bisschen Spaß haben in der DTM, die Titelkandidaten oder die anderen nicht allzu sehr stören und einfach meine ersten Erfahrungen sammeln.“
Sollte sich die Gelegenheit ergeben, dass er van der Linde im Titelkampf unterstützen kann, wird er das natürlich tun. „Wenn ich mich in so einer Position befinden würde, dann hätte ich bereits ein großes Ziel erreicht“, räumt di Gassi ein. „Ich würde ihm definitiv helfen, obwohl es sehr unwahrscheinlich ist.“
Gebrauchen könnte van der Linde die Hilfe durchaus, er ist inzwischen mit 160 Punkten nur noch Gesamtdritter. In Führung liegt vor dem vorletzten Rennwochenende in Hockenheim Liam Lawson (AF Corse), der Neuseeländer hat 175 Punkte. Mit 165 Zählern Zweiter ist Marco Wittmann (Walkenhorst/165). Ebenfalls im Titelrennen befindet sich Maximilian Götz, der HRT-Pilot ist Vierter mit 150 Zählern.

Von

Bianca Garloff
Andreas Reiners