Ist der jüngste DTM-Sieger aller Zeiten Red Bulls neue Formel-1-Hoffnung? Fest steht, der erst 19 Jahre alte Neuseeländer Liam Lawson hat nicht nur die DTM im Sturm erobert. Dort liegt er als Rookie mit seinem AF Corse Ferrari 488 GT3 Evo 2020 nach sechs Rennen und einem Sieg auf Platz zwei in der Meisterschaft. Seinen Formel-1-erfahrenen Teamkollegen Alexander Albon hat er dabei locker im Griff.
Was noch wichtiger ist: „Kiwi“ Lawson hat den harten aber gerechten Red-Bull-Motorsportchef Helmut Marko (78) mit seinen Auftritten in der DTM und in der Formel 2 (ebenfalls schon ein Sieg) schon in der Sommerpause überzeugt. Marko, der über die Karrieren der Red-Bull-Kaderpiloten entscheidet, zu F1-Insider.com: „Lawson ist ein typisch cooler Neuseeländer in der Tradition eines Bruce McLaren. Er ist mit seinen noch jungen Jahren schon sehr aufgeräumt in Kopf und weiß genau, was er will. Er hat das Niveau, einmal in der Formel 1 zu fahren.“
Das Problem schildert der Doktor der Rechtswissenschaften aber gleich mit: „Es ist im Moment schwierig, eines unserer Talente unterzubringen. Eigentlich sind wir dicht für nächste Saison. In der Sommerpause werden wir darüber nachdenken, wer 2022 wo fahren wird.“
Nach seinem Sieg in Monza und soliden Auftritten bei den folgenden DTM-Rennen rückt Liam Lawson ins Formel-1-Visier
Soll heißen: Im Moment scheinen die Österreicher weder bei Red Bull Racing noch beim Schwesterteam Alpha Tauri einen Fahrerwechsel vornehmen zu wollen. Superstar Max Verstappen ist gesetzt, Teamkollege Sergio Perez steht noch leicht auf dem Prüfstand. Es ist aber unwahrscheinlich, dass der erfahrene Mexikaner nach nur einem Jahr als Teamkollege des als schier unschlagbar geltenden Niederländers ersetzt wird.
Bei Alpha Tauri baut man weiterhin auf Teamleader Pierre Gasly. Auch wenn der Franzose sich zu höheren Aufgaben berufen fühlt, macht Marko klar: „Er fährt in der Form seines Lebens und wird im nächsten Jahr bei Alpha Tauri gebraucht. Erst dann werden wir darüber nachdenken, ob er familienintern das Team wechselt oder wir ihn freigeben werden.“ Gaslys größter Nachteil: Er scheiterte vor zwei Jahren als Teamkollege Verstappens und wurde mitten in der Saison zu Alpha Tauri (damals noch Toro Rosso) zurückversetzt. So etwas vergisst Marko nicht.

Lawson hält den Ball flach

Allein: Größter Wackelkandidat ist im Moment der Japaner Yuki Tsunoda (21). Tsunoda gilt zwar als Riesentalent, produzierte in der ersten Saisonhälfte aber auch einige unnötige Unfälle. „Der Kopf ist nicht nur zum Aufsetzen des Helms da, sondern auch zum Nachdenken“, machte ihm Marko deshalb klar. Dass er das bei Red Bulls eigener Webseite Speedweek verriet, macht die Sache für Tsunoda nicht einfacher. Marko: „Er ist jung, mit viel japanischer Mentalität, aber er macht Fehler, wenn sie gar nicht nötig sind, wie beim ersten Training. Aber es wird gut. Er hat noch Zeit.”
Wie viel Zeit, lässt Marko offen. Fest steht: Wenn Tsunoda nach der Sommerpause sein Talent nicht auch in Ergebnisse ummünzen kann, kommt Lawson ins Spiel. Der weiß das, hält aber den Ball lieber flach. Selbst über einen F1-Einsatz in einem der Freitagtrainings hat er sich noch keine Gedanken gemacht: „Es gibt da bisher keine Gespräche. Ich muss mir zuerst einmal die nötigen Punkte für die Superlizenz sichern. Ich denke, wenn solche Gespräche beginnen, wird auch das Formel-1-Debüt bald folgen, aber noch passiert nichts. Ich konzentriere mich auf das, was ich in meinen zwei aktuellen Meisterschaften erreichen will.“
Diese von einem klaren Kopf zeugenden Worte werden auch dem Doktor gefallen.

Von

Ralf Bach