Elephant Trucks by Osterath baut Expeditionsfahrzeuge
"Wir hauchen Lkw von der Feuerwehr neues Leben ein"

Bild: Fabian Hoberg
- Fabian Hoberg
Was macht ein Messebauer, wenn in der Covid-Pandemie die Aufträge ausfallen? Er lässt sich ein Expeditionsfahrzeug bauen. Und schiebt damit einen neuen Unternehmensbereich an. Elephant Trucks by Fahrzeugbau Osterath, einem Spezialisten für Nutzfahrzeuge.
Was waren das für bittere Monate. Als die Covid-Pandemie Anfang 2020 ausbricht, ändert sich die Welt und damit das Leben aller. Neben vielen traurigen Momenten hat die Pandemie auch ein paar positive Begleiterscheinungen mit sich gebracht. Dazu zählt unter anderem die Gründung von Elephant Trucks.

Einer seiner Lieblingsplätze: Michael Osterath hinter dem Lenkrad seines selbst gebauten Wohnmobils.
Bild: Fabian Hoberg
Und die Geschichte geht so: Einem Messebauer bricht während der Covid-Pandemie das Geschäft zusammen. Keine Messen, keine Messebauten. Dafür aber sehr, sehr viel Freizeit. Der Geschäftsmann grübelt, erinnert sich an einen langgehegten Wunsch: ein eigenes, individuelles Expeditionsfahrzeug bauen. Oder bauen zu lassen.
Der Messebauer sucht sich ein gebrauchtes Feuerwehrfahrzeug und entwickelt spezielle Ideen für den Umbau. Als langjähriger Kunde der Firma Osterath in Willich am Niederrhein fragt er den technischen Geschäftsführer Michael Osterath um Rat. Sie entwickeln gemeinsam das Fahrzeug, und Osterath baut es.
Doch schon vor der Fertigstellung verkaufte der Kunde seinen Expeditions-Lkw und plante gleich den zweiten und dritten Lkw mit Osterath. Ein neues Geschäftsfeld entsteht: Elephant Trucks by Osterath.
Erfahrung aus 170 Jahren
Dazu muss man wissen: Die Firma Osterath existiert seit rund 170 Jahren und ist am Niederrhein eine feste Größe im Nutzfahrzeugsektor – anfangs als Hufschmied, dann als Kutschen-Reparaturbetrieb und Kutschenbauer. Seit 1930 repariert das Unternehmen Lastwagen, entwickelt Spezialanhänger sowie Kofferaufbauten aus Aluminium und seit ein paar Jahren in Sandwich-Bauweise.
Osterath Fahrzeugbau entwickelt und baut Einzelstücke und Kleinserien für Unternehmen aus der Region – hochwertige Spezialbauten, die ein Serienhersteller nicht anbietet. 25 Mitarbeiter kümmern sich derzeit um den Service wie Wartungsarbeiten an Lkw und um Fahrzeugbau.
Als Schweiß-Fachbetrieb bearbeiten die Mitarbeiter auch Unfallfahrzeuge. "Bis auf Motor und Getriebe reparieren und erneuern wir alles an Lastwagen, Anhängern und Aufliegern", sagt Michael Osterath. Als Spezialist für Nutzfahrzeuge kombiniert das Unternehmen 170-jährige Erfahrung mit Innovationen.

Während der Corona-Pandemie wurde Elephant Trucks ins Leben gerufen.
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Michael Osterath, Jahrgang 1975, klingt das Zischen der Druckluftbremse schon seit seiner Kindheit im Ohr. Mit 21 macht er den Lkw-Führerschein, absolviert eine Ausbildung zum Industriemechaniker und studiert anschließend parallel Maschinenbau, bildet sich zum Schweißfachingenieur weiter.
Er arbeitet lange als Entwicklungsingenieur und Projektleiter bei Palfinger, einem Spezialisten für Hubarbeitsbühnen und Ladekräne. Seit 2014 leitet er gemeinsam mit seinem Bruder Thomas nun in fünfter Generation den Fachbetrieb Osterath. Ein Mann, der sich mit Lkw und Aufbauten schon ewig auskennt.
Und doch ist für ihn die Entwicklung eines Expeditionsfahrzeugs anfangs neu. Der Maschinenbauer entwickelt und tüftelt nach dem ersten Kundenfahrzeug erstmals an seinem eigenen Expeditionsmobil, will wissen und lernen, worauf es bei den Wüsten-Womos für harte Expeditionen ankommt.
Ehemalige Feuerwehrautos werden zu Wüsten-Womos
Das Fahrzeugbauunternehmen kauft vier ehemalige Feuerwehrautos, baut sie nach eigenen Vorstellungen um und verfeinert den Ausbau immer mehr, damit dieser selbst die härtesten Touren über Stock und Stein anstandslos überlebt.
Direkt wird klar: Zuerst muss das Trägerfahrzeug stimmen und zu den Kundenanforderungen passen. Gerade bei älteren Feuerwehrfahrzeugen sind Akustik, Schadstoffeinstufung und Getriebeart wichtig. "Ältere Fahrzeuge können laut und auf Dauer unkomfortabel sein, sind dafür aber sehr robust und einfacher zu reparieren als moderne Fahrzeuge, vor allem abseits der Zivilisation", erklärt Michael Osterath.

Michael Osteraths eigener Elephant Truck basiert auf einem Mercedes 1222 AF, Baujahr 1985. Für ihn die perfekte Basis.
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Feuerwehrfahrzeuge wie Löschgruppenfahrzeuge (LF) oder Sonderlöschfahrzeuge (SLF) bieten den Vorteil, dass sie wenig Laufleistung haben, gut gepflegt wurden, robust und meist günstig zu haben sind. Vor allem sind sie auf dem Gebrauchtwagenmarkt direkt verfügbar – auf Neufahrzeuge warten Besteller bis zu einem Jahr. Als Basis für die maßgeschneiderten Expeditionsfahrzeuge kommen vor allem Allradmodelle infrage, die mit der passenden technischen Ausstattung konfiguriert sind. Die Trägerfahrzeuge können klein oder groß sein, alt oder neu.
Elephant Trucks übernimmt alle Anpassungsarbeiten, plant den selbsttragenden und pulverbeschichteten Zwischenrahmen und bereitet das Fahrzeug für die Wohnkabine vor. Die Rahmenbefestigung erfolgt mithilfe von Führungsschienen und Spiralfedern. Je nach Größe und Aufwand ändert sich dabei die Länge des Rahmens und des Radstandes, die Ausführung der Tankanlage und die Position der Aggregate.
Besonderes Augenmerk auf perfekten Zwischenrahmen
Ein besonderes Augenmerk legt Michael Osterath auf einen perfekten Zwischenrahmen, damit sich im Gelände das Chassis frei unter dem verwindungssteifen Rahmen bewegen kann und bei Verdrehung des Fahrgestells die Geländegängigkeit des Gefährts nicht nennenswert einschränkt.
Die neue Geschäftsidee scheint anzukommen: 2022 verkauft die Firma Osterath drei ihrer fertigen Expeditionsmodelle, konzentriert sich nun auf die Projektentwicklung von Kundenfahrzeugen. Bei der Allradmesse 4x4 Rhein-Waal 2023 in Kalkar am Niederrhein stellt sie erstmals ihre Fahrzeuge aus, ist vom Interesse daran überwältigt.
In jedem Fahrzeug stecken vier bis sechs Monate Arbeit
Je nach Aufwand benötigt Elephant Trucks bis zu 600 Arbeitsstunden, zwischen vier und sechs Monate pro Fahrzeug. Damit das Fahrzeug zu den Anforderungen passt, ist die Vorbesprechung mit den Kunden wichtig. "Manche legen mehr Wert auf Komfort, andere wiederum auf extreme Robustheit. Das Anforderungsprofil bestimmt dann die Länge des Fahrzeugs und der Wohnkabine", sagt Osterath.
Die meisten Kunden beschäftigen sich seit Jahren mit ihrem Projekt, haben konkrete Vorstellungen von ihrem Traumfahrzeug. "Sie wissen genau, was sie wollen. Wir beraten sie zwar noch hinsichtlich der Technik und der Umsetzung, aber im Grunde haben die meisten Kunden ihr fertiges Auto schon im Kopf", erklärt Osterath.

Osterath entwickelt neben gebrauchten Lkw auch Neufahrzeuge zu Expeditionsfahrzeugen.
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Bis zu acht der speziellen Fahrzeuge können in der großen Halle pro Jahr entstehen. Neben dem neu konzipierten Zwischenrahmen zählen Anpassungen an der Fahrerkabine, Rahmenänderungen oder neue Anbauteile zu den Veränderungen. Die Osterath-Mitarbeiter kürzen Fahrerhäuser, verschieben den Radstand, passen den Überhang an, montieren verschiedene eigene Heckträgerlösungen oder Dachträger.
Eigene Lackierhalle
Auch ums Fahrwerk rund um Räder-Reifen-Kombinationen wie große Singlebereifung wird sich gekümmert. "Wir sind sehr flexibel und bauen nach Kundenwunsch ganz individuell", erklärt Osterath. In der eigenen Lackierhalle erhalten die Fahrzeuge anschließend eine neue Lackschicht nach Wunsch, ebenso wie die Wohnkabine.
Die leere Wohnkabine konzipiert Elephant Trucks in Absprache mit dem Kunden und, wenn gewünscht, mit dem Innenausbauer Auszeitwagen in Wuppertal. Auf einem Zwischenrahmen transportiert Elephant Trucks die Wohnkabine dann nach Wuppertal, holt sie nach Fertigstellung des Innenausbaus wieder ab und verheiratet sie mit dem Fahrgestell.

Gern wäre Michael Osterath mehr mit seinem Mercedes 1222 AF unterwegs – wenn er mehr Zeit hätte.
Bild: Fabian Hoberg
Bei der Zusammenarbeit mit Auszeitwagen sei es praktisch, dass sich das gesamte Fahrzeug mit allen Anschlüssen und Anbauteilen wie Kästen und Tanks durchplanen lässt und so ein reibungsloser und zügiger Ablauf entsteht. "Durch unsere große Erfahrung, die große Fertigungstiefe und unsere vielen Mitarbeiter können wir Kundenaufträge schnell umsetzen", sagt Osterath. Wenn gewünscht, berät der Fachmann den Kunden natürlich auch beim Kauf des Trägerfahrzeugs.
Der Aufwand hat seinen Preis
Der Markt der Expeditions-Lkw in Deutschland ist klein, schätzungsweise entstehen nur rund 100 Einheiten pro Jahr. Elephant Trucks hat seit 2020 insgesamt 25 Fahrzeuge entwickelt. Der Umbau eines Ex-Feuerwehrwagens kostet bei Elephant Trucks je nach Aufwand zwischen 80.000 und 120.000 Euro, dazu kommt der Innenausbau von Auszeitwagen, der je nach Aufwand zwischen 150.000 und 200.000 Euro liegt.
Viel Geld, klar, aber immer noch deutlich günstiger, als ein Expeditionsfahrzeug von der Stange zu kaufen. Die meisten Fahrzeuge bekannter Marken kosten nämlich weit mehr als eine halbe Million Euro.
Michael Osterath hat sich als Expeditions-Elephant einen Mercedes 1222 AF, Baujahr 1985, mit nur 40.000 Kilometer Laufleistung ausgesucht. Ein Auto wie aus dem Vollen gefräst, sehr gut gewartet, stabile Technik, nahezu unverwüstlich.
Das Highlight: Als Terrasse hat sich Osterath eine hydraulische Ladebordwand ans Heck montiert. Seine Frau hat für das gemeinsame Projekt übrigens extra einen Lkw-Führerschein gemacht. Gemeinsam geht es damit jetzt in den Urlaub – die schönen Wochen im Jahr genießen. Ganz ohne Covid-Pandemie.
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