Er hat ihn extra nicht gewaschen. Zu viel Heimaterde klebt an dem blauen Kleinwagen, an Schmutzfängern und den Stoßstangen. 2250 Kilometer ist Oleksandr Bilyi mit seinem ZAZ Tavria aus der Ukraine nach Deutschland gefahren. Geflüchtet vor dem Krieg, wie so viele in diesen Wochen.
Die meisten kommen per Zug oder Bus, manche mit modernen westlichen Autos. Mit einem ZAZ die wenigsten. Er wurde einst vom ukrainischen Autobauer Saporisky Awtomobilebudiwny Sawod gebaut, von 1987 bis 2007.
Der Tankdeckel ging unterwegs verloren. Pragmatischer Ersatz: Deckel einer Thermoskanne.

Am 1. März fährt Oleksandr los. Seine Uhr zeigt kurz vor 12 Uhr, aber im Grunde ist es schon kurz nach zwölf. Seine Heimatstadt Winnyzja liegt 260 Kilometer südwestlich von Kiew. Gleich am ersten Tag des Krieges sind dort Raketen eingeschlagen. Alles, was der 71-Jährige aus seiner Eigentumswohnung mitnimmt, sind ein paar Kleidungsstücke und ein halb fertiges Modellboot.
"Ein Segelschiff aus Holz, das möchte ich noch zu Ende bauen", sagt der Ingenieur im Ruhestand. Er hat Lebensmittel für mehrere Tage dabei, für sich und seine Katze, die ihn begleitet. Auch die selbst gemachte Kirschmarmelade packt er in den Kofferraum. "Die sollte nicht den Russen in die Hände fallen", sagt Oleksandr und lächelt.
Seine Tochter, die seit vielen Jahren in Winsen/Luhe (Niedersachsen) lebt, koordiniert seine Flucht. Die Grenzübergänge nach Polen sind zu voll. Also schickt sie ihn zunächst in Richtung Rumänien. Um dann nach Ungarn umzuleiten. Mit seinem betagten 53-PS-Auto rumpelt Oleksandr durchs Kriegsgebiet. Immer wieder muss er stoppen, weil Fliegeralarm ist. Er hält dann rechts am Straßenrand. Und bleibt einfach sitzen. "Wohin hätte ich denn rennen sollen?", fragt er.
„Ich bin mit dem Auto immer zum Surfen gefahren. Das Brett kam aufs Dach, das Segel in den Kofferraum“, sagt Oleksandr.

Überall gibt es Straßensperren, bis zur Grenze sind es rund 700 Kilometer. Einmal braucht er für 120 Kilometer über 30 Liter Benzin, weil alles so lange dauert. In der Ukraine tankt er noch Sprit mit 92 Oktan, sein ZAZ ist genügsam.
"Nachts durfte ich nicht fahren, weil die Beleuchtung aus sein musste", sagt Oleksandr. Als er an einem Hotel hält, weist ihn das Personal ab. Es sei Sperrstunde. Also schläft er im Auto. Seine Sitze haben nicht mal Kopfstützen. "Es gibt zwar Löcher dafür, aber das Auto wurde damals ohne ausgeliefert."
2002 hat er den Wagen für umgerechnet 2400 US-Dollar gekauft. Ein Neuwagen aus ukrainischer Produktion. Meistens ist er damit nur zu seiner Datsche und an den See gefahren. "Zum Surfen, das Brett habe ich aufs Dach geschnallt, das Segel bei umgeklappter Rückbank einmal längs ins Auto geschoben." Wieder lächelt Oleksandr. Er spricht Russisch, seine Muttersprache – und ein paar Brocken Deutsch. "Die habe ich aus deutschen Surf-Magazinen gelernt."
Wie beim Lada Niva liegt auch beim ZAZ das Ersatzrad unter der Motorhaube. Die öffnet nach vorn.

Oleksandr ist Patriot, aber dass er ZAZ fährt, hat wenig damit zu tun. Eher mit seinen finanziellen Möglichkeiten. "Ich bekomme umgerechnet 70 Euro Rente im Monat." Ersatzteile gab es, neu und gebraucht, auf einem Markt in seiner Heimatstadt. Kleinigkeiten reparierte er selbst.
"Ich habe mir 1997 auch mal einen gebrauchten Audi 100 hier in Deutschland gekauft. Aber der war im Unterhalt für mich viel zu teuer."
Nun fährt er also ZAZ. Ein Auto, das ganz gut zeigt, wie eng Russen und Ukrainer miteinander verwoben sind. "Zum Teil passen auch Ersatzteile vom Lada", sagt Oleksandr. Und als das Modell mal für kurze Zeit in Deutschland angeboten wird, übernimmt Lada auch den Vertrieb. Ach ja, gegründet wurde das Unternehmen 1863 im deutschsprachigen Dorf Schönwiese von einem Deutschrussen. "Alles ist miteinander verbunden, warum haben uns die Russen dann angegriffen?", sagt Oleksandr.
Er ist froh, endlich in Deutschland zu sein. "Wir haben damals zwar geübt, uns bei Luftangriffen in Schutzräume zu begeben. Aber da ging es noch um die Amerikaner als Aggressor."
Die drei Finger sind das Freiheitssymbol der Ukrainer.

Aktuell wohnt Oleksandr bei seiner Tochter (46) und seiner Enkelin (9). "Ich hätte nicht gedacht, dass er es mit seinem kleinen, alten Auto bis hierher schafft", sagt seine Tochter Kateryna. Aber das kleine Wunder gelang. Der ZAZ hielt durch. Jetzt hofft Oleksandr, dass er irgendwann zurück in die Heimat kann. Sein treuer Gefährte, der ZAZ, soll allerdings in Deutschland seinen Gnadensprit bekommen.
Für ihn sucht er einen Sammler. Die Abgabe erfolgt gegen Gebot, der Ukrainer kann jeden Euro gut gebrauchen.

Technische Daten: ZAZ-1102 TAVRIA NOVA

Motor: Vierzylinder, v. quer, 1093 cm3
Leistung: 39 kW (53 PS)
Drehmom.: 80,5 Nm/3000 min.
Antrieb: Front / 5-Gang-Getriebe
L/B/H: 3708/1554/1410 mm
Leergewicht: 1190 kg
0-100 km/h: 16,2 s
Höchstgeschw.: 145 km/h