Ein 72-Jähriger missachtet in einer 30er-Zone die Vorfahrt und verursacht einen Unfall. Die herbeigerufene Polizei stellt bei dem Senior mangelnde Beweglichkeit von Halswirbelsäule, Armen und Beinen fest, dazu nervliche und geistige Defizite. Ein Augentest zeigt weitere Einschränkungen. Das Auto muss stehen bleiben, die Führerscheinstelle wird benachrichtigt und eine ärztliche Untersuchung angeordnet. Die ergibt: Arthrose, beginnende Demenz sowie ein "grauer Star" mit eingeschränktem Sehfeld. Der Führerschein wird eingezogen und ein Strafverfahren eingeleitet.

Die Polizei erhält neue Befugnisse

Fälle dieser Art könnten bald alltäglich sein, denn nun kommt die QFP – die "Qualifizierte Fahrtüchtigkeitsprüfung". Sie stattet Polizisten mit speziellen Befugnissen aus, trainiert sie medizinisch und macht sie quasi zu Assistenzärzten im ­Verkehr. "Besonders geschulte ­Polizeibeamte dürfen nach einer zertifizierten Fortbildung die Fahrtüchtigkeit kontrollieren", erklärt Dieter Müller, Professor an der Hochschule der Sächsischen Polizei. Er wertet ein Pilotprojekt der Verkehrspolizeiinspektion Leipzig wissenschaftlich aus. "Bisher fehlte der Polizei die nötige Qualifizierung, um anhand körperlicher, geistiger und charakterlicher Eigenschaften die Fahrtüchtigkeit eines Autofahrers festzustellen", sagt Verkehrsjurist Müller. Die QFP gibt rechtliche Handlungssicherheit.
Der polizeiliche Prüfbogen erfasst, ob ein Autofahrer "gereizt" ist oder eine "schlaffe Haltung" hat.
Bild: AUTO BILD
Das Thema ist heikel. Mit einer überarbeiteten Führerscheinrichtlinie will die EU Senioren regelmäßig zum Eignungstest schicken. Solche "Zwangsuntersuchungen" lehnt Verkehrsminister Volker Wissing (FDP) bislang ab. Mediziner raten zu freiwilligen Fahrchecks für Senioren, um zum Beispiel ­Bewegungseinschränkungen und kognitive Defizite zu diagnosti­zieren. "Einzig die Sehfähigkeit ­gehört regelmäßig untersucht, ­unabhängig vom Alter", meint Unfallforscher Siegfried Brockmann vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft. Die polizeiliche Fahrtüchtigkeitsprüfung am Straßenrand sieht der Experte "grundsätzlich skeptisch, denn die Folgen können für Autofahrer im Zweifelsfall unangenehm und teuer werden".

Der Gesundheitstest ist ein Pilotprojekt – noch

Neben Sachsen wendet Niedersachsen die QFP mittlerweile an. Dort führen mehr als 150 ausgebildete Polizeibeamte den standardisierten Check durch. "Die Gesundheitskontrolle ist aber ­keine ärztliche, sondern nur eine polizeiliche", beschwichtigt Jürgen Kanngießer, Leiter der Autobahnpolizei Hildesheim und Projektinitiator, "medizinische Untersuchungen machen nur Ärzte".
Tatsächlich? Das polizeiliche Screening samt körperlichem ­Mobilitätstest hat es in sich: Der "Nacken-Schürzengriff" etwa soll Aufschluss über den Zustand des Schulter-, Ellbogen- und Handgelenks sowie des Daumens geben. Dabei muss der Autofahrer seine Arme auf den Rücken biegen und die Handflächen nach innen drehen, als würde er eine Schürze binden. Der Schulterblick rechts und links testet die Halswirbelsäule. Mit dem "Hacke-Spitze-Test" wollen die Ordnungshüter Muskelkraft, Koordination und nervliche Störungen im Fußbereich überprüfen.
Auch die Medikamenteneinnahme wird von den Beamten abgefragt. So kann bei Blutdruckmedikamenten ein Wechsel der Dosis zu einer Fahruntüchtigkeit von etwa zehn Tagen führen. Autofahrer sollten beim Test hellwach sein: "Mangelnde Gedächtnisfunktionen sowie Reaktions- und Aufmerksamkeitsdefizite können ein Hinweis auf eine Hirnleistungsstörung sein", erläutert Polizist Kanngießer. Das könne praktisch Alzheimer-Demenz bedeuten.
Senioren­unfall: In der Hamburger Waitzstraße krachten immer wieder Autos in Geschäfte.
Bild: Marco Zitzow / BILD
Schwerpunkt der Gesundheitsüberprüfung ist der Augentest. Eine Auswertung von mehreren Hundert Pkw-Unfällen in Hamburg ergab: Bei etwa 18 Prozent der Unfälle mit ungeklärter Ursache hatten die Autofahrer erhebliche Sehprobleme. Augenärzte der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) gehen von einer hohen Dunkelziffer in diesem Bereich aus. Gemeinsam mit der niedersächsischen Polizei entwickelten sie das "Car-side-Testing". Der ­Augentest umfasst die Prüfung auf Lichtreize, Sehschärfe und Gesichtsfeld. Die Reaktionsprüfung der Augen auf Licht sind aus der Drogenerkennung bekannt. Eine Sehschärfeüberprüfung mittels ­genormter Lesetafel oder Smartphone-App schließt den Test ab.
Verpflichtend ist der Fahrtüchtigkeitstest am Wegesrand nicht. Aber: Weigert sich der Autofahrer, kann der Polizeibeamte schwe­rere Geschütze auffahren: "In diesen Fällen wäre das Untersagen der Weiterfahrt eine Maßnahme", ­erklärt Polizeihauptkommissar Jürgen Kanngießer, "dies könnte auch unter Anwendung von Zwang geschehen." Dann kann auch ein Drogen- oder Alkoholtest mit Blutprobe angeordnet werden.

Schlimmstenfalls droht die MPU, der "Idiotentest"

Ein umfangreicher Auswertungsbogen fasst die Gesundheitskontrolle am Straßenrand zusammen. "Die Prüfungsauswertung gilt als Grundlage für eine Beschlagnahme des Führerscheins und den Entzug der Fahrerlaubnis durch das Gericht", erläutert Verkehrsjurist Dieter Müller. Zudem kann die Straßenverkehrsbehörde den Autofahrer auch zum Augenarzt oder zur medizinisch-psychologischen Untersuchung (MPU, "Idiotentest") schicken.
Pilotprojekte auf Landesebene sollen Erkenntnisse zur Weiter­entwicklung der QFP liefern. So ließe sich der Prüfbogen mittels Punktesystem verfeinern. Defizite beim Sehen könnten mehr zählen als ein eingeschränkter Schulterblick. Ab einem gewissen Punktwert muss der Wagen dann stehen bleiben. Eine gute Idee, findet ­Verkehrsprofessor Müller: "Der qualifizierte Fahrtüchtigkeitstest kann die Unfallzahlen drastisch senken. Er sollte bundesweit eingeführt werden."