Falsches Mittel zur falschen Zeit: Kommentar
Warum die neue Sprit-Regel krachend ins Leere läuft

Die Spritpreise explodierten zu Ostern. Die neue 12-Uhr-Regelung hat versagt. Ein Blick auf europäische Nachbarn zeigt, wie es effektiver geht.
Bild: AUTO BILD intern
Wer etwas anderes erwartet hatte, wurde am langen Wochenende heftig enttäuscht. Die Spritpreise zogen zu Ostern noch einmal deutlich an. Rund 2,45 Euro kostete ein Liter Diesel im Bundesdurchschnitt am Ostermontag laut ADAC. Dazu kamen teils drastische Preissprünge von über zehn Cent innerhalb eines Tages. Im bundesweiten Frust dürften viele die neue 12-Uhr-Regel verflucht haben. Zu Recht: Als Maßnahme zur kurzfristigen Senkung der Kraftstoffpreise hat sie nicht nur versagt, sondern offenbar sogar das Gegenteil bewirkt.
Spritpreis Tagespreisentwicklung
Benzinpreis E10
–08
Dieselpreis
–17
Durchschnittspreise in den 100 größten Städten Deutschlands. Diese Daten sind ohne Gewähr.
AKTUELLE PREISEZur Erinnerung: Vor der Einführung der neuen Regelung am 1. April 2026 lagen die Preise im März im Durchschnitt bei etwa 2,16 Euro pro Liter. Ende Februar – also vor dem Beginn des Irankriegs – lag der Dieselpreis sogar nur bei rund 1,74 Euro. Auch die Preise für Benzin sind deutlich gestiegen. Doch wer aktuell einen Diesel tanken muss, zahlt derzeit am meisten.
12-Uhr-Regelung war zum Scheitern verurteilt
Die Bundesregierung hat zum 1. April als Reaktion auf die stark gestiegenen Öl- und Spritpreise infolge des Irankriegs in den Markt eingegriffen: Tankstellen dürfen ihre Preise nun – vorerst bis Ende des Jahres – nur noch einmal täglich erhöhen, Senkungen sind jederzeit möglich. Die Idee dahinter ist nachvollziehbar: weniger Preissprünge, mehr Transparenz, fairerer Wettbewerb.
Doch während Deutschland den Marktmechanismus verändert, setzen viele andere europäische Länder an einem anderen Punkt an – direkt beim Preis:
- Frankreich nutzte zeitweise staatlich unterstützte Rabattmodelle und politischen Druck auf Mineralölkonzerne, um Preise zu dämpfen.
- Griechenland arbeitet mit Margenbegrenzungen, um übermäßige Gewinne entlang der Lieferkette einzuschränken.
- In einigen osteuropäischen Ländern wie Ungarn wurden phasenweise sogar Preisobergrenzen eingeführt – allerdings mit dem Risiko von Engpässen.
- Polen steuerte in der Vergangenheit vor allem über Steuersenkungen auf Kraftstoffe gegen.
Die Maßnahmen unterscheiden sich, doch sie haben eines gemeinsam: Im Gegensatz zur deutschen 12-Uhr-Regelung wirken sie kurzfristig.
Die Bundesregierung setzte hingegen auf einen langfristigen Effekt – genau das, was in der aktuellen Lage kaum hilft. Statt direkt auf den Preis einzuwirken, etwa durch Steuersenkungen, wurde lediglich die Art verändert, wie er entsteht. Doch dass Preise nur noch einmal täglich erhöht werden dürfen, birgt aus Sicht der Tankstellenbetreiber ein Risiko: Wer zu niedrig ansetzt, kann nicht nachjustieren. Also wird von vornherein höher kalkuliert. Das ist keine Fehlfunktion, sondern eine logische Folge der Regel.

Solche Preise sahen wir vor der Einführung der 12-Uhr-Regelung auf den Preistafeln der Tankstellen. Doch dann kam es noch heftiger ...
Bild: Marc John
12-Uhr-Regelung in Österreich seit 15 Jahren
Ein Blick nach Österreich zeigt, dass selbst der langfristige Effekt umstritten ist. Dort wurde die 12-Uhr-Regelung bereits 2011 eingeführt. Zwar befürwortet das Wirtschaftsministerium die Maßnahme weiterhin und hat sie kürzlich sogar bis 2028 verlängert, weil sie für mehr Transparenz und Vertrauen sorgen soll. Ob sie tatsächlich dauerhaft zu niedrigeren Kraftstoffpreisen führt, bleibt jedoch fraglich.
Dass Preise infolge der Regelung "auf Vorrat" erhöht werden, wurde auch dort beobachtet – und war insofern für Deutschland absehbar. Besonders dann, wenn ein so sensibler Markteingriff während einer akuten Ölkrise erfolgt – und ausgerechnet kurz vor Ostern. Also zu einem Zeitpunkt, an dem die Nachfrage durch starken Reiseverkehr die Preise traditionell auf Jahreshöchstwerte treibt.
Falsches Mittel zur falschen Zeit
Nennen wir das Kind beim Namen: Als Instrument zur kurzfristigen Preisdämpfung hat sich die Regelung als Reinfall erwiesen – und zu Ostern für viele Autofahrer sogar zusätzliche Kosten verursacht. Dass sich die Preise langfristig stabilisieren könnten, ist nicht ausgeschlossen. Doch wer hat angesichts der aktuellen Belastung die Geduld, darauf zu warten?
Während Autofahrer die höheren Spritpreise schultern müssen, hat sich die Koalition mit dieser Maßnahme keinen Gefallen getan. Ein Blick auf die Strategien der europäischen Nachbarn könnte helfen, künftig zielgerichteter zu handeln.
Fazit: Gut gemeint – aber denbar schlecht getimt.
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