Für gewöhnlich sagt man ja, dass der Motor das Herz eines Sportwagens sei; ein (Heck-)Mittelmotor jedoch ist gleichzeitig auch seine Seele. Das emotionale Zentrum, das Wesen der Fahrdynamik, ja sogar der Ursprung seiner Ästhetik. Seit Jahrzehnten prägen Mittelmotor-Sportwagen wie Ferrari 488 GTB, Lamborghini Huracán und McLaren 675 LT das Bild idealer Fahrdynamik ebenso wie die Anatomie wahrer Kurvenästhetik; sie sind nie übertrieben modern, eher ihrer Zeit voraus; und wurzeln doch immer auch in der Tradition.

Seine 670 PS bringt der Ferrari ganz leichtfüßig auf den Aspahlt

Ferrari 488 GTB
Dynamiker: Kein anderer Sportler mit über 600 PS lässt sich so spielerisch und schnell bewegen, wie der 488.
Bild: Ronald Sassen
So wie der 488 GTB, dessen Ahnenlinie sich tatsächlich bis tief in die Siebziger zurückfädelt. Verglichen mit dem 308 GTB von 1975 weht der 488 GTB natürlich als Hochdruck-Taifun in die Moderne. Er lädt nicht nur Hubraum, sondern auch Emotionen auf. 670 PS, 760 Newtonmeter, gespeist von bis zu 1,3 Bar Überdruck, der sich jedoch erst im siebten Gang restlos entsichert. Der Ferrari-Biturbo sprudelt derart locker und ansatzlos unter deiner Sohle hervor, dass du wirklich glaubst, die Leistung ohne Geschmacksverstärker kredenzt zu bekommen. Schon im unteren Tourenbereich ist er schneller da, als man selbst Luft holen kann; drückt zünftig, puncht deftig, bewahrt sich trotz aller Vehemenz aber auch immer jene Leichtfüßigkeit im Hochdrehen, die man – ja richtig – eigentlich nur vom Sauger kennt. Das Drehmoment wird progressiv entsichert, eine Launch Control schnippt den Flachkörper in drei Sekunden auf hundert; fünf Schaltlampen zählen den Achttausender-Gipfel an, die Gänge zappen im Zeitraffer durch, während sich das laszive Schnorcheln, das die Turbos im Drehzahlkeller noch so offensichtlich entlarvt, immer weiter im schroff röhrenden Dauerfeuer der hohen Lagen verliert.
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Der betörende Huracán lässt seinen Fahrer niemals im Unklaren

Lamborghini Huracán LP 610-4
Vertrauenerweckend: Alles am Huracán rückmeldet derart glasklar, dass man fast mit ihm verschmilzt.
Bild: Ronald Sassen
Auf noch sinnlichere Weise betört der Lamborghini Huracán, auch wenn er im ersten Moment noch ein wenig auf Distanz zu gehen scheint. Er baut mit Abstand am extremsten, duckt sich gerade einmal 1,16 Meter über den Asphalt und verlangt eine entsprechend biegsame Physis, will man sich ihm mit gebührender Grazie nähern. Einmal jedoch in seinem Flachdach-Kokon eingenistet, lässt er nicht mehr von dir ab. Vorn wächst einem der spitz gekeilte Instrumententräger entgegen, das Dach säbelt bündig übers Haupt, zur Rechten reiht sich ein adrettes Kippschalter-Spalier auf, darunter haust das Audi-stämmige Infotainment, und im Zentrum sitzt der Startknopf – atmosphärisch gesichert von einer roten Schutzklappe, als könnte er jederzeit die Endzeit-Apokalypse initiieren. Erst der kühle Takt des Anlassers, der den V10 in seinen Arbeitsrhythmus schnippt, dann ein dunkles Aufbellen des 5,2 Liter starken Kammerchors, ehe sich das feinmechanische Brodeln als Schwelbrand über den Leerlauf ausbreitet. Mag sein, dass der V10 mit 610 PS und 560 Newtonmetern nicht ganz so überirdisch motorisiert wie der Ferrari; doch das, was ihm an Punch fehlt, kompensiert er locker mit seinem Flair.
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Der McLaren 675LT siedelt sich knapp unterhalb des P1 an

Mc Laren 675 LT
Brutaler Punch, abartiger Grip, höchst präzises Feeling: Der 675LT ist eine atemberaubende Fahrmaschine.
Bild: Ronald Sassen
In einem McLaren konnte dem Fahrer bislang auch mal das genaue Gegenteil passieren. Ein 12C "flog" sich 2011 ziemlich ähnlich wie ein Space Shuttle – exakt auf Kurs, weil unentwegt rechnergestützt. Oder anders gesagt: Er brauchte eigentlich keinen Fahrer, nur einen, der ihn korrekt bedient. Ganz unten, in der neu geschaffenen "Sports Series", tummeln sich mit 540C und 570S mittlerweile zwei, die sich in Leistung und Elektronik bewusst zurücknehmen, um ihrem Fahrer mehr zu bieten. Darüber sitzt die "Super Series", das bisherige Refugium des 650S, und über den Dingen der P1, der wiederum die "Ultimate Series" begründet. Offiziell soll der 675 LT die goldene Mitte bereichern. Inoffiziell kann man ihn allerdings auch getrost als Brückenschlag zwischen "Super" und "Ultimate" verstehen. Der Biturbo-V8 erstarkt um 25 PS und 22 Newtonmeter, wobei das weit weniger beeindruckt als die 50 Prozent an Neuteilen, die man in diesem Zuge einsetzt. Kohlefaser-Exzess und Ausstattungs-Askese schaben bis zu 100 Kilo von der Straße, die deutlich größere "Long Tail"-Airbrake sattelt zusammen mit dem gleichfalls gewachsenen "Shark Nose"-Frontsplitter 40 Prozent an zusätzlichem Abtrieb drauf. Steifere Federbeine nach P1-Vorbild, 20 Millimeter mehr Spurbreite, die leichtesten Schmiederäder der Firmengeschichte, Pirellis stärkster Kurvenkleber und eine Titanabgasanlage, die derart südländisch posaunt, dass man das 1,19-Meter-Projektil von Weitem auch für einen Lamborghini auf der Flucht vor der Zulassungskommission halten könnte, komplettieren das Paket.In den Radhäusern kieseln die Steinchen, das ESP lässt sich erstmals restlos entsichern, fürs Flair gibt's Rennschalen und Gewalt-Beschallung, für die Gaudi einen Burnout-Modus und für den Vortrieb nur ein Wort: abartig! Zum Verständnis: Der Ferrari-V8 schießt die Drehzahlen wie eine Stromschnelle entlang; lebhaft, omnipräsent, mitreißend. Der McLaren jedoch überrollt einen als Jahrhundertwelle. Er braut sich schon von Weitem zusammen, türmt sich auf, flutet heran und brandet ab 4000 Touren mit einer Gewalt auf der Hinterachse, die sich von der brillanten Traktionselektronik zwar punktgenau dosieren, von nichts und niemandem jedoch wirklich aufhalten lässt.
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Weitere Details zu Ferrari 488 GTB, Lamborghini Huracán und McLaren 675 LT finden Sie in der Bildergalerie. Den kompletten Artikel mit allen technischen Daten und Tabellen gibt es als Download im Online-Heftarchiv.

Fazit

von

Manuel Iglisch
Ferrari, Lamborghini und McLaren eint vielleicht nicht ihr Herz, mit Sicherheit jedoch dessen Bestimmung. Alle drei verkörpern Fahrdynamik und Faszination aufs wirklich Allerbeste, nur finden sie eben über drei völlig verschiedene Wege dorthin. Der 488 GTB zum Beispiel, dessen Biturbo derart locker und hellwach ins Hochlagige schnalzt, dass man auf jeder Sprosse der großen Drehzahlleiter meint, das Erbe des alten Saugers herauszufühlen. Oder der 675LT, der sich aufs absolute Maximum reduziert, seine abartige Längsdynamik mit ebensolcher Querdynamik kontert und trotz seiner zugespitzten Anlagen dabei ein höchst fahrbares Vergnügen bleibt. Oder eben der Huracán, der Leidenschaft nicht nur transportiert, sondern schlicht verkörpert. Durch seinen Pracht-Sauger, das glasklare Handling und dadurch, dass man beides in wirklich jeder Faser spürt!