Fiat Moretti 128 Coupé (1971): Test
Optisch brillant, fahrtechnisch jedoch eine Enttäuschung

Bild: Martin Meiners / AUTO BILD
Die 60er- und 70er-Jahre waren auch die Hochzeiten von Agentenfilmen. Wer sich einmal wie 007 in St.-Tropez fühlen möchte, sollte im Fiat Moretti 128 Coupé Platz nehmen: Die Uhrensammlung steht jener in James’ Aston Martin DB5 kaum nach. Die Clubsessel – wahrnehmbarem Seitenhal – sehen aus wie die eines englischen Kaminzimmers.
Das Design außen: voll agententauglich. Und so rar, dass Außenstehende ständig fragen: Was ist das für ein Auto? Der bis 1989 aktive Karosseriehersteller Moretti aus Turin baute Fiat 128 zu wunderschönen Coupés und Targas um – diese gab es von 1970 bis 1976, allerdings nicht offiziell in Deutschland. Wohl aber für den Schweizer Markt.

Modern: Der Motor im schicken Coupé ist quer eingebaut.
Bild: Martin Meiners / AUTO BILD
Der Fiat brilliert nicht nur optisch, sondern auch mit der modernsten Konstruktion: Als einziges der gängigen Coupés dieser Zeit hat er einen vorn quer eingebauten Motor und Vorderradantrieb. Ein ausschließlich theoretischer Vorteil, denn beim Fahren enttäuscht der Fiat: Der Motor ist zwar drehfreudig, aber die kratzige, hakelige Schaltung und die einem Schiffsruder nahekommende indirekte Lenkung ersticken aktive Fahrgelüste.
Um einen Gang zu treffen, muss der Schalthebel exakt und langsam geführt werden – die Synchronringe des 128-Getriebes waren nicht sehr haltbar. Bei Geschwindigkeiten ab 100 km/h treten zudem an der Lenksäule teils starke Vibrationen auf – sie ist bei welliger Piste in ständiger Bewegung und scheppert.
Zusammen mit der wenig torsionsfesten, ebenfalls zittrigen Karosserie ergibt sich im Fiat ein labiles Fahrgefühl. Im Slalom benimmt er sich untersteuernd, aber wirklich Spaß kommt nicht auf: Die Lenkung vermiest diesen mit ihrer sehr indirekten Abstimmung. Fahrbahnkontakt gleich null. Dafür federt der Fiat ordentlich. So hinterlässt das rare, wunderschöne Agenten-Coupé einen zwiespältigen Eindruck. Optisch innen und außen brillant und zeitgeistig, fahrtechnisch jedoch eine Enttäuschung.
Plus/Minus
Der erste Fiat mit quer eingebautem Frontmotor und Vorderradantrieb gilt als ein fahraktives und agiles Auto – der 1100er-Motormit 55 PS bringt die rund 800 Kilogramm leichte Fuhre schnell in Schwung. Mit seinem technischen Konzept und den im Erscheinungsjahr 1969 flotten Fahrleistungen war der Fiat 128 eines der fortschrittlichsten Autos seiner Klasse.
So spritzig der kleine Fiat ist, so rostanfällig ist er auch. Er prägte in den 70er-Jahren das Fiat-Image der gnadenlosen Schnellroster. Schon nach zwei Jahren waren Stellen wie die vorderen Kotflügel oberhalb der Blinker, das Windleitblech unterhalb der Frontscheibe und die vorderen Schwellerenden durchgerostet. Ab Sommer 1972 baute Fiat deshalb vorn Radhausschalen ein – leider nach hinten hin zu kurz, weshalb Kotflügelspitzen und Schweller vorn trotzdem faulten.

Optisch ist der Moretti zum Niederknien schön. Kein anderes Coupé bietet innen die Opulenz des Moretti.
Bild: Martin Meiners / AUTO BILD
Schwachstellen am Unterboden: alle Wagenheberaufnahmen und die viereckigen Verstärkungen unterhalb der A-Säulen. Die Naht zwischen Außenschweller und Bodenblech rostet sehr oft, der Gammel befällt dann auch häufig den Innenschweller. Im hinteren Bereich sind die Radkästen befallen, ebenso die Schwellerenden. Die Radhäuser rosten zum Kofferraum hin durch, im fortgeschrittenen Stadium sind auch die Stoßdämpferaufnahmen vom Gammel gezeichnet. Besonders betroffen sind Modelle ab 1973, denen dort werksseitig eine Teermatte zur Geräuschdämmung auf das unlackierte Blech aufgeklebt wurde – eine Roststelle ab Werk. Auch die Endspitzen, das Heckabschlussblech sowie alle Türen und Hauben sind oft befallen.
Die Mechanik ist jedoch sehr solide, regelmäßig gewartete Motoren (Zahnriemen!) erreichen problemlos 300.000 Kilometer und mehr. Schwäche des Getriebes: Die Synchronringe sind unterdimensioniert, Kratzgeräusche beim Schalten die Folge.
Marktlage
Über drei Millionen Fiat 128 entstanden von 1969 bis 1980, davon waren circa zehn Prozent Werkscoupés. Die von 1970 bis 1976 von Moretti in Kleinstserie gefertigten Coupés auf Basis des Fiat 128 (geschlossen und als Targa) waren schon als Neufahrzeuge sehr exklusiv und erheblich seltener als die Werkscoupés. Auf dem Heimatmarkt Italien, in Südeuropa und in der Schweiz findet man heute am ehesten ein Exemplar. Gemessen an der Exklusivität sind die Preise erstaunlich niedrig: Ein gutes Coupé kostet rund 18.000 Euro.

Die Sitze des Italieners sind bequem und bieten Seitenhalt.
Bild: Martin Meiners / AUTO BILD
Ersatzteile
Moretti-spezifische Teile sind so rar wie Goldstaub. Selbst in Italien oder in der Fiat-Szene muss man sich bei Karosserie- und Zierteilen auf langwierige Suchen einstellen. Ganz anders sieht es bei der Technik aus: Aufgrund der Millionen-Stückzahlen und des Baukastensystems sind für Motor, Getriebe, Bremsanlage, Fahrwerk und häufig reparierte Standard-Roststellen Ersatzteile recht einfach und günstig verfügbar. Preisbeispiele von fiatparts.de: Längsträger vorn links oder rechts je 100 Euro; Traverse Kofferraum 50 Euro; Zahnriemen und Spannrolle 45 Euro.
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