Dumpf hämmernd galoppiert der 5,4-Liter-V8 durch das Drehzahlband. Dazu leuchten von links und rechts nacheinander jeweils fünf LED-Lämpchen am oberen Rand des Cockpit-Displays in Richtung Mitte auf. Erst grün, dann – jenseits von 8000 Touren – in grellem Blau. Einmal kurz mit Zeige- und Mittelfinger das rechte Schaltpaddel zum Lenkrad gezogen, schon geht der Ritt einen Gang höher weiter. Knapp über 260 km/h erreiche ich mit dem Ford Mustang GT3 auf der Start-und-Ziel-Geraden des Circuit de Barcelona-Catalunya.
Dann heißt es: Zügel ziehen! Rechten Fuß vom Gas, den linken aufs Bremspedal stemmen. Viermal am linken Schaltpaddel gezogen, bis vom sechsten und höchsten Gang der zweite erreicht ist. Jedes Mal quittiert von einem Knurren des Saugmotors. Viel direkter als ein Straßenauto lenkt der amerikanische GT-Rennwagen ein. Selbst in den engsten Kurven des Kurses drehe ich das flache Volant nur um etwa 90 Grad. So bleiben beide Hände immer dort, wo sie sein sollen. Das ist auch gut so. Denn trotz Helfern wie ABS und Traktionskontrolle fordert der nur etwa 1300 Kilogramm schwere, dafür aber rund 550 PS starke Mustang die volle Konzentration seines Fahrers.

Exklusiver Tracktest im Ford Mustang GT3

Dass AUTO BILD überhaupt schon ans Steuer darf, ist keine Selbstverständlichkeit. Schließlich ist das Haupt Racing Team (HRT) aus Meuspath am Nürburgring die erste Mannschaft, die in dieser Saison die GT3-Version des amerikanischen Pony Car in der DTM einsetzen wird. Damit sind am ersten Rennwochenende vom 25. bis 27. April in Oschersleben acht unterschiedliche Marken vertreten.
Imposanter Auftritt durch 18-Zoll-Räder und Seitenschweller mit Sidepipes.
Bild: Gruppe C Photography
Zudem stehen neben dem 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring die dortige Langstrecken-Serie, das ADAC GT Masters und die GT World Challenge auf dem Programm. Bis dahin zählt jeder Testkilometer.
Motor
V8, vorn längs
Hubraum
5400 cm3 
Leistung
ca. 410 kW (550 PS)
max. Drehzahl
8250/min
Antrieb
Hinterrad/ Sechsgang sequenziell
L/B/H
4872/2050/1229 mm
Leergewicht
ca. 1300 kg
Preis
ca. 800.000 Euro 
„Bloß nichts kaputtmachen!“, geht mir deshalb immer wieder durch den Kopf. Für zusätzlichen Nervenkitzel sorgen die Autos der anderen Teams, mit denen wir die Strecke teilen. Ultraschnellen Prototypen der zweithöchsten Le-Mans-Kategorie muss ich regelmäßig Platz machen. Trotzdem bin ich überrascht, wie schnell mein Vertrauen in den Mustang wächst.
Das Carbon-Lenkrad erlaubt mehr Einstellungen als anfänglich lieb.
Bild: Gruppe C Photography
Im engen Schalensitz habe ich das Gefühl, direkt über dem Asphalt zu schweben, spüre jede kleinste Unebenheit. In den Kurven drücken mich die Fliehkräfte gegen die hohen Seitenpolster. Ist die Haftgrenze der breiten Slickreifen erreicht, spürst du das mit dem ganzen Körper. Der Druck lässt nach, das Auto bewegt sich zu schnell zum Kurvenäußeren. Ein irres Gefühl!

HRT-Pilot Arjung Maini sitzt am Steuer

Rennprofis wie HRT-Pilot Arjun Maini (27) können mit Reglern am Lenkrad während der Fahrt die Wirkung von ABS und Traktionskontrolle – Letztere sogar separat für Geraden und Kurven – in zwölf Stufen verstellen und ständig den Streckengegebenheiten anpassen. Davon lasse ich beim ersten Mal lieber die Finger, vertraue seinen Einstellungen. Denn nach zehn Runden ist mein Ausritt mit dem Mustang beendet.
Mit großem Heckflügel und Diffusor erzeugt der GT3 Abtrieb – die Fliehkräfte spürt der Fahrer deutlich.
Bild: Gruppe C Photography
Ob der faszinierende Ami in der DTM direkt erfolgreich sein wird, ist schwer zu beurteilen. Schließlich hängt in GT3-Rennserien viel von der „Balance of Performance“ ab. Das sind fahrzeugspezifische technische Maßnahmen, die den Teams auferlegt werden. Mit dem Ziel, unterschiedliche Marken und Modelle auf ein möglichst ausgeglichenes Level zu bekommen. Fest steht jedenfalls schon jetzt: Mit seinem V8-Donner hat der Mustang das Zeug, ein echtes Zugpferd für Fans zu werden.
Der Ford Mustang GT3 ist ein Charaktertyp – ein Hightech- Rennwagen mit dem Charme eines V8-Saugmotors. Mit seinem markanten Design und dem donnernden Sound ist er für die DTM eine echte Bereicherung.