Formel 1: 70 Jahre Wunder von Reims
Wie ein Mercedes-Doppelsieg Deutschland wieder stark machte

Bild: Daimler AG
An heißen Sommertagen flimmert die Luft immer noch über dem Asphaltband. Doch wo einst Geschwindigkeitsrekorde der Formel 1 aufgestellt wurden, fahren jetzt normale Pkw über die ehemalige Start-Ziel-Gerade des Circuit de Reims-Gueux. An den Tribünen blättert der Lack, doch die Erinnerung ist lebendig. Vor allem in Deutschland.
Denn vor genau 70 Jahren markiert der Mercedes-Doppelsieg beim GP in Frankreich den mentalen Startschuss zur Wiederauferstehung der BRD nach dem Zweiten Weltkrieg. Am selben Tag, an dem die Fußball-Nationalmannschaft mit ihrem Sieg gegen Ungarn am 4. Juli 1954 das Wunder von Bern feiert, bejubeln Motorsport- und Autofans das Wunder von Reims.
Reims 1954: Fangio siegt vor Kling

Doppelsieg: Am 4. Juli 1954 gewinnen Juan Manuel Fangio und Karl Kling den GP Frankreich vor den Toren von Reims.
Bild: Daimler AG
Auch heute noch weht die argentinische Flagge im Wind über der Boxenanlage der Hochgeschwindigkeitsrennstrecke in der Champagne. Auf den Tribünen und Mauern ist noch die Werbung der Zeit des Wirtschaftswunders zu lesen: Shell, Total, BP, Coca-Cola. Ein Club hält die historische Stätte am Leben.
Mercedes W 196 R mit technischen Innovationen
Mit ein bisschen Fantasie kann man sich deshalb in die Vergangenheit beamen und den Mercedes W 196 R über den rund acht Kilometer langen Dreieckskurs jagen sehen. Der Silberpfeil ist mit seiner neuen Stromlinienkarosse das Nonplusultra der Königsklasse. Unter der Haube arbeitet ein 2,5-Liter-Achtzylinder-Reihenmotor. Der Clou: eine mechanische Direkteinspritzung von Bosch sowie eine desmodromische Ventilsteuerung. Die macht den 256 PS starken Saugmotor nicht nur robust, sondern sorgt auch für eine gleichmäßige Leistungsentfaltung.

Legendäre Rennstrecke: die Start-Ziel-Gerade des rund acht Kilometer langen Circuit de ReimsGueux.
Bild: B. Garloff
Für eine perfekte Aerodynamik sind die Autos zudem vollständig in eine Hülle aus extrem leichtem Magnesium gekleidet.
„Unsere neuen Grand-Prix-Formel-Wagen sind wirklich eine Wolke“, lobt der legendäre Rennleiter Alfred Neubauer den W 196 R in Reims. Doch aufgrund des hohen Tempos von mehr als 200 km/h im Rundenschnitt (!) „saufen“ die Mercedes 35 Liter auf 100 Kilometer.
Kurzerhand werden Zusatztanks aus Deutschland gebracht. Die brillante Strategie hievt Rennleiter Neubauer mit der Schlagzeile „Wer tankt, verliert“ sogar auf die Titelseite des „Spiegel“.
70 Jahre danach gewinnen die Silberpfeile immer noch in der Formel 1. Und hier in Reims, da lebt deutsche Geschichte.
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