Formel 1: Akku überholt Akku – Kommentar
Formel-1-Stars werden zu Marionetten des Batteriemanagements

Mehr Überholmanöver, mehr Action: Der Formel-1-Start in Australien wirkte wie die perfekte Antwort auf alte Kritik. Doch der neue Spektakel-Faktor hat seinen Preis. Ein Kommentar.
Bild: Red Bull Content Pool
Seit Jahren diskutiert die Formel 1 über zu wenig Überholmanöver. Schon 2022 wurden eigens dafür neue Autos gebaut. Eine Überhol-Inflation gab es trotzdem nicht – gute Rennen schon. Doch damit wollte man sich nicht zufriedengeben. Neue Autos und Antriebe sollten Audi und Co. in die Königsklasse locken und die Ansprüche der "neuen" Fans bedienen.
Beim oberflächlichen Blick auf den GP Australien am heutigen Morgen deutscher Zeit könnte man also glauben, die Formel 1 habe ihr Problem perfekt gelöst. Mehr Überholmanöver, mehr Positionswechsel, mehr Action. Genau das, was Netflix-Zuschauer, Social Media und TV-Regisseure wollen, wurde uns da geboten.
Allein: Der Preis dafür könnte hoch sein.
Formel 1 mit Überhol-Spektakel – doch es bleibt ein Beigeschmack
Der Saisonauftakt in Australien war spektakulär. Mehrere Führungswechsel, packende Duelle, ständig Bewegung im Feld. Alles Dinge, die die Formel 1 in den vergangenen Jahren manchmal ein bisschen vermisst hat. Und trotzdem bleibt ein schaler Beigeschmack.
Denn nicht mehr der Fahrer entscheidet über ein Manöver, sondern der Ladezustand der Batterie. Akku überholt Akku – so ließe es sich provokant zuspitzen.
Früher ging es ums Gespür des Fahrers fürs Limit. Um den Mut zum Risiko: später bremsen, früher aufs Gas, den Gegner unter Druck setzen, zu Fehler zwingen. Das waren Gladiatoren der Rennbahn, die mit dem Messer zwischen den Zähnen am Abgrund balancierten. Heute nehmen sie einstige Mutkurven nur noch mit Halbgas und werden zu Marionetten des Batteriemanagements.
Statt um die pure Fahrkunst der einstigen Asphaltcowboys geht es nun darum, ob die Software gerade genug Energie freigibt. Wenn die Batterie leer ist, kann der eigentlich schnellere Fahrer plötzlich zum rollenden Hindernis werden. Wenn sie voll ist, fliegt man am Gegner vorbei – ohne dass dieser wirklich etwas dagegen tun kann. Für Zuschauer kann das unterhaltsam sein. Für den Sport ein Problem.
Verstappen vergleicht es mit "Mario Kart"
Max Verstappens "Mario Kart"-Vergleich wirkt zwar polemisch, trifft aber einen wunden Punkt. Auch Lando Norris spricht von künstlichen Positionswechseln. Und sogar Fahrer, die von den neuen Regeln profitieren, räumen ein, wie schwer berechenbar die Situationen geworden sind. Und wie gefährlich: Was, wenn Franco Colapinto wie am Start in Melbourne dem schleichenden Liam Lawson mal nicht mit genialen Reflexen ausweichen kann?
Das Grunddilemma der Formel 1 ist damit wieder einmal sichtbar: Sie muss gleichzeitig drei Dinge sein – Hightech-Labor der Hersteller, spektakuläre Show für neue Fans und purer Rennsport für Traditionalisten. Alle drei Ziele gleichzeitig zu erfüllen, ist nahezu unmöglich.
Die gute Nachricht: Das Problem sollte lösbar sein. Die Technik ist längst softwaregesteuert. Ein leicht reduzierter Elektroanteil oder ein angepasstes Energiemanagement könnten die Balance wieder herstellen. Denn die Formel 1 lebt am Ende nicht von Überholmanövern allein. Sie lebt von den Helden im Cockpit.
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