Wie ein Blitz schießt der Gedanke plötzlich durch den Kopf: Ist das hier Illusion oder Wirklichkeit? Doch ehe ich ihn zu Ende denken kann, fordert mich das Hier und Jetzt. Jeweils fünf grüne, orange und blaue LEDs strahlen mir innerhalb von Sekundenbruchteilen nacheinander vom oberen Rand des flachen Lenkrads aus mahnend entgegen. Zeit zum Hochschalten! Der Fuß bleibt voll auf dem Gas. Mit Zeige- und Mittelfinger schnippe ich die rechte Schaltwippe zu mir. Der Gangwechsel peitscht mein Haupt nun unwillkürlich nach hinten. Und vertreibt damit jeden Zweifel: Es ist real. Ich fahre einen Formel-1-Rennwagen des Alpine-Teams.
Sechster Gang. Bei 18.000 Touren schreit der 2,4-Liter-V8-Saugmotor die Lebensfreude seiner über 750 PS unverhohlen hinaus. Mit 261 km/h rase ich die Gegengerade des Circuit Paul Ricard im französischen Le Castellet entlang. Wäre der siebte und letzte Gang nicht elektronisch gesperrt, ginge es noch schneller. Aber bereits so rauscht, pfeift und zerrt der Fahrtwind am Helm. Als wäre er ins Auge eines Orkans geraten.
Letzte Instruktionen vor dem Start: für das 
Alpine-F1-Team eine Routineübung, für AUTO BILD-Autor Westerhoff Anspannung pur.
Bild: Morgan MATHURIN
Die schnellste Kurve des Kurses, eine Rechtskurve mit extrem breiter Auslaufzone, schließt sich direkt an. Vom Hörensagen, laut Datenaufzeichnungen von Profis, geht sie voll. Doch auch jetzt, in meiner dritten und letzten Runde, lupfe ich kurz vorher unvermeidlich. Einlenken. Dank Servounterstützung geht das leicht. Dennoch sind meine Hände ziemlich verkrampft, vor Anspannung.

In der E20 schreit noch ein V8-Sauger

Stoisch setzt das nur 540 Kilogramm leichte Auto den Lenkbefehl um. Wie in einer Achterbahn macht sich eine unglaubliche Schwere breit. Sie scheint die E20 auf den Asphalt zu drücken. Und mich erbarmungslos mit Schulter und Kopf an die linke Seitenwand des engen Cockpits. So fühlen sich hoher Anpressdruck und hohe Fliehkräfte an, die dadurch entstehen.
Der Fahrer hat Lenkrad, Strecke und Vorderreifen direkt im Blick. Das Erlebnis ist so unmittelbar und direkt wie in kaum einem anderen Auto.
Bild: M. Westerhoff
Ebenso unfassbar sind die Carbonbremsen. Insbesondere offenbart sich deren Macht am Ende der Start-und-Ziel-Geraden. Mit fast 600 Newton – was rund 60 Kilogramm entspricht – stemme ich kurz vor der 100-Meter-Marke den linken Fuß aufs Pedal. Das reicht locker, um bis zur ersten engen Rechtskurve von 260 auf rund 
60 km/h runterzubremsen. Was? 200 km/h lösen sich innerhalb von 100 Metern ins glühende Nichts der Bremsscheiben auf. Irre!

14.340 Euro kostet das exklusive Fahrerlebnis

Doch wie kann es sein, dass 
ich, der AUTO BILD-Reporter, in einem Formel-1-Wagen sitze? In exakt jenem, mit dem der Finne Kimi Räikkönen (44) in der Saison 2012 den Großen Preis von Abu Dhabi gewonnen hat. Und auf dem Weg dorthin die gut gemeinten Ratschläge seines Renningenieurs mit dem inzwischen legendären Funkspruch kommentierte: „Lass mich in Ruhe! Ich weiß, was ich tue.“ Die Antwort ist simpel: Formel-1-Fahrten sind käuflich.
Mit der "Alpine" E20 gewann das Vorgängerteam Lotus in der Saison 2012 in Abu Dhabi.
Bild: Thomas Fenetre Creative Photographer
Dank einer Kooperation der französischen Winfield Racing School und des Alpine-F1-Teams kann jeder Führerscheininhaber innerhalb eines Tages einen Monoposto der Königsklasse pilotieren. Bestimmte körperliche Voraussetzungen und Eingewöhnungsrunden in einem Formel-4-Auto (590 Kilogramm, 160 PS) sind Pflicht. Allerdings hat 
das Ganze seinen Preis. Denn 
das Instandhalten der originalen Formel-1-Motoren, die andere Anbieter gern durch günstigere Alternativen ersetzen, ist teuer. 14.340 Euro kostet das exklusive Fahrerlebnis – das eine vermeintliche Illusion tatsächlich wahr macht.