Bernie Ecclestone Büro in London

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Formel 1: Bernie Ecclestone zum 1000. GP

"Die Fahrer von heute tun mir leid"

Bernie Ecclestone im exklusiven ABMS-Interview zum 1000. Grand Prix. Der Macher der Formel 1 erinnert sich an den Aufstieg zum Mega-Sport.
AUTO BILD MOTORSPORT: Herr Ecclestone, in China wird der 1000. Grand Prix der Formel-1-Geschichte stattfinden: Wie viele Rennen haben Sie live vor Ort verfolgt?
Bernie Ecclestone (88): Mindestens 700. Wahrscheinlich mehr.
Können Sie sich noch an das ­erste Rennen erinnern?
Ja. Ich war beim ersten Rennen in Silverstone 1950 anwesend (Sieger Giuseppe Farina auf Alfa Romeo; d. Red.). Gefahren bin ich 1958. Aber ich habe mich nicht für das Rennen qualifiziert. Deshalb wollte ich in Monaco nachhelfen.
Nachhelfen?
Ja. Ich wollte, dass schnellere Piloten mit meinem Helm fahren, um mich fürs Rennen zu qualifizieren. Aber die Kommissare passten zu genau auf.
Sie blühen richtig auf, wenn Sie von früher reden ...
Ja, denn damals war die Formel 1 noch ein Gentleman-Sport aus Leidenschaft, kein Beruf zum Geldverdienen. Teams und Fahrer waren stolz, dabei sein zu dürfen. Ans Sterben hat niemand gedacht. Das wurde verdrängt.
Wie der Tod Ihres Freundes ­Jochen Rindt in Monza 1970?
Ja. Irgendeiner sagte mir, dass ­Jochen einen schweren Unfall hatte. Ich hatte gar keine Zeit, Angst zu haben. Ich rannte sofort zur Unfallstelle, um zu sehen, was los ist. Dann sammelte ich seinen blutverschmierten Helm auf und fuhr zum Krankenhaus. Was ich dort erfuhr: Jochen ist ihnen wohl von der Trage gefallen, dann haben sie ihn auch noch ins falsche Krankenhaus gefahren. Vielleicht hätte er sonst überlebt.
Was war so speziell an Rindt?
Sein Charakter. Ich sagte ihm: Steig erst ins Auto, wenn du bezahlt worden bist. Das hat ihm gefallen. Er kam oft zu mir in mein Haus nach England und zeigte mir das Geld. Danach haben wir die ganze Nacht Karten gespielt.
Wie ging es dann weiter?
Irgendwann wurde ich Brabham-­Teambesitzer. Das war so intensiv, dass ich alle meine sonstigen Geschäfte aufgeben musste. Ich wollte aber nie gewinnen. Wichtig war nur, nicht zu verlieren. Ich kann deshalb nie verstehen, warum manche Teams sich das alles antun, obwohl sie keine Chance haben.
Danach haben Sie die Formel 1 als Chefvermarkter groß gemacht.

Ecclestone mit Erinnerungen in seinem Londoner Büro

Ich hatte viele Helfer und gute Leute. Colin Chapman zum Beispiel oder Enzo Ferrari. ­Ohne Ferrari wäre die Formel 1 ganz sicher nicht so groß geworden. Das Wichtigste war, das Fernsehen für unseren Sport zu begeistern. Damals übertrugen sie nur Monaco. Ich wollte aber, dass sie jedes Rennen zeigen, und ihnen das Ganze als Paket verkaufen. Ich habe keine Ahnung, wie mir das gelungen ist. Ich war doch nur ein Gebrauchtwagenhändler. Wahrscheinlich habe ich die Formel 1 wie einen Gebraucht­wagen verkauft.
Sie wurden dadurch steinreich.
Ja, obwohl ich nie Sachen machte, um Geld zu verdienen. Deals zu machen war eine Art Wettbewerb für mich. Je mehr ich herausholen konnte, desto besser fühlte ich mich. Dass ich reich wurde, war die Folge davon, aber nicht der Antrieb. Meine Inspiration war, das Unmögliche möglich zu machen.
Sie haben eine berühmte Sammlung von Formel-1-Autos. Welches Auto mögen Sie besonders?
Kein spezielles. Ich habe sie irgendwie im Laufe der Jahre erworben. Sie stehen in einem Hangar auf einem Privatflughafen bei London. Wenn ich bis zum Abflug ein wenig Zeit habe, schaue ich mir sie an.
Wer außer Jochen Rindt waren noch Ihre Favoriten?
Stirling Moss lernte ich schon früh schätzen. Er war extrem talentiert. Ein wahrer Gentleman, fuhr aber neben dem großen Fangio. Nelson Piquet und Niki Lauda sind auch zwei starke Charaktere. Sie sagen dir immer geradeheraus, was sie denken. Niki ist speziell. Er fuhr sechs Wochen nach seinem Feuer­unfall wieder Rennen, obwohl ihm das Blut übers Gesicht rann. Ayrton Senna dagegen war völlig anders. Er konnte extrem gut mit Kindern umgehen. Wenn er mich von Brasilien aus anrief, redete er erst mal minutenlang mit meiner Tochter.
Sein Tod in Imola 1994 muss ein Schock gewesen sein.
Ja. Unser F1-Arzt Sid Watkins erzählte mir sofort, wie schlimm es um ihn stand. Er erzählte mir von seinen extremen Kopfverletzungen. Ich sagte Ayrtons Bruder dann, dass Ayrton wohl nicht überleben wird. Der Bruder war wütend auf mich, obwohl ich nichts machen konnte. Deshalb legte man mir auch nahe, nicht zur Beerdigung nach São ­Paulo zu kommen. Ich flog trotzdem hin und blieb im Hotel, schaute mir die Beerdigung im Fernsehen an. Unfälle wie der von Ayrton sind der größte Schock. Weil sich niemand vorstellen konnte, dass ihm im Rennauto so etwas passieren könnte. Wer weiß, wie viele Titel er ohne den Unfall noch geholt hätte und ob Michael Schumacher wirklich Rekordweltmeister wäre und nicht Senna.
(Anmerkung der Redaktion: In der 7. Runde beim San Marino GP 1994 kam Sennas Wagen in der schnellen Tam­bu­rello-­Kurve von der Fahrbahn ab und schoss, voll bremsend und ohne erkennbare Lenkkorrektur, geradeaus über den Seitenstreifen. Beim Aufprall in die Streckenbegrenzungsmauer riss das rechte Vorderrad ab, wobei sich eine Strebe der Radaufhängung durch Sennas Helm bohrte. Er wurde direkt von der Unfallstelle in eine Klinik in Bo­logna geflogen, dort jedoch einige Stunden später für hirntot erklärt.)

Bernie Ecclestone Büro in London

Wer war der Beste von allen?
Senna war schon speziell, super! Schumacher fuhr in derselben Liga. Wenn ich mich aber wirklich entscheiden müsste, dann vielleicht Alain Prost, der Professor. Er hätte viel mehr ­Titel erreichen können als vier. Er hatte aber oft Pech. Außerdem hatte er immer extrem starke Teamkollegen wie Senna oder Niki.
Und Michael Schumacher?
Keine Frage, er hat Maßstäbe gesetzt. Er hat Ferrari zurück an die Spitze geführt. Aber sein Problem war: Er kannte kein Limit. Er glaubte, für ihn gibt es kein Limit. Deshalb passierten Dinge wie in Jerez 1997 oder Monaco 2006. Die Skandale brachten zwar viel Publicity, aber nicht unbedingt die, die wir wollten. Trotzdem brachte er der Formel 1 viele Zuschauer.
Wie würden Sie ihn beschreiben?
Man konnte ihm vertrauen. Wenn man ihm einen Job gab, konnte man sicher sein, dass er ihn erfüllen würde.
War das Comeback bei Mercedes gut für ihn?
Es war gut für die Formel 1, weniger gut für ihn. Er glaubte damals wirklich dran, dass er Erfolg haben könnte. Aber das meinte ich mit den Limits, die er für sich nicht kannte.
Wie gut sind die heutigen Fahrer?
Heute haben die Piloten viel mehr Druck, Leistung abzuliefern. Früher wurden die Fahrer Stars, weil sie es einfach wurden. Weil sie Spaß am Rennfahren hatten. Sie wollten es nicht, sie taten nichts dafür, sie waren es einfach. Ich ärgere mich, wenn ich die Fahrer mit irgendwelchen Typen he­rumlaufen sehe, die sie bei allem, was sie tun, vermarkten wollen. Das ist doch irre. Sie halten ihnen Aufnahmegeräte vor den Mund, und dann sagen die Fahrer am ­Ende doch nur das, was ihre Geldgeber hören wollen. Da ist mir jemand viel lieber, der geradeaus sagt, was er denkt. Wenn es die Leute aufregt? Na und! Ich muss leider sagen, dass diese Sprach­roboter mit Michael Schumacher angefangen haben. Michael wollte das sicher nicht bewusst, aber passiert ist es trotzdem. Mir tun die Fahrer nur noch leid.
Wie sehen Sie Sebastian Vettel im Vergleich mit Lewis ­Hamilton?

Ein Mann mit Visionen: Mr. E. war der Macher der F1

Vettel wird unterschätzt. Er hat das Wettbewerbs-Gen, das die Fahrer früher auch hatten. Schon als ich ihn das erste Mal im Freitagstraining in der Türkei 2006 gesehen ­habe, wusste ich das. Weil ich es in seinen Augen sehen konnte. Die Formel 1 braucht ­einen Sebastian, der gewinnt. Er wird sich auch aus seinem aktuellen Tief herauskämpfen. Und dann wird es für ihn mega sein, wenn er wie Michael mit Ferrari Weltmeister wird. Ich weiß, dass er davon träumt. Und es gibt keinen Grund, warum neben Lewis nicht auch Sebastian Michaels sieben Titel erreichen kann. Wie schon gesagt: Die Leute unterschätzen Sebastian.
Wie wichtig war und ist Mercedes für die Geschichte der Formel 1?
Sie haben einen super Job gemacht. Sowohl damals als auch heute. Das darf man ihnen nicht vorwerfen. Als die Hybridmotoren kamen, war die Sache gegessen. Mercedes war auf diesem Gebiet einfach zu überlegen. Deshalb hätten wir die Motoren nie einführen dürfen. Formel 1 muss Entertainment bleiben. Wenn man die Fans fragt, wissen die nicht viel über die Technik. Sie wollen Helden ­sehen, die spektakulär fahren und bei Unfällen aussteigen und in die Menge winken.
Warum haben Sie stets auf ­so­ziale Medien verzichtet?
Für mich war die Formel 1 immer ein Luxusrestaurant und nicht ein Fast-Food-Laden. Ich will die Formel 1 auf großen Bildschirmen ­sehen, nicht auf Laptops oder gar Handys.
Anderes Thema: Was halten Sie von einer Budgetgrenze, wie Liberty sie plant?
Darüber reden sie schon seit Jahren. FIA-Präsident Jean Todt tut sein Mögliches. Ich glaube aber nicht, dass es funktionieren wird. Man könnte eine Firma wie Mercedes nie kontrollieren... Sie machen Formel 1 um zu gewinnen. Dafür geben sie eine Menge Geld aus. Ihre Einbindung in einen Konzern ist ihr Vorteil. Warum sollen sie den aufgeben? Das macht für sie keinen Sinn.
Zum Schluss: Wie hart hat es Sie getroffen, dass bei Liberty ­Media kein Platz mehr für Sie war?
Von Liberty bin ich enttäuscht, wie sie mit mir umgegangen sind. Bevor ich verkaufte, bot ich ihnen meine ganze Hilfe an. Ich schlug sogar vor, mir mit Chase (Carey, Liberty-F1-Chef; d. Red.) ein Büro zu teilen. Aber alles, was ich bekam, war ein Telefonanruf von Chase. Er wollte mich treffen. Dann legte er mir einen Stapel vor: meine Entlassungspapiere. Er sagte, ich solle mir alles in Ruhe durchlesen. Dazu hatte ich aber keine Lust. Ich unterschrieb sofort und war weg. Ich hätte das anders abgewickelt.

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Autoren: Ralf Bach, Bianca Garloff

Fotos: Bianca Garloff

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