Wer Helmut Marko besser kennenlernen und verstehen will, muss ins Schlossberghotel in Graz. Dort lebt Red Bulls Motorsportchefberater seine zweite Leidenschaft aus. An den Wänden hängen Kunstwerke aus verschiedenen Epochen, liebevoll hat der Österreicher klassische Möbel in den Suiten unterhalb des Schlossbergs verteilt. „Entweder ganz oder gar nicht“, schmunzelt der gelernte Jurist, der im Drittberuf auch Hotelier, Kunstliebhaber und -Mäzen ist. „Die Formel 1 ist nicht alles.“
Dass sie aber doch einen wichtigen Teil im Leben des heute 80 Jahre alte ehemaligen Formel-1-Piloten und Le Mans-Siegers einnimmt, zeigt eine Vitrine neben dem Haupteingang seines Hotels. Darin zwei Helme, die mittlerweile sechs WM-Titel repräsentieren. Die untere Position nimmt ein Kopfschutz von Sebastian Vettel ein. Auf das Visier hat der Deutsche mit silbernem Filzstift eine Widmung geschrieben: „Lieber Helmut, zur Erinnerung an ein grandioses Jahr. WIR HABEN ES ALLEN GEZEIGT. Weltmeister 2010.“
Auffallend aber ist, dass noch jemand über der großen Liebe Sebastian Vettel, Red Bull-Weltmeister 2010 bis 2013, schwebt. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Denn über Vettels Helm hängt der von Max Verstappen. Ebenfalls mit einer Widmung für den Doktor: „Selbst der Crash in Silverstone konnte uns nicht vom WM-Titel abhalten.“
Dr. Helmut Marko schwärmte erneut auch von Max Verstappen.
Bild: Red Bull Content Pool

Fest steht: Genau dieser Unfall mit Mercedes-Star Lewis Hamilton hat Verstappen und Red Bull noch enger zusammengeschweißt – und so auch die Bande Marko-Verstappen gefestigt. Vorm Red Bull-Heimspiel am kommenden Wochenende in Spielberg sitzt der Grazer also an seinem Schreibtisch in einem modernen Gebäude gegenüber seines Hotels und schwärmt von seinem Zauberlehrling.
„Mit erst 25 Jahren hat er schon 41 Siege – damit ist der mit Abstand der Jüngste, der solche Erfolge zu verzeichnen hat. Als ich ihn früher mit Ayrton Senna vergleichen habe, wurde ich belächelt. Jetzt lächelt keiner mehr.“
Selbst beim Faktor Charisma wird der als harter Hund gefürchtete und respektierte Österreicher ganz weich, wenn er von seinem siegenden Holländer spricht. „Auch seine Persönlichkeit hat sich stark entwickelt. Er lässt sich nicht verbiegen und sagt, was er denkt. Langsam kommt damit auch das Charisma.“
Und der dritte WM-Titel sowieso. Vor dem neunten Rennen der Saison 2023 hat er in der WM 69 Punkte Vorsprung auf seinen Teamkollegen Sergio Perez. Aston Martin-Pilot Fernando Alonso folgt auf Rang drei mit einem Respektabstand von 78 Zählern. Nach der Dauerdominanz von Mercedes zwischen 2014 und 2020 ist jetzt wieder Red Bull das Team, das kaum zu schlagen ist.
Dr. Helmut Marko, Teamchef Christian Horner und Designgenie Adrian Newey bilden einen wichtigen Baustein des Erfolges.
Bild: Red Bull Content Pool

Ein wichtiger Baustein des Erfolgs: das Triumvirat aus Marko, Teamchef Christian Horner und Designgenie Adrian Newey. „Diese Kontinuität unterscheidet uns von den anderen“, betont Marko in der Kleinen Zeitung, dem Heimatblatt der Steiermark. „Newey ist 17 Jahre dabei, Horner 19 und ich noch länger.“ Schwierig sei es dennoch geworden, als die Siegesserie 2014 endete und Mercedes die Hybrid-Ära dominierte. „Da mussten wir das Team zusammenhalten. Mit Erfolg ist es leichter. Jeder will für einen wie Verstappen arbeiten.“
Dass an der Seite des Doppelchampions bald auch wieder Ex-Pilot Daniel Ricciardo fahren könnte, wie einige Medien spekuliert hatten, relativiert Marko: „Da wurde viel aus dem Zusammenhang gerissen. Daniel Ricciardo macht Testfahrten, ja, aber das hat mit dem Sportlichen nicht viel zu tun. Perez hatte ein paar sehr gute Rennen und ein paar sehr schlechte. Er muss sich wieder konzentrieren, um das Optimum abzuliefern, da braucht es keine WM-Titel- Träume. Das Positive: Er ist der erste, der zwei Saisons neben Max überstanden hat.“
Wobei der Red Bull-Doc selbst wieder den Kreis zu seinem Lieblingspiloten Verstappen schlägt. Der soll an diesem Wochenende vor 315.000 Zuschauern seinen vierten Sieg auf dem Red Bull-Ring holen. Nachdem Marko selbst bei der Legenden-Parade in seinen BRM 157 gestiegen ist: „Ich hoffe, dass ich der Geschwindigkeit nicht zu sehr verfalle, wenn ich im Auto sitze.“
So oder so: Für Helmut Marko wird es einer der schönsten Grand Prixs des Jahres. „Für mich ist es angenehmer als sonst“, verrät er. „Ich kann nach dem Rennen nach Hause fahren, habe keinen Stau und sitze zu den Abendnachrichten vor dem Fernseher. Das ist Luxus für mich.“
In der Tat: Denn dann kann er am Morgen vom Büro aus auch den Blick auf die gegenüberliegende Felswand genießen. Dort hängt ein Original-Red Bull hochkant im Stein. Die perfekte Mischung aus Markos beiden Leidenschaften: Formel 1 und Kunst.