Mit dieser Passivität hat sich die Formel 1 einen gehörigen Imageschaden zugezogen: bei der letztlich unausweichlichen und viel zu späten Absage des Australien GP am Freitag, gab die Serie ein ganz schwaches Bild ab. Geschlagene zwölf Stunden vergingen zwischen dem Rückzug des McLaren-Teams und der offiziellen Rennabsage seitens der Verantwortlichen!
Das Problem: Die Fans pilgerten deswegen am Trainingsfreitag planmäßig zur Strecke, standen dann zu Tausenden dicht gedrängt vor verschlossenen Toren. In Zeiten einer weltweiten Virus-Pandemie ein absolutes Horrorszenario, vor allem aber ein vermeidbares.
Wieso also dauerte es so lange, die Absage offiziell zu machen?
F1-Sportchef Ross Brawn rechtfertigt sich: "Es ist keine totale Alleinherrschaft, in der wir einfach eine Entscheidung fällen können. Wir mussten mit den Teams reden, mit den Gesundheitsbehörden, der FIA und den Veranstaltern hier. Das dauert alles", erklärt der Brite. "Wir hatten viele Faktoren zu berücksichtigen. Ich denke, wir haben einen ganz guten Job gemacht, mit so vielen Beteiligten die richtige Entscheidung zu treffen", sagt Brawn.
Brawn
F1-Sportchef Brawn sieht gutes Krisenmanagement
Auch die Zeitverschiebung zwischen Europa und Australien habe Probleme bereitet, so Brawn, der laut eigener Aussage die ganze Nacht lang wach war: "Wir mussten auch mit FIA-Präsident Jean Todt (in Paris; d. Red.) sprechen. Chase (Carey, F1-CEO; d. Red.) war unglücklicherweise gerade in der Luft, weil er von Vietnam hierher geflogen ist. Es war also eine stressige Zeit. Dass wir etwas so wichtiges in zwölf Stunden geregelt haben, war gut."
F1-CEO Carey verteidigt das Vorgehen der Formel 1 in einer "sich ständig verändernden Situation". Carey: "Natürlich haben wir auch keinen Einfluss darauf, wie sich gewisse Dinge entwickeln. An vielen Orten auf der Welt ist die Situation nicht mehr so wie noch 24 oder 48 Stunden zuvor. Sicher sind wir alle enttäuscht, dass das Rennen nicht stattfindet, aber in dieser herausfordernden Zeit mussten wir die Entscheidung so fällen."
Mit Blick auf die vielen Parteien erklärt Carey: "Wie erwartet gab es unterschiedliche Ansichten, die wir uns alle angehört haben." Drei Teams, namentlich Red Bull, AlphaTauri und Racing Point, wollten in Australien das Training bestreiten. Letztlich wurden sie überstimmt. "Am Ende stimmen wir wohl alle überein, dass wir den richtigen Entschluss gefasst haben", so Carey.Bleibt die Frage, wieso die Formel 1 angesichts der weltweiten Lage überhaupt nach Australien reiste und dort so lange versuchte, am Rennen festzuhalten?
"Natürlich kam die Problematik jetzt nicht aus dem Blauen", räumt auch Carey ein. "Wir haben die Entscheidung herzukommen anhand der Informationslage von letzter Woche getroffen. Da war die Situation hier unter Kontrolle, in Bezug auf die veranstalteten Events und die Anzahl der Infizierten."
Spätestens der positive Corona-Test eines McLaren-Mitarbeiters in Melbourne brachte dann aber eine andere Dynamik. F1-Boss Brawn erklärt: "Was uns überrascht hat, ist die rapide Ausbreitung des Problems. Diese Eskalation hat niemand erwarten können. Sobald wir den positiven Fall (im Fahrerlager; d. Red.) hatten und ein Team deshalb nicht antreten konnte, gab es klarerweise ein Problem, das wir ansprechen mussten." Leider dauerte das einen halben Tag lang.

Von

Frederik Hackbarth