Formel 1: Chase Carey und Toto Wolff

Mercedes bekennt sich zur Formel 1

Toto Wolff und Chase Carey im Doppel-Interview. So steht es um den Deutschland-GP, deutsche Fahrer im Silberpfeil und die Konkurrenz zur Formel E.
AUTO BILD MOTORSPORT: Chase Carey, haben Sie sich bei Toto Wolff schon bedankt, dass er mit seinem Team erst im vierten GP angefangen hat zu siegen?
Chase Carey (64): Stimmt, das sollte ich vielleicht tun (lacht). Aber insgesamt bin ich zufrieden mit dem ersten Saisondrittel. Alle drei Top-Teams konnten gewinnen, die Rennen waren spannend – auch, weil Toto sich zurückgehalten hat ...
Formel 1: Die Fahrerfrauen
Was ist schwieriger: Weltmeister werden oder bleiben?
Toto Wolff (46):
Es ist einfacher, Herausforderer zu sein und sich an jemandem hochziehen zu können. Wenn du allerdings selbst die Messlatte bist, musst du dich immer wieder neu erfinden, ohne das gesamte System umzuwerfen. Wir haben die WM von 2014 bis 2016 dreimal gewonnen. Dann kam 2017 die große Aerodynamikregeländerung. Aber wir konnten unsere Siegesserie unter dem neuen Reglement aufrecht­erhalten. Im ersten Rennen 2018 haben wir aber eine Backpfeife bekommen. Das gab dem gesamten Team neue Energie, um zurückzuschlagen.

Toto Wolff und Chase Carey im Interview

So eine Teamdynamik findet sich auch im Fußball. Herr Carey, wo ordnen Sie die Formel 1 im Vergleich zum Fußball eigentlich ein?

Carey: Fußball ist weltweit einzigartig, hat aber auch eine starke lokale Basis. Formel 1 ist eine der wenigen globalen Sportarten, die regelmäßig stattfinden. Eine Fußball-WM läuft nur alle vier Jahre. Wir sind in der ganzen Welt tätig und fahren alle 14 Tage einen GP – mit Fahrern, die globale Stars sind. Und während es im Fußball Hunderte von Spielen gibt, konzentrieren wir uns auf 21 Grands Prix. Jeder einzelne davon ist ein Spektakel. Außerdem kombinieren wir den Sport mit Hightech. Das schafft kein anderes Event.
Und wann kreischen die Motoren wieder?
Carey: Der Wettbewerb stimmt dieses Jahr. Aber ja, Sound und Power müssen noch besser werden. Dabei werden wir sicherstellen, dass die Technik in den Autos das Nonplusultra im Motorsport bleibt.
Herr Wolff, was hat die Formel 1, was Fußball nicht hat?
Wolff: Jeder kann Fußball spielen, dafür braucht man nur einen Ball und etwas freie Fläche. Aber jedes Jahr haben nur 20 Menschen auf der Welt die Chance, in einem Formel-1-Auto zu sitzen. Fußball ist deshalb mehr Mainstream. Aber Formel 1 hat einen harten Kern von Fans, die sich auch für Ingenieurskunst inter­essieren. Bis zu 70 Millionen Fans schauen jedes Rennen live, 21-mal im Jahr. Das kann sich im Vergleich zum Fußball sehen lassen.
Trotzdem sehen in Deutschland heute nur noch halb so viele Fans die Rennen wie zu Zeiten von Michael Schumacher bei Ferrari. Brauchen wir wieder mehr Stars?
Carey: Natürlich sind die Fahrer ein Schlüssel dazu. Sie sind die Helden. Das sieht man daran, welches Interesse Max Verstappen gerade in Holland weckt. Uns geht es nun dar­um, dass die Fans stärker in Kontakt mit ihren Helden treten können, noch mehr von ihnen mitbekommen. Eine positive Überraschung war, dass die eSports-Formel-1-Meisterschaft 2017 so gut angenommen wurde. Sie ist ein Tool, mit dem wir junge Fans begeistern können. Was Deutschland angeht: Ihr habt doch alles, was man braucht! Einen deutschen Fahrer und ein deutsches Team, die gegeneinander um die WM kämpfen. Diesen Luxus hat nicht jedes Land.
Toto Wolff, wann haben wir endlich wieder einen deutschen Fahrer im deutschen Auto?
Wolff: Deutschland hatte viele erfolgreiche Jahre mit Michael Schumacher, gefolgt von erfolgreichen Jahren mit Sebastian Vettel. Vielleicht war Sportdeutschland einfach satt. Das könnte den Rückgang der Zuschauerzahlen verursacht haben. Zu Ihrer Frage: Sebastian ist einer der Top-Fahrer, die man haben kann. Aber er hat einen Vertrag bis 2020. So lange bleiben wir bei unseren Jungs (lacht).
Mercedes fährt seit 2010 Formel 1. Was macht die Serie so attraktiv?
Wolff: Formel 1 gehört für uns zum Kerngeschäft. Der erste Mercedes war ein Rennauto. Formel 1 ist für uns nicht nur eine Marketingplattform. Es gibt einen direkten Technologietransfer in die Serie. Außerdem laden wir damit die Sportlichkeit unserer Marke auf. Wir wollen deshalb in der Serie bleiben, denn sie ist die einzig wahre globale Plattform, die für uns zählt.
Chase Carey, was wollen Sie tun, um die Formel 1 auch für andere deutsche Hersteller wie Porsche noch attraktiver zu machen?
Carey: Wir wollen Qualität und nicht Quantität. Underdogs gegen Werksteams. Alle konkurrenzfähig. Dafür müssen wir die Formel 1 zu einem Businessmodell machen, das sich auszahlt. Wenn wir den Sport damit für die Fans noch attraktiver machen, werden wir gleichzeitig auch attraktiver für alle Hersteller – nicht nur für deutsche.
Die Formel E fuhr gerade in Berlin. Stellt die Serie eine Bedrohung für die Formel 1 dar?
Carey: Nein, im Gegenteil: Sie kann Interesse am Motorsport wecken und uns neue Fans bringen. Die Formel 1 wird immer die Königsklasse sein. Für Firmen aus dem Elektro-Business und Sponsoren, die sich mit umweltfreundlichen Technologien identifizieren wollen, ist sie eine gute Initiative. Die Formel E ist aber eher eine Straßenparty. Wir setzen Helden, Historie, tolle Autos und großartige Events dagegen.
Herr Wolff, Sie nehmen ab 2019 mit Mercedes ebenfalls an dieser Straßenparty teil. Warum?
Wolff: Chases Beschreibung trifft den Nagel auf den Kopf. Formel 1 ist  klar die Top-Klasse im Rennsport. Elektrifizierung passiert aber nun mal, und sie ist eine gute Botschaft für jede Marke. Vor drei Jahren hätte ich der Formel E keine Chance gegeben. Das hat sich aber geändert. Sie spricht eine junge, urbane Zielgruppe an. Die Macher haben einen guten Job gemacht. Für uns ist es wie ein Start-up, an dem wir interessiert sind. Aber sie ist für uns komplementär zur Formel 1, keine Konkurrenz.
Die Formel 1 folgt der Formel E mehr und mehr in die Städte. Ist ein GP durch Berlin realistisch?
Carey: Wir sind offen: Wenn Berlin ein Straßenrennen will – wir haben die Autos dafür! Für uns ist der Mix aus Straßenrennen, Rennen in der Nähe großer Städte wie Montreal und den Traditionsrennstrecken wie Spa und Monza wichtig. Aber es stimmt: Stadtrennen haben eine ganz besondere Energie. Davon wollen wir mehr.
Wie wichtig ist Ihnen der Große Preis von Deutschland? Der Vertrag mit Hockenheim läuft aus …
Carey: Deutschland ist extrem wichtig für uns. Es ist eines der größten Länder Europas mit einer großen Historie in unserem Sport und einer starken Automobilindustrie. Europa ist und bleibt die Basis der Formel 1. Deshalb ist es auch das Ziel, den GP in Deutschland zu halten, aber die Rennstrecke braucht dafür Unterstützung – entweder aus der Öffentlichkeit oder aus der Wirtschaft. Die Konkurrenz um die wenigen GPs, die wir zu vergeben haben, ist groß. Die Gespräche laufen, aber es wird eine Herausforderung.
Herr Wolff, können Sie da helfen?
Wolff: Natürlich ist ein deutscher GP auch für uns wichtig. Wir wollen uns aber nicht in die Verhandlungen einmischen.

Autor: Bianca Garloff

Fotos: Hersteller

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