Wie bewerten Sie die Situation von Mick Schumacher im zweiten Jahr bei seinem Team Haas in der Formel 1?
Nico Rosberg:
Es war jetzt (nach dem Crash in Monaco; d. Red.) das erste Mal, dass es für ihn ein bisschen unangenehmer wurde in Sachen Medienlandschaft. Im letzten Jahr war das ja Friede-Freude-Eierkuchen. Es ist leider im Sportler-Leben immer so, dass es auch mal schwieriger wird. Da muss er jetzt konzentriert bleiben, Verbesserungsvorschläge annehmen und das machen, was er kann: Auto fahren. Er hat in der Vergangenheit gezeigt, dass er das kann: als Formel-3-Meister und Formel-2-Meister. Er muss jetzt einfach weiter seinen Weg finden. Die Formel 1 ist so kurzlebig. Mick braucht nur einen Erfolgsmoment und alles ist vergessen. Da muss er drauf hinarbeiten.
Am Wochenende in Kanada startete er von Platz sechs, fiel dann aber mit Technikdefekt aus. Aus fahrerischer Sicht eine starke Reaktion, nachdem auch sein Teamchef Günther Steiner davor mit seiner Kritik nicht gerade sensibel war.
Das ist schon schwierig, denn dein Team ist deine Familie. Und wenn die dich in der Öffentlichkeit kritisiert, ist das bei einem jungen Fahrer nicht der beste Weg. Für einen jungen Rennfahrer ist es Herausforderung genug, in so einer Situation wieder auf sein Können zu vertrauen. Da braucht man keinen Teamchef, der die Öffentlichkeit aufwühlt.
Nico Rosberg (36) ist zurück im Renncockpit!

Ihre Teamchefs haben Sie eher intern aufgewühlt…
Genau (lacht). Patrick Head (Ex-Williams-Technikchef; d. Red.) kam mitten in einem Qualifying an mein Auto, öffnete mein Visier und sagte zu mir: „Wenn Du so weiterfährst, versenkst du uns in die Insolvenz!“ Wenn du erst 21 Jahre alt bist, geht Dir da schon der Stift. Danach bin ich allerdings mein bestes Qualifying gefahren. Konstruktiv fand ich es trotzdem nicht.
Sie sind jetzt auch Teamchef, haben in der Extreme E einen Rennstall. Wie war die Rückkehr ins Cockpit?
Ich kenne das Fahren auf losem Untergrund aus der Formel 1 ja gar nicht. Aber: Das ist genial, so cool. Ich war irgendwann nur noch am Schreien vor Begeisterung. Das Driften ist einfach der Wahnsinn. Und das Auto schluckt alle Bodenwellen und Unebenheiten einfach weg. Es fährt und springt über alles. Für mich war es das perfekte Gefühl.
Lewis Hamilton, der ebenfalls Teambesitzer in der Extreme E ist, klagt wegen des extremen Hüpfens seines Mercedes über Rückenschmerzen. Würden Sie ihm auch so einen Test empfehlen?
Absolut, denn es ist mega-weich im Auto. Ich bin mir sicher, dass das im Vergleich zu seinem jetzigen Formel-1-Auto ein Zuckerschlecken wäre. Deswegen würde ich ihm das empfehlen. Er mag ja ohnehin das Offroad-Thema sehr, fährt in seiner Freizeit gerne mit Buggys.
Der Ex-Formel-1-Weltmeister testete vergangene Woche am Nürburgring sein eigenes Extreme-SUV.

Wie wichtig ist die Aufgabe der Extreme E, weiter auf den Klimawandel aufmerksam zu machen?
Der positive Beitrag ist für uns alle wichtig. Und ob es aktuell der Krieg in der Ukraine oder langfristig der Klimawandel ist – das sind alles drängende Themen. Klar: Die Ukraine ist heute wichtig. Aber der Klimawandel wird uns nicht loslassen. Deswegen ist es gut, dass wir uns mit der Serie weiter dafür stark machen. Und nicht nur dafür: Sondern auch für die Gleichberechtigung. In der Extreme E teilen sich ein Mann und eine Frau  ein Auto. Unsere Mikaela (Pilotin Mikaela Ahlin-Kottulinsky, die mit Johann Kristoffersson ein Duo bildet/d.Red.) ist superschnell. Und es macht auch Spaß, diese Zusammenarbeit zu sehen. Denn normalerweise ist man im Motorsport Einzelkämpfer. Hier ist es eher ein Teamgefühl.
Von der EU wurde für 2035 das Aus von Verbrennungsmotoren bestätigt. Bestätigt das auch Sie in Ihrer Vorgehensweise?
Ja, ich finde es toll, das die EU die Richtung bestätigt, die ich schon länger eingeschlagen habe – und für die ich anfangs auch Unverständnis geerntet habe. Jetzt, fünf Jahre später, ist es klipp und klar, dass Elektromobilität die richtige Lösung ist. Die ganze EU verkauft in 13 Jahren keine Verbrenner mehr. Unglaublich, wie schnell das jetzt geht. Auch wenn nun natürlich viele sagen, dass es schon 2030 hätte sein können. Aber das ist ein Kompromiss mit unserer Wirtschaft, an die wir auch denken müssen. Denn das Rückgrat der deutschen Wirtschaft ist unsere Automobilindustrie.
Wie sehen Sie vor dem Hintergrund die Entscheidung der Formel 1, ab 2026 mit aufgemotzten Hybridmotoren zu fahren?
Und mit synthetischem Kraftstoff! In dem Fall ist das vertretbar. Denn das macht es dann klimaneutral. Die Formel 1 bleibt beim High-Performance-Hybridmotor, dem effizientesten Antrieb, den es derzeit und in den nächsten Jahren im Hochleistungsbereich geben kann. Die Mineralölkonzerne, die in der Formel 1 vertreten sind, werden deshalb auch richtig Gas geben müssen. Und davon profitieren auch andere relevante Bereiche, wie die Luftfahrt, der Schiffsverkehr und die LKW-Branche…
Es gibt ja auch noch Millionen Autos auf der Welt, die einen Verbrennungsmotor verbaut haben und nicht bis 2035 verschrottet werden.
Das stimmt. Die Frage bleibt trotzdem, wie wirtschaftlich tragbar das ist, eine Milliarde Autos mit E-Fuels zu beliefern. Laut Schätzung ist das viermal so teuer wie normales Benzin. Das ist eine große Herausforderung, zu der die Formel 1 mit Weiterentwicklung und Testen des Kraftstoffs ihren Beitrag leisten kann.
Nico Rosberg führt mit seinem Team Rosberg X Racing die Extreme-E-Meisterschaft an.

Wie bewerten Sie die Entwicklung der Extreme E, die Sie im letzten Jahr mit Ihrem Team RXR gewonnen haben?
Die Extreme E ist auf dem richtigen Weg. Die Qualität der Fahrer ist schon auf einem weltmeisterlichen Niveau. Jetzt stößt auch McLaren dazu, hat das mit einem Partner sogar an der Wall Street angekündigt. Das zeigt die Relevanz der Serie, weil sie eben auch  Werte-basiert ist. Mein Wunsch wäre natürlich noch ein Rennen in Deutschland.
Neben dem Umweltschutz setzen Sie sich auch für die Ukraine ein, haben zuletzt eine Spendenaktion gestartet.
Was dort passiert ist ein Drama, besonders für Kinder. Deshalb setze ich mich für die Opfer des Krieges ein. Wir haben als Familie viel gespendet und jetzt noch eine Gewinnspielaktion laufen. Da kann man einen Abo-Vertrag eines Tesla Model Y gewinnen – und der Erlös kommt der Ukraine zu Gute.

Von

Bianca Garloff