Für Charles Leclerc war im Qualifying zum Großen Preis von Kanada schon nach dem ersten Abschnitt Schluss. Obwohl der Ferrari-Star sich für die nächste Runde qualifiziert hatte, stieg er aus seinem Ferrari aus, trottete zur Waage und entledigte sich seines Helms.
Enttäuscht war der Monegasse dennoch nicht. Denn sein Aus war programmiert. Nach seinem Motorschaden in Baku füllt Ferrari das Antriebskontingent des WM-Dritten auf. Hintergrund: Kurz vorm Rennen in Montreal gab die Scuderia bekannt, dass die Power Unit aus Aserbaidschan nicht zu retten ist.
Im ersten Training auf der Ile de Notre-Dame bekam Leclerc deshalb einen Antriebsstrang mit neuem V6-Verbrennungsmotor, neuen Elektromotoren und neuer Steuereinheit eingebaut. Beim Turbolader haben die Techniker zunächst auf ein altes Bauteil zurückgegriffen, um noch nicht alle Karten auf den Tisch zu legen. 
Denn mit dieser Kombination hätte der Ferrari-Pilot sein Kontingent an erlaubten Motorteilen zwar voll ausgeschöpft, wäre aber straffrei ausgegangen.
Charles Leclerc startet in den GP Kanada von Platz 19.

Doch dabei blieb es nicht. Vorm zweiten freien Training meldete die FIA: Ferrari hat eine weitere neue Steuereinheit eingesetzt. Das Reglement sieht in dem Fall eine Rückversetzung um zehn Startplätze vor. Also machte Ferrari kurzen Prozess und schob eine weitere, komplett neue Power Unit nach, um Leclercs Motorenpool entsprechend aufzufüllen. Damit muss der Monegasse heute (20 Uhr deutscher Zeit live auf Sky) von ganz hinten losfahren.
Eine ganz bewusste Entscheidung, denn auf den langen Geraden des Circuit Gilles Villeneuve ist Überholen möglich.
Bleibt die Frage, wie lange dieser Motor hält. Die Zuverlässigkeitsprobleme sind noch nicht beseitigt. „Wir arbeiten an Gegenmaßnahmen“, heißt es von Ferrari. Immerhin so viel verraten die Italiener: Der Defekt von Baku war offenbar eine Folge des Turboschadens von Barcelona.
Leclerc hat das Beste aus der Situation gemacht und seinen F1-75 auf Startplatz 19 gestellt – weil auch Yuki Tsunoda (AlphaTauri) seinen Antriebspool auffüllt, startet der Japaner mit der schlechteren Rundenzeit im Qualifying von ganz hinten. „Wir konnten einen Platz gewinnen, indem ich mich vor Yuki qualifiziert habe“, hat Leclerc zumindest einen kleinen Erfolg zu vermelden. „Es ist zwar nur eine Position, aber jedes Detail kann an einem Rennwochenende wie diesem helfen.“
Allerdings macht ihm das Verhalten seines Autos im direkten Duell Sorgen. Leclerc: „Das Renntempo sollte gut sein, aber das Überholen war am Freitag eher schwierig. Ich hoffe, dass es im Rennen besser läuft und ich mich schnell durchs Feld nach vorne arbeiten kann.“
Dabei dürfte er irgendwann auch auf Aston Martin-Star Sebastian Vettel treffen, der von Platz 16 ebenfalls die Punkte im Visier hat. Gut möglich also, dass die ehemaligen Ferrari-Teamkollegen auf dem Weg nach vorne wieder zusammenarbeiten.
Vor allem für Leclerc gilt bei aller Angriffslust aber vor allem, Schadensbegrenzung zu betreiben. Nach zwei Motorschäden hat er bereits 34 Punkte Rückstand auf WM-Leader Max Verstappen. Und der startet in Kanada ausgerechnet von ganz vorn.

Von

Bianca Garloff