150 Rennen hat es gedauert, dann hat Carlos Sainz (27) es endlich geschafft. Beim Grand Prix in Silverstone gewinnt der Spanier in seinem zweiten Ferrari-Jahr endlich sein erstes Rennen. Doch Teamchef Mattia Binotto hat nach der Zieldurchfahrt andere Sorgen.
Er sucht im Parc Fermée nach seinem WM-Kämpfer Charles Leclerc (24) und redet mit erhobenem Zeigefinger auf den Monegassen ein. Auch wenn es so aussieht: Vorwürfe macht der Rennleiter seinem Starpiloten keine. „Es gibt nichts intern auszusortieren“, betont der Italiener. „Ich sagte ihm, dass ich seine Enttäuschung verstehe. Er hat ein super Rennen abgeliefert. Wichtig ist jetzt, ruhig und positiv zu bleiben in so einer Situation.“
Die Situation, die Binotto meint: Auf Platz vier hat Leclerc zwar sechs Punkte gut gemacht auf WM-Spitzenreiter Max Verstappen, der nach Problemen an seinem Red Bull nur Siebter wurde. Es hätten aber mehr sein können. Genauer gesagt: 19 mehr.
Denn bis Runde 40 führt der Monegasse das Rennen mit 4,9 Sekunden Vorsprung souverän an. Ferrari hat bis dahin vieles richtig gemacht, hat seine Nummer eins nach einigem verbalen Hin und her doch noch am etwas langsameren Sainz vorbeigelotst, als Mercedes-Star Hamilton von hinten mit starken Rundenzeiten zur Gefahr wird.
Dicke Luft bei Ferrari nach dem Rennen in Silverstone.

Dann die fragwürdige Entscheidung, als das Safetycar in Runde 40 nach einem Technikdefekt von Esteban Ocon ausrückt. Anstelle von Leclerc beordert man den Zweitplatzierten Sainz zum „freien“ Boxenstopp und zieht ihm – wie Mercedes bei Hamilton – frische weiche Gummis auf. Damit wird Leclerc an der Spitze beim Neustart zu Freiwild, zumal Sainz in diesem Fall nicht mehr den Abfangjäger spielen will.
„Jungs, fragt mich nicht solche Sachen, hört auf zu intervenieren“, antwortet der Spanier auf die Bitte am Boxenfunk, er möge Leclerc nach hinten abschirmen. „Ich bin auch unter Druck von Hamilton.“ Dann kommt, was kommen muss: Leclerc wird trotz bravouröser Gegenwehr von Sainz, Perez und Hamilton aufgeschnupft und bis auf Rang vier durchgereicht.
Der WM-Dritte (43 Punkte hinter Verstappen) schmallippig: „Schon am Anfang habe ich etwas Zeit verloren. Dann gab es die Situation, wo man die Autos splitten musste. Man hat mich draußen gelassen und das war’s.“
Härter fällt die Kritik bei den TV-Experten aus: „Wenn ich Teamchef wäre, wäre ich nicht so happy“, sagt Mathias Lauda bei Servus TV. „Wenn ich das Rennen heute lese, hat Ferrari alles falsch gemacht. Leclerc war klar schneller und wurde aufgehalten, so dass Lewis immer näher kam. Mit dem Safetycar hatte Charles einen freien Stopp. Er hätte sich neue Reifen holen und das Rennen mit links gewinnen können. Am Ende hat Carlos nur gewonnen, weil er auserwählt wurde, in die Box zu kommen. Sie sind zu nett zu Carlos, wollten dass er mal ein Rennen gewinnt. Aber hier geht es um die WM.“
Nico Hülkenberg ergänzt: „Bei Charles war es die absolute Fehlentscheidung. Ihm nach Monaco (Chaos beim Doppelstopp; d. Red.) noch mal so einen einzuschenken, ist natürlich bitter. Ich denke, Ferrari wollte als Team Platz eins und zwei retten und Carlos deshalb als Puffer reinholen, um das so durchzuschaukeln. Aber die Rechnung ist nicht aufgegangen. Von Ferrari war das heute ein einziger Krampf, auch in der Vorentstehung schon. Sie haben Leclerc wieder Punkte gekostet.“
In seiner Video-Konferenz nach dem Rennen reagiert Binotto angesichts solcher Kritik dünnhäutig. „Wir dachten, wir hätten mit Charles genug Speed, um die Konkurrenz hinter uns zu halten. Deshalb haben wir die Wahl getroffen zwischen erstem und zweiten Auto und haben Charles draußen gelassen. Für uns war es wichtig, die Trackposition mit Charles zu halten. Dass es nicht die richtige Entscheidung war, wissen wir jetzt auch.“
Binotto will die Aufmerksamkeit lieber auf Sainz lenken.

Vor einem Doppelstopp hatte die Scuderia nach dem Desaster von Monaco offenbar zu viel Respekt. Binotto: „Wir dachten nicht, dass wir genug Abstand dafür haben. Die anderen waren direkt hinter uns und man darf dann beim Stopp nicht eine Sekunde verschenken.“
Fest steht: Zufriedenheit nach einem Sieg hört sich anders an. Auch deshalb will der Ferrari-Rennleiter den Fokus lieber auf Sainz lenken. „Ich freue mich für ihn. Er war vielleicht nicht immer der Schnellste heute, aber er war da, als es zählte.“
Doch selbst der Spanier kann seinen Triumph nicht so richtig genießen. Denn an Tagen wie diesen könnte Ferrari die WM verloren haben. „Ich habe versucht, Charles‘ Rennen so wenig zu stören wie möglich. Wir müssen es analysieren, aber ich denke wir hatten ein soliden Tag als Team.“
Die Formel-1-Experten sehen das anders. Die Szene im Parc Fermée steht auch für sie stellvertretend für das Debakel in Rot. Genau wie Binottos befremdlich wirkende Geste gegenüber Leclerc. „Meine Freunde heitern mich auch immer mit erhobenem Zeigefinger auf“, spottet Ex-Weltmeister Jenson Button auf Sky. „Der schlechte Call hinter dem Safetycar hat Charles heute den Sieg gekostet.“ Und womöglich auch die WM.

Von

Frederik Hackbarth
Bianca Garloff