Die verbale Klatsche kommt von Ralf Schumacher: „Die größte Unterstützung für Red Bull in der WM heißt Ferrari“, stellt der Sky-Experte halb im Ernst und halb im Spaß fest. Dabei hat er mehr als Recht.
Charles Leclercs Ausfall in Runde 19 des Großen Preises von Frankreich präsentiert dem bis dahin Zweitplatzierten Max Verstappen den Sieg auf dem Silbertablett. Schlimmer noch: es ist bereits das vierte Mal, dass der Monegasse von der Pole-Position startet und nicht gewinnt. Auf 63 Punkte ist der Vorsprung des Titelverteidigers aus den Niederlanden mittlerweile angewachsen.
Die Statistik unterstreicht die ganze Dramatik im Saisonverlauf der Scuderia aus Maranello. Drei Mal schon ist Leclerc in Führung liegend ausgeschieden. In Barcelona und Baku mit Motorschaden. In Frankreich nach einem eigenen Fehler. So jedenfalls behauptet es der Monegasse, nachdem er sich minutenlang in seinem Fahrerraum eingeschlossen hat. 
„Ich zeige die beste Performance in meiner Karriere, aber wenn ich solche Fehler begehe, dann ist das wirklich schlimm“, gibt sich Leclerc selbstkritisch. „Sieben Punkte in Imola und 25 Punkte hier. Wenn man am Ende die WM durch 32 Punkte verliert, dann weiß ich, woher das kommt. Das muss ich in Griff bekommen.“
Charles Leclerc landet beim GP Frankreich in den Reifenstapeln. Sein Fehler oder ein Fauxpas von Ferrari?

In Kurve elf verliert er die Kontrolle über seinen Ferrari. „Ich habe versucht zu pushen und habe das Heck verloren“, erklärt er. „Es war ein schwieriges Wochenende für mich, ich hatte Probleme mit der Balance des Autos. Dann ist es schwierig schnelle Runden hinzubekommen und ich habe im falschen Moment einen Fehler gemacht.“
Allein: Nicht jeder glaubt der Darstellung des WM-Zweiten. Grund: Direkt nach dem Einschlag spricht Leclerc am Boxenfunk von einem hängen gebliebenen Gaspedal. Das erinnert an den GP Österreich vor zwei Wochen, wo er in der Endphase des Rennens mit demselben Phänomen kämpfte. Anschließend schreit er sich die Seele aus dem Leib.
Ein ehemaliger Motorsportchef, der nicht genannt werden will, sagt zu Auto Bild: „Normalerweise ist die erste Reaktion am Boxenfunk immer die echte.“ Ex-Formel-1-Pilot Nico Hülkenberg bei Servus-TV: „Es war schon ein bisschen komisch. Vielleicht will er Ferrari auch schützen."
Das glaubt auch Nico Rosberg. Der Weltmeister von 2016 bei Sky: „Es würde mich überraschen, wenn es wirklich Leclercs Fehler war. Ich würde an seiner Stelle drauf drängen, da noch mal nachzuschauen. Vielleicht hat seine Aerodynamik falsch auf eine Windböe reagiert oder er hatte ein anderes Problem.“
Dass Leclerc selbst so einen Anfängerfehler gemacht haben soll, will der ehemalige Mercedes-Star jedenfalls nicht glauben. „Wenn du Max Verstappen schlagen willst, darfst du dir sowas nicht leisten. Ferrari hatte eigentlich das bessere Auto. Das muss man nach Hause fahren.“
Bei Ferrari allerdings bleiben sie beim Fahrfehler ihres Top-Stars: „Die Aussage am Funk hatte nichts mit dem Fehler zu tun“, schiebt Ferrari-Teamchef Mattia Binotto Leclerc den schwarzen Peter zu. „Ohne genauer ins Detail zu gehen, aber dabei ging es nur um das Prozedere für das Einlegen des Rückwärtsgangs.“

Auch Sainz-Strategie sorgt für hochgezogene Augenbrauen

Trotzdem: Die Italiener machen ihrem boshaften Spitznamen als „Schluderia Ferrari“ zumindest bei Carlos Sainz alle Ehre. Erst schicken sie ihn nach einem Reifenwechsel in die Boxengasse, obwohl von hinten ein Gegner heranrauscht. Das setzt eine 5-Sekunden-Strafe. Anschließend machen sie sich mit einer öffentlichen Diskussion am Boxenfunk über einen zweiten Stopp lächerlich.
Mehr noch: Kaum ein Experte versteht, warum Sainz auf Platz drei liegend zum zweiten Reifenwechsel beordert wurde, um am Ende Fünfter zu werden.
Ferrari erlebt den nächsten Pleiten, Pech und Pannen-GP

Rosberg fragt: „Was zur Hölle machen die da? Ich schüttele mal wieder den Kopf über die Ferrari-Strategen. Carlos war mitten in einem großen Kampf auf der Strecke und das ganze Team guckt nicht zu, weil sie so damit beschäftigt sind, ihre Strategie-Berechnungen zu machen. Es ist Zeit, dass sie da einige ernste Veränderungen vornehmen.“
Ex-F1-Pilot Christian Klien findet am Mikro von Servus-TV: „Sainz war der beste Stratege bei Ferrari.“ Nico Hülkenberg ergänzt: „Das Ganze ist ja keine Raketenwissenschaft, sondern recht simpel zu sehen – selbst von außen und auch von Carlos sogar während des Fahrens.“
Allein: Teamchef Binotto redet die Situation der Scuderia schön: „Es war der richtige Call.“ Und: „Ich weiß, dass Charles enttäuscht ist, allerdings gibt es auch positive Aspekte, die wir uns vor Ungarn angucken müssen. Unser Paket war großartig, beide Fahrer waren sehr schnell auf der Strecke. Jetzt müssen wir einfach nach vorne schauen: In Ungarn ist ein Doppelsieg unser Ziel.“
Selbst die WM hat der Ferrari-Rennleiter noch nicht abgeschrieben: „Es sieht komplizierter aus, aber nicht unmöglich. Wir werden es umso mehr genießen, sollten wir am Ende gewinnen.“
Ob das nach einem Renntag wie am Sonntag in Frankreich aber wirklich realistisch ist, bleibt zu bezweifeln.

Von

Frederik Hackbarth
Bianca Garloff