Es ist ein italienisches Dilemma. Ferrari hatte 2022 lange das schnellste Auto. Trotzdem rast Max Verstappen (Red Bull) souverän in Richtung seines zweiten WM-Titels. Top-Star Charles Leclerc hat bereits 80 Zähler Rückstand auf den Holländer, bei den Konstrukteuren fehlen der Scuderia 97 Punkte auf Red Bull. Technische Defekte, Fehler der Piloten und Strategie-Pannen drohen dem Traditionsteam aus Maranello erneut die Saison zu vermasseln.
Allein: Teamchef Mattia Binotto (52) bleibt die Ruhe selbst: „Es gibt nichts, das wir ändern müssten“, sagt er.
Die Erklärung für die recht einseitige Wahrnehmung des Italieners hört sich so an: „Wenn ich mir die Bilanz der ersten Saisonhälfte ansehe, dann gibt es keinen Grund, warum wir etwas ändern sollten. Es geht immer nur darum, ständig dazuzulernen sowie Erfahrung und Fähigkeiten aufzubauen.“
Ganz richtig ist das nicht: In der Formel 1 geht es am Ende immer um Siege und Titel.
Ferrari-Teamchef Binotto aber bemüht weiter seine Durchhalteparolen.

Binotto aber bemüht weiter seine Durchhalteparolen. „Wir gewinnen und verlieren zusammen. Ungarn war nicht so toll, aber ich glaube, wir verfügen noch immer über viel Potenzial.“ Zur Erinnerung: Ferrari hat in Budapest den Sieg von Charles Leclerc verschenkt, indem man beim Monegassen panikmäßig auf die harte Reifen gewechselt ist.
Laut Binotto lässt sich der WM-Zweite davon aber genauso wenig entmutigen wie der Ferrari-Capo selbst. „Er versucht auszuruhen und zu entspannen, damit er nur noch ehrgeiziger zurückkommt.“
Bleibt die Frage: Reicht diese Einstellung, um Ferrari zurück in die Erfolgsspur zu führen? Fakt ist: Binotto fährt dem WM-Pokal seit drei Jahren hinterher. Und nicht nur das: 2019 überschritt er mit dem Antrieb des roten Renners so sehr die Grenzen des Erlaubten, dass das Team 2020 in einem geheimen Deal mit der FIA mit PS-Entzug bestraft wurde. Erst 2021 schaffte die Scuderia langsam wieder den Anschluss an die Spitze.
Die Bilanz bleibt auch unter seiner Führung ernüchternd: Seit dem Abschied von Jean Todt und Ross Brawn (Ende 2007) hat Ferrari nur 2008 noch einen Konstrukteurs-WM-Titel geholt. Sowohl Fernando Alonso als auch Sebastian Vettel scheiterten am Projekt Weltmeisterschaft. Am Kommandostand zeichneten in dieser Zeit der aktuelle Formel-1-Boss Stefano Domenicali (2008-2014), Marco Mattiacci (2014), Maurizio Arrivabene (2015-18) und aktuell Mattia Binotto (2019-heute) für die Leistungen verantwortlich.
Aus der Schluderia Ferrari muss künftig wieder die Scuderia Ferrari werden.

„Er ist ein sehr guter Ingenieur und auch ein sehr guter Kerl“, weiß Ex-Pilot Felipe Massa über den aktuellen Teamchef zu berichten. „Er versteht sehr viel von der technischen Seit des Sports. Und er ist wie gesagt ein guter Typ.“ Trotzdem räumt der Brasilianer ein: „Letztlich stimmen die Ergebnisse nicht und auch wenn man ihm nicht die ganze Schuld daran geben kann, so ist er doch mitverantwortlich.“
Massas Ratschlag: „Ferrari muss bei den Entscheidungen mehr Ruhe bewahren und verstehen, was abläuft, denn die Fehler bei der Strategie, die am Anfang der Saison gemacht wurden, werden auch heute noch gemacht. Er muss das Blatt schnell wenden, denn sonst muss er vielleicht den Preis dafür bezahlen.“
Was der Brasilianer meint: Schon immer war der Chefsessel bei Ferrari ein Schleudersitz. Doch noch hat Binotto Galgenfrist.
„Grundsätzlich muss man Mattia zugestehen, dass er Ferrari zu einem Team gemacht hat, das jedes Rennen gewinnen kann“, gibt Ex-Ferrari-Teamchef Cesare Fiorio (1989-91) in der Gazzetta dello Sport zu bedenken. Auch er sagt: „Binotto war ein großer Ingenieur, zunächst als Motorspezialist, dann als Technischer Direktor, aber seine heutige Aufgabe ist ganz anders. Bei Ferrari stimmt offenbar etwas nicht, es werden Fehler gemacht, dem muss Binotto auf den Grund gehen.“
Dabei verweist auch Fiorio auf die erfolgreichen Zeiten in den frühen 2000ern. Der Ex-Rennleiter: „In der heutigen Formel 1 muss alles fast perfekt funktionieren, um zu gewinnen. Das war etwa bei Ferrari zu Zeiten von Todt und Schumacher anders. Da hatte Ferrari teilweise ein so krass überlegenes Auto, dass der eine oder andere Patzer kaschiert werden konnte. Das ist heute nicht mehr möglich.“
Soll heißen: Aus der Schluderia Ferrari muss künftig wieder die Scuderia Ferrari werden. Und besonders Binotto wird sich in der zweiten Saisonhälfte daran messen lassen müssen.

Von

Bianca Garloff