Eine späte rote Flagge in Q1 des Qualifyings zum Großbritannien GP in Silverstone, ausgelöst durch Haas-Pilot Kevin Magnussen, sorgt am Samstag für eine besondere Drucksituation bei allen Teams: Weil die Strecke während der Unterbrechung abgetrocknet ist, kann sich kein Pilot mit seiner bis dahin erzielten Rundenzeit sicher fühlen, alle müssen mit nur drei Minuten auf der Uhr deshalb noch einmal nachlegen.
Bei Ferrari greift in dieser speziellen Situation der Kommandostand ein und weist Carlos Sainz an, Teamkollege Charles Leclerc vorbeizulassen. Der Spanier kommt der Aufforderung am Ende der Boxenstraße zwar umgehend nach, äußert am Funk aber seinen Unmut darüber: "Es ist nicht wirklich fair, was ihr da von mir verlangt, eine Reifentemperatur zu opfern. Aber wie auch immer... außerdem bin ich Vierter, er ist Dritter, also ist das für mich mehr Risiko", motzt Sainz.
Kurios: Weil sich in dem kurzen Zeitfenster 19 Autos anstellen müssen, um auf die entscheidende fliegende Runde zu gehen, kommt es im letzten Sektor zu tumultartigen Szenen, wodurch einige Fahrer andere überholen, um es noch vor Ablauf der Zeit über den Zielstrich zu schaffen. In diesem Chaos nimmt irgendwann auch Sainz sein Schicksal selbst in die Hand, prescht vor und vorbei an Leclerc, dem er zuvor noch den Vortritt gelassen hatte.
Charles Leclerc war nach dem Qualifying bedient.
Bild: Ferrari

Der Monegasse schickt daraufhin seinerseits einen wütenden Funkspruch ans Team: "Nett, Carlos, nett. Gutes Überholmanöver in der letzten Kurve", funkt Leclerc voller Sarkasmus.
Zwar schaffen es letztendlich beide Scuderia-Stars noch vor Ablauf der Uhr über die Linie und anschließend auch in den nächsten Quali-Abschnitt, der Vizeweltmeister sieht nach der Aktion aber durchaus Gesprächsbedarf bei den Roten: "Das werden wir noch diskutieren müssen. Es war nicht ideal", so Leclerc, der erklärt, dass er in Silverstone in Sachen Positionierung auf der Strecke eigentlich den Vorzug hatte: "Mal hast du am Wochenende Priorität, mal der andere. Am Ende wurde es knapp und war nicht klar, ob wir über die Linie kommen."
Leclerc räumt allerdings auch ein: "Mit dem ganzen Adrenalin im Cockpit, wenn man nicht weiß, ob man weiterkommt, war der Funkspruch wahrscheinlich ein bisschen aggressiver als er hätte sein sollen." Auch von Sainz' Seite gibt es nach dem Qualifying kein böses Blut: "Ich war nicht sauer, es war einfach ein intensiver Moment mit viel Druck, wenn man beinahe in Q1 ausgeknockt wird", erklärt der Spanier nach dem Aussteigen.
Seine Aktion auf der Strecke verteidigt Sainz aber: "Jeder hat angefangen zu überholen und ich dachte, ich komme nicht mehr rechtzeitig über die Linie. Dann habe ich mich entschieden, auch zu überholen", rechtfertigt sich der Spanier und fügt hinzu: "Das Gentlemen's Agreement (keinen anderen Fahrer in so einer Situation zu überholen; d. Red.) gibt es nicht mehr, das ist komplett vergessen."
Pikant: Auch vor einem Jahr ignorierte Sainz in Silverstone eigenmächtig eine Teamorder: Statt Leclerc im Rennen gegen die schnellere Konkurrenz abzuschirmen, suchte Sainz selbst sein Heil in der Flucht nach vorne. Am Ende erwies sich der egoistische Move als goldrichtig und brachte ihm seinen ersten und bisher einzigen Grand-Prix-Sieg ein.
Carlos Sainz ist sich keiner Schuld bewusst.
Bild: Ferrari

Allein: Eine Wiederholung des Erfolges wird, Teamwork hin oder her, am Sonntag aber äußerst schwierig für den Spanier und die Scuderia: Am Ende des Qualifyings müssen sich die Roten aus Maranello nicht nur F1-Dominator Max Verstappen klar geschlagen geben, auch die beiden McLaren von Lando Norris und Oscar Piastri schieben sich in der Startaufstellung noch vor Leclerc und Sainz.
"Wir sind sieben bis acht Zehntel langsamer als Red Bull, also wenn morgen nichts Außergewöhnliches passiert,  sollte es schwer werden", winkt Sainz mit Blick auf Verstappen ab. Ferraris Ziel ist am Sonntag daher erstmal orange-chromfarben: "Wir müssen uns darauf fokussieren, die McLaren zu schlagen, das würde uns aufs Podium bringen. Wir müssen aber auch von hinten auf Mercedes aufpassen, die gestern deutlich schneller waren als wir", warnt Sainz.
Dass Ferrari im Qualifying auf einmal der Traditionsrennstall aus Woking den Rang als zweite Kraft abläuft, kommt für den Spanier indes überraschend: "Es war unerwartet, aber sie waren heute wirklich schnell da draußen. Bei uns war die Pace und das Gefühl mit dem Auto eigentlich nicht zu schlecht, aber vielleicht waren diese Verhältnisse nicht ideal für uns", so Sainz, der vermutet: "Das war auch schon in Spanien, Kanada und Österreich so: Diese Mix-Bedingungen sind nie einfach für uns."