Formel 1: Pressestimmen zur Vettel-Strafe

Formel 1: Gastkolumne zur Vettel-Strafe

Das F1-Regelbuch ist zu kompliziert!

Karin Sturm ist eine der wichtigsten deutschen Journalistinnen in der Formel 1. Hier schreibt sie als Gastautorin zur Situation nach der Vettel-Strafe.
Von Karin Sturm
In all den Diskussionen um die Strafe für Sebastian Vettel in Kanada lohnt es sich, denen zuzuhören, die solche Situationen am besten beurteilen können, weil sie selbst mehr als genug praktische Erfahrung darin haben, ein Rennauto im Grenzbereich zu bewegen. Und die waren sich diesmal erstaunlich einig.
Fünf ehemalige Weltmeister, von Mario Andretti über Nigel Mansell und Damon Hill bis zu Jacques  Villeneuve und Jenson Button, eine Anzahl mehrfacher GP-Sieger, darunter Mark Webber und Martin Brundle, der Chef der Fahrergewerkschaft GPDA, Alexander Wurz, unzählige Piloten anderer Kategorien, die ihre Meinung in den sozialen Netzwerken kundtaten, wie Daniel Abt: Sie zeigten allesamt Verständnis für Vettel, vielfach auch für dessen emotionale Reaktion, aber sehr wenig bis keines für die Entscheidung der Kommissare.

Vettel und Rosberg sind nicht gerade die besten Freunde

Wer dagegenhielt, war vor allem Nico Rosberg – doch dazu muss man auch wissen, dass das auch einen sehr persönlichen Hintergrund haben dürfte: Das Verhältnis zwischen ihm und Vettel war immer angespannt – vor allem von Seiten Rosbergs – was man seit längerer Zeit bei dessen TV-Kommentaren immer heraushören konnte. Genauso wie sein „In-den-Himmel-heben“ des einst so ungeliebten Lewis Hamilton, offenbar um die eigene Leistung in der Mercedes-Zeit noch besser dastehen zu lassen. Dass nebenbei eine „Gegenmeinung“ besser geeignet ist, mehr Klicks für den eigenen Videoblog zu kreieren,  kommt dazu.
Der Rest der Rennsportwelt, vor allem diejenigen, die als echte „Racer“ bekannt sind, war sich quasi einig: „Die Aufgabe der Rennkommissare sollte darin bestehen, offensichtlich gefährliche oder absichtliche Manöver zu bestrafen“, so US-Rennlegende Andretti. „Aber keine Fahrfehler, die aus hartem Rennsport heraus entstehen. Was in Kanada passiert ist, das ist nicht akzeptabel auf diesem Niveau unseres Sports.“ 
Denn genau da ist der Knackpunkt der entsprechenden Regel, die besagt, dass unvorsichtiges Zurückkommen auf die Strecke und Abdrängen eines anderen Fahrers zu bestrafen sei: Nach den Buchstaben des Gesetzes kann man da natürlich eine Strafe gegen Vettel aussprechen. Das berücksichtigt allerdings nicht die tatsächliche Situation. Denn Vettel fährt nicht bewusst gefährlich zurück auf die Strecke. Er ist Passagier in seinem Ferrari. Von bewusstem Lenken nach rechts, um Hamilton die Tür vor der Nase zuzuhauen, keine Spur. Tatsächlich schaut er erstmals in seinen Rückspiegel, als Hamilton längst zurückgesteckt hat. Vettels Abdrängmanöver war ein Fahrfehler, keine bewusste Verteidigung im Zweikampf.
Dazu kommt, dass die Regelauslegung nicht einheitlich gehandhabt wird. 2016 wurde in Monaco eine sehr ähnliche Aktion von Lewis Hamilton gegen Daniel Ricciardo nicht bestraft. Was der Australier übrigens heute noch richtig findet: „Das war hartes Racing – und völlig okay. Aber damals war es sogar knapper als jetzt bei Vettel und Hamilton.  Seb hatte auch gar keine andere Chance: Wenn er ein bisschen weiter nach links reinzieht, dreht er sich. Wenn er auf dem Gras bremst, auch. Es war nicht viel Platz für Lewis, aber immer noch genug.“
 
Bei einem anderen Zwischenfall letztes Jahr in Japan gab es eine Strafe für Max Verstappen, nachdem der Holländer Kimi Räikkönen abgedrängt hatte. Auch er hatte sich verbremst und machte Räikkönen beim Zurückfahren auf die Strecke brutal die Tür zu. Allerdings ganz bewusst und mit Räikkönen neben nicht hinter sich. Kurios: Vettel sagte damals schon, dass er von solchen Strafen nichts hält. Anfang 2019 hieß es auch deshalb von Seiten der Verantwortlichen, man wolle den Fahrern in Zukunft wieder mehr „Racing“ erlauben und weniger einschreiten...
Darauf bezieht sich auch GPDA-Chef Alexander Wurz:  „Dass Vettel so weit auf die Stecke zurückgeschlittert ist, ist ein Gesetz der Physik.“ Und der Österreicher fragt weiter: „Was ist aus der Vorgabe geworden, den Piloten eine längere Leine zu lassen? Auf Straßenkursen hast du nun mal wenig Raum. War das haarig? Ja! War das einer Strafe würdig? Nicht meiner Meinung nach!“
Kommentar zum Wut-Vettel: Hier klicken
Die Analyse von Jenson Button, der ja vor nicht allzu langer Zeit noch selbst im Formel-1-Auto saß, für den britischen TV-Sender Sky, der zusammen mit Karun Chandhok das Geschehene Standbild für Standbild auseinandernahm: „Für mich war das ein reiner Rennzwischenfall. Du kannst in der Situation von Sebastian den Wagen nicht einfach auf der Stelle anhalten und anders auf die Bahn zurückkommen.
Seb ist da mit 160 Sachen unterwegs, wie um alles in der Welt soll er da etwas anders machen? Für mich sagte die Reaktion der Fans alles – sie waren wie betäubt, da war eine gespenstische Stille. Diese Szene war keiner Strafe würdig. Aber die Kommissare haben basierend auf dem Reglement die Möglichkeit, hier eine Strafe auszusprechen, und aus irgendeinem Grund haben sie entschieden, es zu tun. Ich finde das alles sehr bedauerlich."
Die einzig logische Schlussfolgerung: Die Formel 1 muss schnellstens an das überkomplizierte Regelwerk ran und dort zum Beispiel in diesem Fall eben noch eindeutiger festlegen, dass nur absichtliche Fouls bestraft werden. Nur dann sind solche Rennen wie etwa das von 1979 in Dijon zwischen Gilles Villeneuve und René Arnoux möglich, das damals die Fans von den Sitzen riss und heute noch ein Klassiker ist.
Selbst Mercedes-Sportchef Toto Wolff gibt zu, dass man über die Regeln nachdenken müsse: „Wenn wir die Regularien hin zu härterem Racing ändern wollen, bin ich der Erste, der dafür ist.“
Grundsätzlich würden der Formel 1 ein paar weniger Regeln, dafür feste Rennkommissare für eine einheitliche Auslegung guttun. So manches im Regelbuch ist heute extrem überzogen. Beim Versuch, alles in detaillierte Paragraphen zu fassen, bleibt oft kein Raum für gesunden Menschenverstand. Das wissen sogar die Stewards.
Beispiel Österreich 2018: die 3-Plätze-Strafe gegen Vettel wegen Blockierens von Carlos Sainz jr. im Qualifying. Beide Fahrer waren sich einig. Sainz betonte, Vettel habe ihn nicht sehen können und er selbst habe keinen Nachteil gehabt. Unter-der-Hand-Aussage eines der beteiligten Entscheider damals: Man wisse ja, dass das eigentlich verkehrt sei, aber nach Regelbuch müsse man die Strafe nun mal aussprechen.
Wenn Ferrari jetzt ankündigt Berufung einzulegen, hat das sicher auch mit dieser verfahrenen Situation zu tun. Dass die Erfolgsaussichten gering sind – selbst wenn es gelingen sollte, anhand von Daten zu beweisen, dass Vettel im entscheidenden Moment eben nicht die volle Kontrolle über sein Auto hatte – weiß man bei den Italienern sicher auch: Die FIA gibt, wie die meisten großen internationalen Sportverbände, Fehler ungern zu.  Aber man will und muss wohl auch ein Zeichen setzen – damit das Grundproblem endlich einmal angegangen wird.

Formel 1: Pressestimmen zur Vettel-Strafe

Sie wollen die Formel 1 live, mit allen Trainings und ohne Werbeunterbrechung sehen?
Via AUTO BILD MOTORSPORT bekommen Sie Sky Q für die Hälfte des Preises.
SKY Q Formel 1 50% Rabatt: Nur 14,99€ im 12-Monats-Abo statt 24 Monate

 

Fotos: Picture-alliance

Anzeige

Automarkt

Bei autohaus24.de Neuwagen günstig kaufen und Geld sparen.

Finden Sie im Automarkt von autobild.de Ihren Gebrauchtwagen.