Formel 1: Interview - Berger über Vettel
„Gegen Mercedes keine Wunder möglich“

Ex-Ferrari-Star Gerhard Berger spricht im ABMS-Exklusivinterview über Vettel und Ferrari, Rosberg und Hamilton und das führerlose Schiff Formel 1.
- Ralf Bach
- Bianca Garloff
Herr Berger, Sebastian Vettel ist in Bahrain wie Michael Schumacher in Magny Cours 1996 schon in der Einführungsrunde mit Motorschaden ausgefallen. Verliert er langsam die Geduld?
Gerhard Berger: Nein. Er wird geduldig bleiben. So ein Motorschaden haut ihn nicht um. Denn das ist nur ein kleiner Rückschlag. Grundsätzlich ist Ferrari in guter Form. Zu dem Zeitpunkt, als Sebastian zu Ferrari gewechselt ist, konnte er nicht wissen, dass Ferrari so schnell zur zweiten Kraft avancieren würde. Also gehe ich davon aus, dass er sich sicherlich drei Jahre Zeit gegeben hat für das Thema Weltmeisterschaft.
Er hat dieses Jahr demnach also keine WM-Chance?

Noch muss Vettel neidisch auf den Mercedes gucken
Gehören solche Rückschläge wie der Turbobrand bei Räikkönen in Australien oder Vettels Motorschaden dazu?
Ja - gerade wenn man in einer Aufholsituation ist, ist man viel schneller gefordert neue Ideen auszuprobieren ohne Zeit zu verlieren. Das zeigt ja nur, dass Ferrari Gas gibt. Wenn man mal so eine überlegene Position hat wie Mercedes, kann man die Standfestigkeit ganz in Ruhe austesten.
Hat Ferrari sich mit den Erfolgen im Vorjahr selbst unter Druck gesetzt?
Nein, überhaupt nicht. Denen muss man gratulieren, dass sie letztes Jahr schon so einen großen Schritt gemacht haben. Damit konnte niemand rechnen, entsprechend war das eine richtig gute Leistung. Und man sieht ja auch, dass es weiter voran geht. Gegen ein Mercedes-Team kann und darf niemand Wunderdinge erwarten.
Hat Ferrari die Ressourcen die Silberpfeile irgendwann einzuholen?

Mercedes-Aufsichtsratsboss Niki Lauda neben Berger
Es fällt auf, dass Vettel in diesem Jahr mehr denn je seinen Mund aufmacht. Inwiefern ist das der nächste Schritt in seiner Persönlichkeitsentwicklung?
Erstens hat er als einziger Fahrer im Feld vier Weltmeisterschaften gewonnen. Außerdem entwickelt er sich ständig weiter, ist ein super gescheiter Kerl. Und die Rolle des Leaders passt gut zu ihm - sowohl im Team als auch als Stellvertreter der Formel 1. Lewis zum Beispiel ist ein totaler Einzelkämpfer. Sebastian in gewisser Weise auch, er hat aber daneben die Formel 1 an sich und die Entwicklung des Sports im Auge.
Ist es richtig, dass sich die Fahrer so einmischen?
Ich finde es schon richtig, dass sie den Mund aufmachen. Die Fahrer sind die einzigen, die bestimmte Hinweise geben können. Aber die Entscheidung muss am Ende beim Bernie und bei Jean Todt liegen. Eines der großen Probleme heutzutage ist, dass jeder mitredet und Entscheidungen endlos in Arbeitsgruppen diskutiert werden. Das ist nicht der richtige Weg. Die Führung der Formel 1 muss genügend Wissen, Erfahrung und Gespür haben, um Entscheidungen schnell und richtig treffen zu können.
Aber ist das innerhalb der aktuellen Strukturen überhaupt möglich?

Berger & Vettel beim Sieg im Toro Rosso in Monza 2008
Und was wird bis 2020 - dann erst laufen die aktuellen kommerziellen Verträge aus - der Formel 1?
Augen zu und durch!
Wäre es dann nicht besonders wichtig, dass die Mercedes-Dominanz schnell gebrochen wird?
Die kann aber nur so gebrochen werden, dass ein anderes Team eine bessere Leistung bringt. Alles andere wäre nicht sportlich. In anderen Formeln lädt man den Schnellsten einfach Gewicht auf. Das ist aber nicht Formel 1.
Rosberg hat die letzten fünf Rennen gewonnen. Ist er derzeit diesen kleinen Tick besser als Hamilton?

Berger traut Nico Rosberg den großen Wurf 2016 zu
Muss er auf eine Schwächephase von Hamilton hoffen?
Nico war doch fast schon Weltmeister. Auf die Schwächephase eines anderen zu hoffen ist nie gut. Nico muss das Heft selbst in die Hand nehmen und konstant gute Leistung bringen. Er selbst darf keine Schwächen zeigen.
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