Formel 1: Interview mit Pirellis Motorsportchef
Formel-1-Technik für Straßenreifen: So nutzt Pirelli die Königsklasse

Von der Rennstrecke direkt auf die Straße – so erklärt Pirelli seine Formel-1-Philosophie. Was steckt wirklich dahinter?
Bild: Getty Images / Red Bull Content Pool
Pirelli ist mehr als nur offizieller Formel-1-Reifenlieferant. Die Italiener nutzen die Königsklasse, um Technologien für den Alltag zu entwickeln – und umgekehrt. AUTO BILD hat mit Mario Isola (Pirelli-Sportchef) und Piero Misani (Entwicklungschef) über digitale Entwicklung, künstliche Intelligenz und den Boom der Formel 1 gesprochen.
AUTO BILD: Herr Isola, Herr Misani, Pirellis Motto lautet auch bezüglich der Formel 1 „Von der Rennstrecke auf die Straße“. Was bedeutet das konkret?
Mario Isola: Wir beliefern mehr als 230 Meisterschaften weltweit. Natürlich ist die Formel 1 die wichtigste, die sichtbarste. Dort haben wir die Chance, enorm viel Know-how zu sammeln. Die Autos sind voller Sensoren, wir bekommen Telemetriedaten von allen Wagen. Das nutzen wir, um unsere Modelle zu validieren.
Mario Isola: Wir beliefern mehr als 230 Meisterschaften weltweit. Natürlich ist die Formel 1 die wichtigste, die sichtbarste. Dort haben wir die Chance, enorm viel Know-how zu sammeln. Die Autos sind voller Sensoren, wir bekommen Telemetriedaten von allen Wagen. Das nutzen wir, um unsere Modelle zu validieren.

Seit 2017 ist Mario Isola Herr der Motorsport-Reifen bei Pirelli und zentraler Ansprechpartner für die Formel-1-Teams.
Bild: Steven Tee / LAT Images / Pirelli
Wie sieht das konkret aus?
2011 haben wir damit angefangen, virtuelle Reifenmodelle für die Simulatoren der Teams zu entwickeln. Zuerst war das eine Anforderung der Rennställe – sie brauchten einen virtuellen Reifen für ihre Simulatoren. Für uns war es die perfekte Gelegenheit, Know-how aufzubauen. Und wenn du einmal ein virtuelles Modell entwickelt hast, kannst du daraus auch Straßenreifen ableiten.
2011 haben wir damit angefangen, virtuelle Reifenmodelle für die Simulatoren der Teams zu entwickeln. Zuerst war das eine Anforderung der Rennställe – sie brauchten einen virtuellen Reifen für ihre Simulatoren. Für uns war es die perfekte Gelegenheit, Know-how aufzubauen. Und wenn du einmal ein virtuelles Modell entwickelt hast, kannst du daraus auch Straßenreifen ableiten.
AUTO BILD: Das heißt, Entwicklung geht heute digital?
Isola: Genau. Mit dieser Virtualisierung konnten wir Entwicklungszeit verkürzen und die Zahl der physischen Prototypen reduzieren. Das ist nicht nur effizient, sondern auch nachhaltiger. Die Formel 1 hat den Plan, klimaneutral zu werden, und wir sind Teil dieser Reise. Wir konnten neue Materialien entwickeln, die gleichzeitig leicht und widerstandsfähig sind. Ein Beispiel: Der Gewichtsunterschied zwischen schwerstem und leichtestem Reifen, den wir zu einem Rennen liefern, beträgt nur 100 Gramm – bei einem Hinterreifen, der 13 Kilo wiegt. Das erfordert neue Produktionsprozesse und strengste Qualitätskontrollen.
Isola: Genau. Mit dieser Virtualisierung konnten wir Entwicklungszeit verkürzen und die Zahl der physischen Prototypen reduzieren. Das ist nicht nur effizient, sondern auch nachhaltiger. Die Formel 1 hat den Plan, klimaneutral zu werden, und wir sind Teil dieser Reise. Wir konnten neue Materialien entwickeln, die gleichzeitig leicht und widerstandsfähig sind. Ein Beispiel: Der Gewichtsunterschied zwischen schwerstem und leichtestem Reifen, den wir zu einem Rennen liefern, beträgt nur 100 Gramm – bei einem Hinterreifen, der 13 Kilo wiegt. Das erfordert neue Produktionsprozesse und strengste Qualitätskontrollen.
Piero Misani: Genau das ist unsere DNA: Von der Rennstrecke auf die Straße. Ob in der Formel 1, im GT-Sport oder bei Motorrädern – Wettbewerb treibt uns an. Am Ende profitiert der Endkunde. Wir nennen das Eco-Safety-Design: Sicherheit und Nachhaltigkeit gehen Hand in Hand. Früher hieß es: Grip kostet Verschleiß oder Rollwiderstand. Heute können wir das dank Virtualisierung viel besser balancieren.

Pirelli ist mehr als nur offizieller Formel-1-Reifenlieferant. Die Italiener nutzen die Königsklasse, um Technologien für den Alltag zu entwickeln.
Bild: Getty Images / Red Bull Content Pool
AUTO BILD: Können Sie ein Beispiel nennen?
Misani: Nehmen Sie den P Zero Trofeo RS. Ein Reifen, der nicht nur die schnellste Runde fährt, sondern auch länger hält. Genau das haben wir aus der Rennstrecke gelernt.
Misani: Nehmen Sie den P Zero Trofeo RS. Ein Reifen, der nicht nur die schnellste Runde fährt, sondern auch länger hält. Genau das haben wir aus der Rennstrecke gelernt.
Isola: In der Formel 1 müssen unsere Reifen für alle Teams funktionieren. Auf der Straße entwickeln wir oft maßgeschneiderte Produkte für einzelne Modelle – das „Perfect Fit“. Aber die Methoden und Materialien sind die gleichen.
AUTO BILD: Welche Rolle spielt die Produktion?
Isola: Eine entscheidende. In der F1 brauchen wir absolute Konstanz. Kein Team darf Vorteile oder Nachteile durch Reifenschwankungen haben. Das ist auch auf der Straße wichtig: gleichbleibende Qualität. Deshalb haben wir Verfahren wie das Continuous Mixing entwickelt – ursprünglich für die Formel 1, inzwischen Standard in der Serie.
Isola: Eine entscheidende. In der F1 brauchen wir absolute Konstanz. Kein Team darf Vorteile oder Nachteile durch Reifenschwankungen haben. Das ist auch auf der Straße wichtig: gleichbleibende Qualität. Deshalb haben wir Verfahren wie das Continuous Mixing entwickelt – ursprünglich für die Formel 1, inzwischen Standard in der Serie.
Misani: Und Elektroautos stellen neue Anforderungen. Sie sind leise, man hört nur Wind und Reifen. Deshalb haben wir Technologien wie ELECT und PNCS entwickelt, die Abrollgeräusche minimieren.
AUTO BILD: Arbeiten Sie auch mit künstlicher Intelligenz?
Misani: Ja. Seit zweieinhalb Jahren haben wir einen Virtual Compounder. Eine KI, die neue Mischungen entwickelt und gegen unsere Chemiker „antritt“. So ist die aktuelle P Zero-Reihe entstanden.
Misani: Ja. Seit zweieinhalb Jahren haben wir einen Virtual Compounder. Eine KI, die neue Mischungen entwickelt und gegen unsere Chemiker „antritt“. So ist die aktuelle P Zero-Reihe entstanden.
AUTO BILD: Zurück zur Formel 1. Die erlebt gerade einen Boom bei jungen Fans. Spüren Sie das auch?
Isola: Sehr. Seit Liberty Media die Serie übernommen hat, hat sich die Kommunikation komplett verändert. Mehr Social Media, mehr Einblicke ins Fahrerlager. Serien wie Drive to Survive haben viele neue, auch weibliche Fans gebracht. Heute kennt beispielsweise in Austin jeder die Fahrer – das war vor ein paar Jahren ganz anders. Wir nutzen diese Popularität etwa mit den Pirelli Hot Laps: Gäste fahren in Supersportwagen mit unseren Straßenreifen auf der Rennstrecke mit. Das ist der direkte Beweis für unsere Philosophie: Von der Rennstrecke auf die Straße – und wieder zurück.
Isola: Sehr. Seit Liberty Media die Serie übernommen hat, hat sich die Kommunikation komplett verändert. Mehr Social Media, mehr Einblicke ins Fahrerlager. Serien wie Drive to Survive haben viele neue, auch weibliche Fans gebracht. Heute kennt beispielsweise in Austin jeder die Fahrer – das war vor ein paar Jahren ganz anders. Wir nutzen diese Popularität etwa mit den Pirelli Hot Laps: Gäste fahren in Supersportwagen mit unseren Straßenreifen auf der Rennstrecke mit. Das ist der direkte Beweis für unsere Philosophie: Von der Rennstrecke auf die Straße – und wieder zurück.
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