Formel 1: Kolumne über Pascal Wehrlein
Der kleine Prinz ganz groß

In seiner neuen Kolumne nimmt unser Formel-1-Reporter Ralf Bach Sie mit ins Fahrerlager: So erlebte er den Samstag beim China GP in Shanghai.
Bild: Picture-Alliance
- Ralf Bach
"I need DRS!" Dieser Funkspruch, mehr gebrüllt als gesäuselt, hat Pascal Wehrlein beim Rennen 2015 in Spielberg in die Bredouille gebracht. Grund: Besonders die Neider des Supertalents hatten damit einen guten Nährboden gefunden, den damals noch 20-Jährigen als Hätschelkind zu bezeichnen.
Was die Konkurrenten nicht überreißen konnten oder wollten: Es war die Angst der Etablierten vor dem deutschen Wunderkind, die zur Lästerei führte. Die dunkle Ahnung, dass da jemand ist, der die eigenen Kapazitäten bei weitem übertrifft und den man deshalb erst mal klein halten muss.

Pascal Wehrlein geht in sein drittes Formel-1-Rennen
"Was wollen die?", fragte mich Michael damals erstaunt, "Prost hat seinen Ferrari vor der Schikane viel zu früh abgebremst und mich blockiert!" Schumacher, das Mercedes-Hätschelkind, hieß es damals bei den Neidern. Die Parallelen sind unverkennbar: "Wehrlein, das Mercedes-Hätschelkind", heißt es bei den Neidhammeln von heute.
In Wahrheit ist Wehrlein kein Hätschelkind, sondern er polarisiert wie damals Schumacher schon in jungen Jahren. Und er ist einfach nur konsequent. Das hat er jetzt beim Qualifying in Shanghai bewiesen. Auch dort wollte er sein DRS haben. Er drückte den Auslöseknopf für das System auf der Geraden in seiner ersten schnellen Runde früher als alle anderen.

Crash in Q1: Wehrlein klettert aus seinem Manor
"Da sieht man mal, wie viel PS der Mercedes-Motor hat", grinste Wehrlein hinterher in die Kameras. Für das Rennen morgen verspricht der Mercedes-Junior aber: "Da kann ich jetzt hoffentlich viele Autos überholen."
An seinem Image, das sich Wehrlein schon nach zwei F1-Wochenenden erarbeitet hat, ändert der gekonnte Stunt von Shanghai aber nichts. In Melbourne überholte er in der Startrunde sieben Autos, in Bahrain lieferte er sich rundenlange Fights mit Fahrern, die bessere Fahrzeuge hatten.
Spätestens jetzt ist für die Insider klar: Nur wer dicke Eier hat, drückt so früh den DRS-Knopf. Auch die Beziehung zu Motorsportchef Toto Wolff (44) hat sich nicht geändert. "Unseren kleinen Prinzen" nennt Wolff ihn liebevoll und mit einem gehörigen Schuss Sympathie.

Der Abflug am Samstag war nur ein kleiner Rückschlag
Manor soll lediglich der erste Schritt sein in der Formel-1-Karriere des jungen Deutschen, der durch seine Mutter auch Wurzeln in Mauritius hat. Langfristig soll er im Silberpfeil sitzen und in die Fußstapfen von Lewis Hamilton oder Nico Rosberg treten.
Das spezielle Engagement für Wehrlein erklärt Wolff knapp und kompakt: "Pascal kann noch sehr viel erreichen. Die Erfolgs-Gene dazu hat er.! Man merkt: Wolff will Distanz bewahren wie ein Schuldirektor, der alle Schüler fördern will, aber seine besonderen Sympathien für seinen Musterschüler nie ganz verhehlen kann.
Umgekehrt ist das übrigens genauso. Zwei Geschichten erzählt der Wiener, um das Besondere des Pascal Wehrlein zu erklären. Wolff: "Um ihn zu motivieren, schickte ich ihm vergangenes Jahr ein Foto von Williams-Junior Alex Lynn. Der stand im weißen Mechanikerkittel in der Williams-Fabrik und schraubte an Autos herum. Wenig später schickte mir Pascal eine Mail zurück - mit alten Ergebnissen aus seiner Formel-3-Zeit. Rot angestrichen waren der Sieger, Pascal Wehrlein, und der 13., ein gewisser Mr. Lynn."

Wolff (r.) ist sicher: Bald fährt Wehrlein für Mercedes
Wen wundert es da, dass Wehrlein bei der Frage, ob er auch jetzt schon bereit sei für den richtigen 'Silberpfeil' einen anschaut, als wäre man gerade nach hundert Jahren Einfrierung wieder aufgetaut und hätte nie ein Automobil kennengelernt geschweige denn einen Pascal Wehrlein.
Er beantwortet die völlig weltfremde Frage trotzdem. "Motorsport ist zu einem großen Teil Kopfsache. Man muss mental sehr stark sein und an sich glauben." Und was den besonderen Druck in der Formel 1 angeht? "Druck", sagt Wehrlein, "Druck hatte ich beim DTM-Finale in Hockenheim. Mehr Druck geht nicht mehr."
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