Formel 1: Kolumne zum Bianchi-Unfall
Erinnerungen an den schwarzen Sonntag

In ihrer Kolumne erinnert sich ABMS-Redaktionsleiterin Bianca Garloff an den Rennsonntag vor zwei Jahren, als in Japan Jules Bianchi verunglückte.
Bild: Picture-Alliance
Ich bin nicht in Japan. Seit jenem verhängnisvollen Sonntag vor zwei Jahren meide ich dieses Rennen. Zu nachhaltig sind die Erinnerungen an die Stunden im Fahrerlager nach dem Rennen. Als keiner wusste, wie schlimm Jules Bianchi wirklich verletzt ist...
Den Grand Prix habe ich bei Mercedes geschaut. Plötzlich der Rennabbruch. Ohne ersichtlichen Grund. Der Himmel weint. Seit dem Morgen schon regnete es in Strömen. Eine Wasserlache wurde auch Bianchi zum Verhängnis.
Schwere Vorwürfe gegen FIA: Bianchis Vater spricht von „Vertuschung“
Auf dem Weg ins Pressezentrum begegnet uns Adrian Sutil. Geschockt. Er hatte den Unfall live gesehen. Stand daneben, als Bianchi mit Tempo 230 in den tonnenschweren Kran donnerte, der Sutils Sauber bergen sollte. „Es war Jules“, stammelt Adrian und schüttelt den Kopf. „Das sah nicht gut aus.“

Adrian Sutil steht geschockt vor dem Wrack Bianchis
Wir laufen auf und ab im Fahrerlager. Ohne Richtung, ohne Ziel. Es gibt erste Bilder. Sie zeigen, was keiner sehen will.
Ich bin auch deshalb so betroffen, weil ich Jules gerade erst vor drei Tagen so richtig kennengelernt hatte. Er galt als Ferrari-Pilot der Zukunft. Als großes Talent. Als Vettels Teamkollege ab 2016. Es war Zeit für das erste Interview mit dem künftigen Star. 30 Minuten nimmt er sich am Donnerstag Zeit. Ein sympathischer, bodenständiger Kerl mit gewinnendem Lächeln.Entlarvend offen kommt er gleich zur Sache: „Warum wollt Ihr ein Interview mit mir machen? Wahrscheinlich, weil Ihr etwas über meine Zukunft erfahren wollt.“
Er lächelt und fährt mit seiner ruhigen, unaufgeregten Stimme in französischem Dialekt fort: „Natürlich ist es mein Ziel, irgendwann im Ferrari zu sitzen. Daran denke ich die ganze Zeit.“

Der Krankenwagen transportiert Bianchi im Regen ab
Wir erfahren: Er wollte seinem Idol nacheifern: Michael Schumacher. Bianchi redet. Ohne Pause. „Ich wusste zwar auch über die Erfolge von Alain Prost und Ayrton Senna Bescheid - aber das war vor meiner Zeit. Michael gewann, als ich es bewusst mitbekommen habe. Er war mein Vorbild, weil er zur damaligen Zeit allen zeigte: Genauso muss ein erfolgreicher Formel-1-Pilot sein.“
Bianchi lächelt. Schüchtern und enthusiastisch zugleich.

Jules Bianchi ein Jahr vor seinem Unfall beim Japan GP
Seine Lehrzeit beim Hinterbänklerteam von Marussia bewertet er damals positiv. „Wenn du mit einem schlechteren Auto fährst, ist alles schwieriger. Trotzdem gibst du alles, du kämpfst bis zum Umfallen, um dann am Ende nur 17. zu werden. Das ist für mich frustrierend. Aber es ist eine gute Erfahrung und für mich ein Teil des Weges, um nach vorn zu kommen.“
Der Weg nimmt an jenem Sonntag vor zwei Jahren sein Ende. Bianchis Kopfverletzungen sind zu schwer, als dass er eine Chance hätte. Die hohen Fliehkräfte haben sein Gehirn zerstört.

Dieses Jahr erinnern viele Blumen an die Unfallstelle
Und trotzdem: Unser Artikel führt dazu, dass eine FIA-Kommission den Unfall untersucht. Und am Ende zum gleichen Schluss kommt wie wir. Statt auf 120 Zeilen eben auf 120 Seiten.
Folge: Das virtuelle Safetycar wird eingeführt. Ein weiterer Schritt auf dem Weg zu mehr Sicherheit. Dank Jules Bianchi. An den mich in Suzuka einfach zu viel erinnern würde.
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