Ich kann mich an den Tag, an dem Jochen Rindt starb, noch erinnern, als wäre es gestern. Ich saß am 5. September 1970 vor dem Radio in Graz und verfolgte das Qualifying in Monza. Jochen hatte schon fünf Rennen gewonnen, führte überlegen in der WM. Mit einem Sieg in Italien wäre er in der WM kaum noch einzuholen gewesen. Es war keine Live-Reportage, sondern es gab immer wieder Einblendungen. Plötzlich redeten sie von einem schweren Unfall von Jochen in der Parabolica-Kurve...
(Die vordere rechte Bremswelle brach, Rindts Lotus prallte in die Leitplanken. Rindt hatt seinen Gurt aus Angst vor einem Feuerunfall nicht richtig fest gezurrt, rutschte nach unten. Dabei wurde seine Hauptschlagader durchtrennt; d. Red.)
Formel 1
Helmut Marko mit einem Foto seines Freundes Jochen
Erst viel später kam die Nachricht von seinem Tod. Ich war fassungslos, es war irgendwie surreal. Ich konnte nicht glauben, dass wir unseren Freund nie mehr sehen würden. Gerade jetzt! Denn er hatte die wilden Jahre schon weit hinter sich gelassen. Er hatte schwere Unfälle überlebt, war sich des Risikos des Rennsports längst bewusst und er hatte seine extrem risikobereite Fahrweise reduziert.
Jochen spielte sogar ernsthaft mit dem Gedanken, als Weltmeister nach der Saison aufzuhören. Ich war eine Woche vor dem Unfall bei ihm in der Schweiz gewesen, wo wir darüber redeten. Er hatte mich für das kommende Jahr in seinem Formel-2-Team verpflichtet. Ich sollte zusammen mit Emerson Fittipaldi fahren. Man muss wissen: Die Formel 2 hatte damals fast den Stellenwert der Formel 1 und galt als bestes Sprungbrett für den Grand-Prix-Sport. Jochen hatte sie jahrelang dominiert. Jetzt war das alles egal, er war tot! An diesem Abend flüchtete ich aus der schrecklichen Realität und betrank mich.
Der Film meiner Jugend lief noch einmal stumm in meinen Gedanken ab. Als wir mit einem alten Käfer durch die Weinberge in Graz drifteten. Wir fuhren immer zu viert. Wir hatten ein System entwickelt, um uns zu verbessern. Einer fuhr, die anderen drei waren die Jury. War die Jury der Meinung, dass der Fahrer die letzte Kurve nicht am Limit fuhr, musste er das Lenkrad an den nächsten abgeben. Bei Jochen bestand nie ein Zweifel. Wenn er an der Reihe war, gab er das Steuer nicht mehr ab. Er war der wildeste Hund von allen, mit einer Fahrzeugbeherrschung, die ich bis heute nicht mehr in dieser Form erlebt habe.
Die Beerdigung auf dem Grazer Zentralfriedhof war das größte Event, das Graz wohl je erlebt hat. Die ganze Formel 1 von damals war da. Als ein Trompeter 'The End' von Jim Morrison spielte, brach Jochens Ehefrau Nina zusammen. An dem gemeinsamen Essen danach konnte ich nicht mehr teilnehmen. Ich musste alleine sein.
Rindt
Stars im Fahrerlager: Rindt (M.) und seine Frau Nina
Ende 1970 wurde Jochen posthum als Weltmeister geehrt. Ehefrau Nina wurde die Trophäe überreicht. Der Titel war aber nicht alleine das, was Jochen auszeichnete. Er hatte ein unglaubliches Charisma und die Ausstrahlung eines Popstars. Sein Unfall löste eine Art fassungslose Starre aus, die ich danach nur beim Unfall von Ayrton Senna nochmal erlebt habe. Ohne Jochen hätte es in Österreich nie eine Rennstrecke gegeben, vielleicht auch nie einen Fahrer in der Formel 1. Denn er war die Initialzündung für uns alle. Auch Dietrich Mateschitz (Red-Bull-Boss; d. Red.) war ein großer Fan von ihm. Er hat ein altes Autogramm von ihm, das er hüten soll, wie einen Schatz. Auch heute noch liegen immer frische Blumen auf Jochens Grab und es brennen ständig Kerzen. Ich besuche es oft. Immer alleine, aber nie am 5. September.
Von Helmut Marko
Alles zu Jochen Rindt und seiner außergewöhnlichen Karriere finden Sie in unserer großen Bildergalerie oben - mehr zu den tragischen Schicksalen aller in der Formel 1 verunglückten Piloten hier: