Die Verwirrung war groß: Als Max Verstappen im Parc Fermée unerwartet zum Champion ausgerufen wurde, konnte Red Bull es selbst kaum glauben. Sogar im Raum vor der Podiumszeremonie behauptete der Niederländer erneut: Noch habe er den Titel nicht in der Tasche. Erst als die FIA ihn auf ein rotes Samt-Sofa setzte, durfte er sich wie der alte und eben auch neue König der Formel 1 fühlen.
Verstappen gab sich als alle Mühe, über das kommunikative Missgeschick hinwegzulächeln. Allein: Es war ein unwürdiges Finale seines so überlegen geführten WM-Kampfes.
Auslöser der Verwirrung: das sportliche Regelwerk der Formel 1. Bisher musste der Sieger mindestens 75 Prozent der Gesamtdistanz eines Rennens absolviert haben, um die volle Punktzahl einzusacken. Mit weniger nur 28 gefahrenen Runden hat Verstappen das in Suzuka aufgrund des späten Neustarts nach frühem Rennabbruch nicht geschafft und hätte – nach der bisherigen Regelauslegung – nur 19 Punkte bekommen dürfen. Damit hätte ein Zähler zum Titelgewinn gefehlt.
Formel 1 Reglement schenkt Max Verstappen den WM-Tiel
Max Verstappen konnte selbst kaum glauben, dass er schon Weltmeister ist.
Bild: Red Bull Content Pool
Doch das Reglement des Automobilweltverbands FIA hat alle Experten eines Besseren belehrt. In Paragraph 6.5 des sportlichen Regelwerks geht es nämlich nur dann um eine anteilige Punktevergabe, wenn ein Rennen „abgebrochen und nicht wieder aufgenommen wird“. Das war beim GP Japan nicht der Fall. Im Gegenteil: Nach rund 90 Minuten Pause und einem Neustart war erst Schluss, als das offizielle Zeitlimit von drei Stunden der Fahrerei ein Ende setzte. Damit gab es volle Punktzahl.
Kurios: Selbst Red Bulls Teammanager Jonathan Wheatley, der das Regelwerk eigentlich in und auswendig kennt, war überrascht von der Entscheidung der FIA. Er brütete am Kommandostand über dem Dokument und konnte Verstappens Glück kaum fassen.
Tatsächlich war es das erste Mal in der Formel-1-Historie, dass dieser Fall so zur Anwendung kam. Zuvor waren nur sechsmal halbe Punkte vergeben worden: in Spanien 1975, Österreich 1975, Monaco 1984, Australien 1991, Malaysia 2009 und Belgien 2021. Alle Rennen sind abgebrochen und eben NICHT wieder neu gestartet worden.
Den WM-Gewinn selbst schmälern die Rahmenbedingungen nicht. „Wir waren zwar selbst überrascht, dass Max schon Weltmeister ist“, räumt Red Bull-Motorsportchefberater Helmut Marko ein. „Aber allein das Überholmanöver von Max an Leclerc in der ersten Runde zeigt, wie gut Max ist: So etwas Außerirdisches habe ich überhaupt noch nie gesehen.“
Auch Red Bull-Teamchef Christian Horner schwärmt: „Max ist seit seiner ersten Meisterschaft gewachsen. Er agiert auf einem so hohen Niveau. Dieses Jahr war er in einer ganz anderen Liga. Mit so viel Selbstvertrauen, so viel Kontrolle im Auto. Herausragend. Wir sind wirklich stolz auf ihn.“
Max Verstappen feiert seinen zweiten Titel mit dem Team.
Bild: Red Bull Content Pool
Der Niederländer selbst wollte noch am Abend nach Hause fliegen, ohne vor Ort zu feiern. Trotzdem zeigt er sich stolz: „Das erste Jahr ist natürlich das emotionalere, aber das zweite ist vielleicht noch schöner. Die Saison, die wir hatten, mit den Siegen, den großartigen Rennen, den Doppelsiegen, der Arbeit mit dem Team. Es war ein sehr besonderes Jahr und etwas, woran man sich immer wieder erinnern muss. Denn solche Jahre kommen nicht oft vor.“
Kurios indes: Verstappens Teamkollege Sergio Perez spielte schon beim ersten Titel in Abu Dhabi eine entscheidende Rolle, als er Lewis Hamilton einbremste. Diesmal trieb er Charles Leclerc eine Schikane vor Schluss in den entscheidenden Fehler, der den Ferrari-Star den zweiten Platz kostete.
Doch auch Perez wusste diesmal nicht, dass sein zweiter Rang Verstappen zum Weltmeister machen würde. Die Verwirrung war groß – überall, nur nicht bei der FIA und der Formel 1. Denn wer genau hingeschaut hat, konnte bereits während des Rennens sehen, dass in allen Grafiken die vollen Punktestände eingeblendet wurden.