Gerade mal eine halbe Stunde ist das Qualifying in Singapur beendet, da verlässt Max Verstappen auch schon den Marina Bay Circuit: Mit seinem Manager, seinem Trainer und Freundin Kelly Piquet im Schlepptau stürmt der designierte Weltmeister frustriert aus dem Fahrerlager. Keine Überraschung, hat er genau das kurz zuvor doch schon angekündigt: "Ich gehe jetzt erstmal ins Hotel und denke an irgendwas anderes. Ich bin wirklich nicht in der Stimmung, an das Rennen morgen zu denken, nachdem was gerade passiert ist."
Der Grund für die Wut Verstappens, der nicht nur am Funk schäumt, sondern auch noch bei den TV-Interviews direkt nach dem Qualifying, ist indes simpel erklärt: "Uns ist der Sprit ausgegangen. Das ist einfach unglaublich frustrierend und sollte nicht passieren", erklärt der seit Freitag 25-Jährige sichtlich angefressen. Auf dem Weg zur Pole-Position muss ihn der Red-Bull-Kommandostand deshalb anweisen, die fliegende Runde abzubrechen und an die Box zu kommen. Ein peinlicher Fauxpas des zuletzt so dominierenden Teams.
"Es war eine Misskommunikation, das kann immer passieren, nicht nur bei Ferrari", scherzt allem Ärger zum Trotz Red Bulls Motorsportberater Helmut Marko und kann sich dabei einen kleinen Seitenhieb auf die 2022 so arg gescholtene Konkurrenz aus Maranello nicht verkneifen.
Max Verstappen wird im Singapur-Quali nur Achter

Mit dann wieder ernster Miene erklärt Marko Red Bulls Versagen: "In der vorletzten Runde hatte Max zweimal Purple (Sektorbestzeit; d. Red.), wir sind aber relativ knapp auf Gasly aufgelaufen. Deshalb hat man entschieden, sich zurückfallen zu lassen und alles auf die letzte Runde zu setzen, von der man angenommen hat, dass sie die schnellste wird." Das Problem: "Bei dem Wirrwarr, dass man die vorletzte Runde nicht zu Ende gefahren ist und noch eine angehängt hat, wurde übersehen, dass wir nur für fünf Runden Benzin haben", so Marko.
Verstappen hat dafür überhaupt kein Verständnis und spart auch nicht mit Kritik an seinem Team: "Selbst wenn man zu wenig getankt und die sechste Runde nicht geplant hat, muss man viel früher merken, dass es nicht reichen wird ", schüttelt der Niederländer den Kopf. "Ich bin natürlich überhaupt nicht glücklich gerade. Ich weiß, dass es ein Teamsport ist, ich kann Fehler machen und das Team auch. Aber es ist nie akzeptabel. Das war heute echt schlecht, ehrlich gesagt."
Das Szenario, um bereits am Sonntag den WM-Titel klarzumachen, ist für Verstappen in Singapur damit in weite Ferne gerückt: Während Hauptkonkurrent Charles Leclerc auf der Pole steht, fährt Verstappen nur als Achter los. "Es ist hier ein bisschen wie in Monaco, einfach super schwer zu überholen", weiß der WM-Führende. Und auch Marko hat Verständnis für den Frust seines Star-Piloten: "Auf dieser Strecke ist es wirklich doppelt ärgerlich. Hier noch vorzufahren wird ganz schwer."
Die WM-Party muss Red Bull wohl etwas verschieben

Allein: Bei all dem Frust gibt es auch Lob für Red Bull, genauer gesagt für die Reaktion des Teams auf das eigene Missgeschick. Denn Ex-Formel-1-Pilot Alex Wurz erklärt: "Du musst am Ende noch mindestens drei Kilo (Sprit; d. Red.) an Bord haben für die Benzinprobe. Wenn du die nicht hast, ist die Bestrafung und die Blamage viel größer, dann wirst du nämlich vom Qualifying disqualifiziert."
Die Verantwortlichen am Kommandostand entschieden sich deshalb also für die Sicherheitsvariante, um noch größeres Unheil von Verstappen abzuwenden. Wurz: "Ich habe großen Respekt vor dieser sehr kurzfristigen, schnellen Entscheidung. Dass es suboptimal gelaufen ist, ist klar. Aber unter diesem Druck dann so zu entscheiden, das war wirklich gut."
Sonst hätte Verstappen am Sonntag womöglich als Letzter starten müssen. Wie sauer er dann wohl erst gewesen wäre?

Von

Frederik Hackbarth