Erst seit Mitte Dezember ist er der neue FIA-Präsident – und schon muss sich Mohammed Ben Sulayem (60) mit der Kontroverse rund ums Formel-1-WM-Finale und Lewis Hamilton (Mercedes) auseinandersetzen, die ihn selbst in die Wüste verfolgt.
Am Rande der Rallye Dakar räumt der ehemalige Rallye-Pilot aus Dubai zu den Diskussionen rund um den Einsatz des Safetycars in Abu Dhabi ein: „Ich bin erst vor zwei Wochen gewählt worden und noch dabei, das Geschehene zu analysieren. Die Formel 1 ist ein dynamischer Sport, und das müssen auch wir sein – aktiv und reaktiv. Regeln müssen angepasst werden. Das Sportgesetz sind nicht die zehn Gebote, sondern ein Reglement, das ständig verbessert werden muss.“
Ein Eingeständnis, mit dem er Fahrt aus der Diskussion nimmt und gleichzeitig signalisiert: Für die Zukunft können Schwächen im Regelwerk ausgemerzt werden. Für die Vergangenheit gilt aber das bisherige Reglement sowie die Tatsachenentscheidungen des Rennleiters.
Angst, dass der siebenmalige Weltmeister Lewis Hamilton angesichts der Vorkommnisse seinen Helm an den Nagel hängen könnte, hat Ben Sulayem dennoch nicht. „Hat Lewis Hamilton einen Rücktritt in den Raum gestellt“, stellt er die Gegenfrage. „Nein. Ich bin sehr zuversichtlich, dass er auch 2022 am Start sein wird. Er ist ein fundamentaler Bestandteil unseres Sports.“
FIA-Präsident Mohammed Ben Sulayem
Vielleicht hält sich der Nachfolger von Jean Todt auch deshalb mit einer möglichen Strafe für den Mercedes-Star zurück. Der Brite war der FIA-Gala ferngeblieben, obwohl die ersten drei Piloten der WM laut FIA-Statuten zwingend bei der Preisverleihung antreten müssen. Auch Michael Schumacher wurde dafür einst aus dem Urlaub in Norwegen nach Paris beordert. Ex-Präsident Max Mosley drohte damals: Die Strafe fürs Fernbleiben würde teurer werden als das Kerosin für Schumachers Privatjet.
Mit solchen Aussagen hält sich Ben Sulayem indes zurück. „Ich habe Lewis eine Nachricht geschickt“, berichtet er. „Ich glaube nicht, dass er schon dazu bereit ist, über die Vorkommnisse zu sprechen, und ich kann ihn verstehen.“ Allerdings räumt der FIA-Präsident auch ein: „Es gibt Regeln, die befolgt werden müssen. Kein Fahrer und kein Team stehen über dem Respekt für die Integrität der FIA. Ich will aber nicht urteilen, bis ich nicht alle Fakten gründlich angeschaut habe.“
Allein: Der Ex-Rennfahrer aus Dubai deutet an, dass er Milde walten lassen könnte. „Am Ende sind wir alle nur Menschen und der Druck war groß. Wir müssen jetzt mehr in Richtung Zukunft als in die Vergangenheit schauen.“ Die FIA hat deshalb eine Kommission ins Leben gerufen, die sich mit den Geschehnissen von Abu Dhabi befassen soll.
Das hat auch Mercedes-Teamchef Toto Wolff gefordert. In seiner schon legendären Pressekonferenz nach dem WM-Finale betonte der Österreicher: „Es geht nicht nur um eine Entscheidung, den Rennleiter auszutauschen. Das ganze System der Entscheidungsfindung muss verbessert werden.“
Nicht nur in Abu Dhabi, sondern während der gesamten Saison 2021 habe es widersprüchliche Entscheidungen gegeben. Wolff: „Es ist eine Sache, hart zu fahren und zwischen den Fahrern und Teams verschiedene Ansichten zu haben. Das liegt in der Natur der Sache. Aber inkonstante Entscheidungen führen zu Kontroversen und zu einer Polarisierung. Und das war der Grund für viele der total unnötigen Kontroversen auf der Strecke.“
Keine leichte Aufgabe für den neuen FIA-Präsidenten.

Von

Bianca Garloff