Dieser Funkspruch an Lewis Hamilton spricht Bände: "Lewis, wir wissen, das ist ein bisschen wie eine Scheißkiste zu fahren. Sorry wegen deines Rückens. Wir werden das aussortieren", funkt Mercedes-Teamchef Toto Wolff seinem Superstar noch auf der Auslaufrunde in Baku ins Cockpit.
Anschließend zeigen die TV-Kameras, wie Hamilton im Parc fermé kaum aus dem Silberpfeil kommt, offensichtlich starke Schmerzen hat. Der Grund: Das extreme Hüpfen des Mercedes geht vor allem auf den Rücken. Hamilton beschwert sich darüber während des Rennens mehrfach am Funk.
"Es sind angeblich bis zu 6g (das Sechsfache des Körpergewichts, d. Red.), die da auf den Fahrer wirken“, schlägt Toto Wolff nach dem Rennen in Baku Alarm. „Das geht also weit über den muskulären Zustand hinweg, es geht wirklich in die Wirbelsäule und Hüfte hinein. Darüber hinaus hat es auch eine Auswirkung auf den Kopf."
Das Resultat: Hamilton zeigt sich bei den TV-Interviews nach der Zieldurchfahrt angeschlagen. "Das war das schmerzhafteste Rennen, das ich je erlebt habe. Es gab viele Momente, in denen ich nicht wusste, ob ich weitermachen oder auch nur das Auto auf der Straße halten kann. Einige Male habe ich bei Höchstgeschwindigkeit fast die Kontrolle verloren. Der Kampf mit dem Auto war intensiv."
Probleme beim Aussteigen: Rücken-Patient Hamilton

Für den Briten ist es jetzt an der Zeit, zu handeln: "Es ist definitiv ein Sicherheitsrisiko. Ich musste mich als Rennfahrer noch nie so sehr damit auseinandersetzen, bei Tempo 300 abfliegen zu können. Das war eine sehr unangenehme Erfahrung", sagt Hamilton und fügt in Bezug auf das Bouncing an: "Alle Piloten reden in der Fahrerbesprechung darüber. Wir haben keine Lust, vier Jahre (bis zur nächsten Regeländerung; d. Red.) damit weiterzumachen. Die Teams müssen daran arbeiten."
Von den Kollegen bekommt Hamilton Zuspruch: McLarens Daniel Ricciardo berichtet nach dem Rennen in Baku, er fühle sich durch das Hüpfen mittlerweile "wie ein Basketball".
Sebastian Vettel sieht indes auch die Regelmacher der Königsklasse in der Verantwortung: "Wir müssen eine Lösung finden. Natürlich kann man sagen: 'Ändert doch einfach das Setup.' Aber wir sollten da nicht uns in die Pflicht nehmen, sondern mit den Regeln reagieren. Es kann ja auch nicht sein, dass wir jetzt vier Jahre so durch die Gegend fahren."
Allein: Ausgerechnet das gebeutelte Mercedes-Team beweist in Baku, dass Änderungen an den Einstellungen und kleinere Umbauten an den Autos sehr wohl einen großen Unterschied machen. Dass Hamilton laut Teamchef Wolff "am schlimmsten von allen Fahrern" vom Hüpfen betroffen ist, macht auch den Rekordweltmeister hellhörig. Denn Hamilton ist aufgefallen: "George (Russell, Teamkollege; d. Red.) hatte viel weniger Bouncing als ich. Gestern habe ich auf ihn dreieinhalb Zehntel nur auf den Geraden verloren."
Dritter Platz: George Russell rast in Baku aufs Podium

Hamilton scherzt: "Er hat natürlich auch einen Rücken, der über zehn Jahre jünger ist als meiner." Dann aber nennt der Brite ein brisantes Detail: "Ich hatte hier ein experimentelles Teil an meinem Auto und eine andere Hinterradaufhängung (als Russell; d. Red.) - scheinbar die falsche, wie man sehen konnte..."
In Baku muss sich Hamilton seinem 13 Jahre jüngeren Stallkollegen einmal mehr geschlagen geben: Während Russell nach dem Ferrari-Doppelausfall als Dritter aufs Podest rast, muss sich Mercedes' Superstar mit Platz vier begnügen. Bereits zum siebten Mal in Folge landet Russell im Rennen vor Hamilton und stellt damit Nico Rosbergs Rekordserie als Hamilton-Teamkollege zwischen dem Mexiko GP 2015 und dem Russland GP 2016 ein.
Die Aussagen Hamiltons rücken diese Zahlen allerdings zumindest am Sonntag in ein anderes Licht. Russell selbst räumt nach dem Grand Prix ein, dass Hamilton sich aktuell überhaupt nicht um die Ergebnisse kümmert: "Er ist viel mehr darauf fokussiert, die Probleme mit dem Auto zu lösen als nur die Resultate am Wochenende zu maximieren oder sich aufs Fahren zu konzentrieren", verrät der Neuzugang im Team.
Deshalb schreibt Russell seinen Landsmann auch noch lange nicht ab: "Ich weiß, wie stark Lewis ist. Wenn wir das Auto aussortiert haben, wird er ein ganz anderes Biest sein. Dann werden wir wieder den echten Lewis Hamilton sehen."
Lewis Hamilton kämpft sich in Baku auf Rang vier vor

Dass der siebenmalige Weltmeister die Rolle als erfahrender Teamleader hinter den Kulissen vollends angenommen hat, zeigt sich auch darin, dass er gegenüber den Ingenieuren kein Blatt mehr vor den Mund nimmt: "Unser Auto sieht einfach ganz anders aus als alle anderen Autos. Wir müssen uns anschauen, ob wir damit wirklich in die richtige Richtung unterwegs sind", hinterfragt Hamilton die schmale Taille seines Silberpfeils in Baku.
Von Teamchef Wolff bekommt er dafür Rückendeckung: Der Österreicher versichert, dass es im Zuge der Fehlerbehebung am viel kritisierten W13 keinerlei Eitelkeiten beim sonst so erfolgsverwöhnten Autobauer aus Stuttgart geben wird: "Wir schauen uns alle möglichen Lösungen an. Es gibt keine heiligen Kühe. Wenn die Probleme nicht kurzfristig zu lösen sind, weil sie konzeptuell sind, dann lösen wir sie eben über die nächsten Monate", erklärt Wolff.
Fraglich ist nur, ob der Rücken von Edel-Testfahrer Hamilton so lange mitspielt...

Von

Frederik Hackbarth