Droht der Formel 1 eine Neuauflage des Streits zwischen Red Bull und Mercedes? Die Rennställe von Max Verstappen und Lewis Hamilton lieferten sich 2021 bis zur letzten Runde der Saison auf und neben der Rennstrecke ein Duell am Limit.
2022 fiel eine Fortsetzung aber aus: Während Red Bull nach anfänglichen Zuverlässigkeitsproblemen mit zuletzt fünf Siegen am Stück die WM mittlerweile klar dominiert, kämpft Mercedes nach dem Fehlstart weiter mit den neuen Groundeffect-Autos und seinem hüpfenden W13. Doch genau deswegen bahnt sich nun ein neuer Zwist der Top-Teams an.
Grund: In Baku fordern vor allem die Mercedes-Piloten erstmals lautstark eine Regeländerung von der FIA, um das verhasste Hüpfen loszuwerden. Laut George Russell ist es "nur eine Frage der Zeit, bis es einen großen Unfall deswegen gibt". Teamkollege Lewis Hamilton legt nach: "Es ist definitiv ein Sicherheitsrisiko. Ich musste mich als Rennfahrer noch nie so sehr damit auseinandersetzen, bei Tempo 300 abzufliegen."
Dazu kommt: Auch ohne Crash geht das wilde Gehoppel auf die Gesundheit. Hamilton kann nach dem Rennen kaum aus eigener Kraft aus seinem Auto aussteigen und berichtet von starken Rückenschmerzen durch die harten Schläge.
Mercedes' Unterboden verursacht weiter starkes Hüpfen

Ein Mann hat jedoch kein Mitleid mit dem Rekordchampion und seinen Kollegen: Red-Bull-Teamchef Christian Horner. Der Brite vermutet hinter Mercedes' Hilferuf Taktikspielchen, um auf billige Weise die eigenen Schwierigkeiten zu lösen. Das Silberpfeil-Lager hatte in Baku selbst eingeräumt, sich wieder im Kampf um Siege zu sehen, sollten sie ihr Kardinalproblem endlich in den Griff kriegen.
Horner fordert deshalb eine harte Linie von der FIA: "Es wäre unfair, jetzt diejenigen zu bestrafen, die einen guten Job gemacht haben, gegenüber denen, die das Ziel vielleicht leicht verfehlt haben." Der Brite weiter: "Natürlich sollte man nie ein unsicheres Auto fahren. Aber das ist mehr eine Aufgabe für die Techniker (der Teams; d. Red.), denn einige Autos haben Probleme damit und andere nicht."
Red Bull gehört zu Letzteren. Zeitlupenaufnahmen aus Baku zeigen deutlich, dass der RB18 viel weniger springt, wohingegen kaum ein Auto so schlimm betroffen ist wie der Silberpfeil. Experte Johnny Herbert erklärt warum: "Bei Mercedes ist der Unterboden im hinteren Bereich sehr dünn und damit flexibler. Das schlägt sich dann beim Hüpfen in einer höheren Frequenz nieder", sagt der ehemalige F1-Pilot. "Der RedBull sieht da einfach steifer und stabiler aus."
Der Red Bull ist vom Bouncing deutlich weniger betroffen

Von Horner gibt es an Mercedes deshalb folgenden Rat: "Man kann immer einen dickeren Boden ans Auto schrauben, wenn man das will." Der Red-Bull-Teamchef spottet: "Und wie hoch man das Auto fährt, kann man doch auch selbst entscheiden, oder? Das wäre mal die erste und einfachste Lösung."
Mercedes-Teamchef Toto Wolff widerspricht: "Das würden wir gerne machen, aber das weichste Element, und damit der einzige Dämpfer, ist bei hoher Geschwindigkeit nur noch der Reifen. Irgendwann kannst du nicht mehr viel tun: Selbst, wenn du das Auto richtig hoch legen würdest, bleibt das Hüpfen." Wolff glaubt deshalb: "Alles hängt mit der aerodynamischen Performance des Unterbodens zusammen." Und ist damit eher ein Fall für die Technik-Kommission der FIA.
Sky-England-Experte Martin Brundle kontert: "Ich will nicht herunterspielen, was Lewis und George da durchmachen, das sieht schon schmerzhaft aus. Aber die anderen Teams zu fragen, ob man die Regeln ändern kann, um Mercedes zu helfen? Das ist ein bisschen so, als würde man einen Truthahn fragen, sich für das Weihnachtsfest stark zu machen."
Werden keine Freunde mehr: Toto Wolff und Christian Horner

Entsprechend empfindet Horner das Drängen der Silberpfeile auf eine Regelanpassung als politisch motiviert: "Ich würde ihnen (den Fahrern; d. Red.) auch sagen, dass sie am Funk so viel wie möglich jammern und ein so großes Problem daraus machen sollen, wie sie nur können. Das ist Teil des Spiels, wie eine Schwalbe im Strafraum", erklärt der 48-Jährige.
Für den Red-Bull-Teamchef steht außer Frage: "Natürlich gibt es Lösungen für das Hüpfen, aber das geht eben auf Kosten der Performance. Die einfachste Sache ist deshalb, sich zu beschweren. Doch jedes Team hat eine Wahl."
Allein: Auch bei den Fahrern anderer Teams macht sich Horner mit seinen Aussagen wenig beliebt. Aston-Martin-Star Sebastian Vettel hatte am Wochenende ebenfalls auf eine Reaktion der Sportbehörde gedrängt und gesagt: "Es kann ja nicht sein, dass wir jetzt vier Jahre so durch die Gegend fahren." Pikant: Mit AlphaTauris Pierre Gasly setzte sogar ein Pilot aus dem Red-Bull-Lager einen Hilferuf ab: "Ich setze meine Gesundheit aufs Spiel", klagte Gasly und fordert von der FIA Lösungen: "Sonst gehen wir mit 30 alle am Stock."

Von

Frederik Hackbarth