Da kamen wohl böse Erinnerungen hoch bei Lewis Hamilton: Wie beim kontroversen WM-Finale 2021 in Abu Dhabi findet sich der Brite nach einer späten Safetycar-Phase beim Niederlande GP zwar in Führung, aber auch mit älteren und härteren Reifen auf dem Silbertablett für Max Verstappen wieder: Der Red-Bull-Star schnappt sich Hamilton mit frischen Gummis sofort beim Restart und rast unter dem tosenden Jubel seiner holländischen Fans Richtung Heimsieg.
Als dann auch noch Teamkollege George Russell, ebenfalls auf frischen roten Pneus, am wehrlosen Rekordweltmeister vorbeizieht, platzt Hamilton endgültig der Kragen: "Ich kann nicht glauben, dass Ihr mich gef**** habt. Ich kann gar nicht sagen, wie angep**** ich bin", funkt der Brite an den Mercedes-Kommandostand. Anschließend fällt Hamilton auch noch hinter Ferrari-Star Charles Leclerc zurück und steht am Ende nicht mal auf dem Podium.
Unterm Helm kocht Hamilton, lässt seinen Kopfschutz im Parc fermé deshalb auch erstmal lieber auf. Die kurze Selbstisolation hilft scheinbar: Als der Brite wenig später vor die Presse tritt, sieht die Welt schon wieder anders aus: "Ich entschuldige mich nicht für meine Leidenschaft, denn so bin ich einfach. Aber ich kriege es auch nicht immer richtig hin und es tut mir für's Team leid, was ich da gesagt habe", erklärt Hamilton.
Hamilton steht Rede und Antwort nach dem Niederlande GP

Teamchef Toto Wolff hat ohnehin Verständnis für den Wutausbruch seines Starpiloten. "Wir sind quasi der Mülleimer für den Fahrer. Der sitzt allein im Cockpit, ist sehr emotional und dann kotzt er sich halt aus", erklärt Wolff. Hamiltons Wut kann der Wiener nachvollziehen: "Es war der richtige Call, aber leider ist er am Ende total gegen Lewis ausgegangen. Aber wir sind das Risiko für den Sieg eingegangen. Sein Medium-Reifen war erst fünf Runden alt und wir hatten die Position auf der Strecke. Die Alternative wäre gewesen, die aufzugeben, aber dann sind wir nur Zweiter und Dritter. Es war also wert, es zu versuchen."
Allein: Teamkollege Russell fühlt sich auf den Medium-Pneus nicht wohl, biegt deshalb nochmal zum Stopp ab. Für Ex-Mercedes-Pilot und Weltmeister Nico Rosberg liegt hier der Fehler des Teams: "Wenn man das Risiko mit Lewis eingeht, dann macht man es richtig. Dann lässt man George als Wingman auch draußen, damit der Max aufhält und Lewis vorne die nötige Zeit verschafft", fordert Rosberg. "So wie sie es gemacht haben, konnte es nie funktionieren. Ich denke, da ist etwas falsch gelaufen."
Dass Hamilton anschließend am Funk ausrastet, kann sein ehemaliger Stallgefährte und Silberfeind indes verstehen: "Das war doppelter Horror für ihn: Erst wird er von Max überholt, dann kommt auch noch der Teamkollege angeflogen. Das ist echt kein nettes Gefühl, vor allem wenn du den so wie er das ganze Wochenende dominiert hast", sagt Rosberg.
Chancenlos: Verstappen packt Hamilton sofort beim Restart

Hamilton selbst erklärt in Bezug auf seinen Frust: "Ich dachte: 'Wow, wir kämpfen hier echt um den Sieg.' Doch dann kam das Safetycar und bei mir die Emotionen hoch, weil ich wusste, dass wir es verloren haben. Das war mir schon vor dem Restart klar, weil alle hinter mir weiche Reifen hatten und ich wusste, dass ich keine Chance habe sie damit hinter mir zu halten."
Trotz der bitteren Pille am Ende will der siebenfache Champion Zandvoort aber erhobenen Hauptes verlassen: "Das ganze Jahr war so eine Achterbahnfahrt, aber das hier war so ein gutes Rennen. Das Auto hat sich besser angefühlt als jemals zuvor dieses Jahr", findet Hamilton. "Ich will das Glas deshalb lieber halbvoll betrachten. Es gibt so viel Positives was wir hier mitnehmen können, denn wenn sich das Auto auch in den nächsten Rennen so anfühlt, kämpfen wir wieder um den Sieg."
Das glaubt auch Teamchef Wolff. "Absolut", antwortet der Wiener auf die Frage, ob den Silberpfeilen 2022 noch ein Rennsieg gelingt. "Heute waren wir etwas näher dran (als bisher; d. Red.), dann macht es auch gleich ein bisschen mehr Spaß." Schlusswort Wolff: "Wir versuchen es weiter." Vielleicht ist Hamilton nächstes Mal dann ja nicht der "Gef*****".

Von

Frederik Hackbarth