Das kommt den Formel-1-Fans doch bekannt vor: Zwei Mercedes crashen in Barcelona! Doch anders als beim berühmten Crash der Silberfeinde Nico Rosberg und Lewis Hamilton in der Startrunde des Spanien GP 2016, fahren sich George Russell und Hamilton am Samstag schon im Qualifying in die Kiste.
Im Kampf um den Einzug ins Top-10-Shootout kollidieren die beiden Briten zu Beginn ihrer letzten schnellen Runde in Q2 auf der Start-Ziel-Geraden. "Es war eine massive Misskommunikation. Ich habe nur nach vorne geschaut, um einen Windschatten von Carlos (Sainz; d. Red.) zu bekommen. Dann war Lewis auf einmal da", schildert Russell, der zwar vom Team am Funk nicht gewarnt wurde, wegen seiner "abnormalen Richtungsänderung" aber trotzdem eine Verwarnung der Stewards kassierte.

Russell: Angriff auf den Platzhirsch?

Die Mercedes-Piloten dürfen den Vorfall also unter sich ausmachen und werden das auch, sieht Russell doch Gesprächsbedarf: "Das müssen wir intern klären, wie das passieren konnte. Natürlich sollte das unter Teamkollegen niemals vorkommen", räumt der 25-Jährige ein, erklärt aber auch: "Ich denke nicht, dass es einen Schuldigen gibt. Lewis wusste wahrscheinlich einfach nicht, dass ich eine Runde beginne. Zum Glück ist ja nicht viel passiert."
Russell sieht Gesprächsbedarf bei Mercedes.
Bild: Stephen Reuss / Mercedes

So ganz stimmt das allerdings nicht: Während Russell nach dem Vorfall als Zwölfter vorzeitig ausscheidet, ramponiert sich Hamilton bei der Aktion den Frontflügel. Zwar schafft es der Rekordweltmeister in die nächste Runde und immerhin noch auf Startplatz fünf, Teamchef Toto Wolff ist aber trotzdem nicht begeistert: "Es hilft natürlich nicht, wenn sie sich in die Kiste fahren. Beide haben gedacht, dass der andere die Runde beendet, aber das darf nicht sein." Trotzdem ordnet der Österreicher ein: "Sie fahren sich ja nicht absichtlich ins Auto, das war ein Missverständnis."
Allein: Eine ganze andere Lesart des Unfalls unter Teamkollegen hat indes Sky-Experte Ralf Schumacher: "George wollte Lewis keinen Windschatten geben und hat die Tür zugemacht. Das ist meine Analyse. Der junge Herausforderer will den Platzhirsch ablösen", kippt Schumacher Öl ins Feuer und schiebt hinterher: "Die kommen ja auch privat nicht so gut miteinander aus."

Rosberg fordert Hamilton-Entschuldigung

Nico Rosberg, vor sieben Jahren selbst noch Protagonist im Mercedes-Zoff in Barcelona, sieht den Frieden bei seinem Ex-Team im Gespräch mit Auto Bild ebenfalls gefährdet: "Das erinnert mich schon ein wenig an 2016: George wollte Lewis nicht vorbeilassen, er hat sich danach aber entschuldigt. Ich denke aber, Lewis muss sich auch entschuldigen: Weil er hinten war, muss er in so einer Situation auf schnellen Runden im Qualifying mehr aufpassen", sagt der Deutsche.
"Es war unglücklich, aber ich denke, da gibt es sicher noch ernste Diskussionen. Wir dürfen nicht vergessen, dass diese Rivalität bei Mercedes schon intensiv ist: George ist wirklich voll da, er pusht Lewis sehr hart", glaubt auch Rosberg, dass der Druck im Mercedes-Lager zugenommen hat.
Lewis Hamilton schaffte es immerhin noch auf Startplatz fünf.
Bild: Stephen Reuss / Mercedes

Hamilton selbst spielt das Thema nach dem Qualifying hingegen runter: "Es war einfach ein Missverständnis. Ich bin davon ausgegangen, dass George seine Runde abgebrochen hat und bin aufs Gas. Ich fuhr dann in seinem Windschatten und er war rechts, also bin ich davon ausgegangen, dass er mir Windschatten spendet und bin nach links. Dann zog er aber plötzlich wieder rüber", schildert der Rekordweltmeister.

Schumacher schuftet für Mercedes-Comeback

Zufrieden ist Hamilton am Samstag immerhin mit den Upgrades an seinem seit Monaco generalüberholten Mercedes: "Ich war schon überrascht, dass wir so weit vorne sind und hier um die erste Startreihe fahren", erklärt der Brite, dem in Q3 weniger als ein Zehntel zum Zweitplatzierten Sainz fehlt: "In Kurve zehn hatte ich Übersteuern und habe locker zwei Zehntel verloren. Ich bin deswegen jetzt aber nicht bitterlich enttäuscht, sondern eher ermutigt, weil das Auto heute viel lebendiger war und wir Fortschritte erzielen."
Kurios: Dabei lobt Hamilton nicht nur sich selbst, sondern auch die Arbeit von Ersatzpilot Mick Schumacher: "Ich saß gestern noch bis elf Uhr nachts an der Strecke, um herauszufinden, wo wir noch Zeit gutmachen können. Auch mit der Analyse über Nacht haben wir großartige Arbeit gemacht", verrät Hamilton. Dabei ist es ausgerechnet Schumacher, der am Freitag noch deutlich später Feierabend hat: Im Simulator in der Mercedes-Fabrik in Brackley dreht der Deutsche bis in die frühen Morgenstunden seine Runden, ehe er Samstagfrüh nach Barcelona geflogen wird.
Das Qualifying verfolgt Schumacher wie üblich an der Kommandobrücke in der Mercedes-Box neben Teamchef Wolff und Nachwuchsleiter Jerome D'Ambrosio. Seine große Stunde könnte beim Pirelli-Reifentest am Mittwoch schlagen. Dann darf Mick in Barcelona den aktuellen Mercedes fahren. In der schnelllebigen Formel-1-Welt könnte eine gute Rundenzeit den von Haas angekratzten Ruf schnell wieder gerade rücken.