Aufgeladene Stimmung im Fahrerlager der Formel 1: Der Zoff um die neuen Regeln, die das extreme Hoppeln der Autos verhindern sollen, geht in die nächste Runde.
Nachdem die Konkurrenz Mercedes unterstellte, die FIA um des eigenen Vorteils Willen beeinflusst zu haben, kam es in einem Teamchef-Meeting beim Großen Preis von Kanada zum Eklat. Augenzeugenberichten zufolge reagierte Mercedes-Teamchef Toto Wolff hinter verschlossenen Türen aber vor laufenden Netflix-Kameras sehr emotional, als sich neben Red Bull auch Ferrari gegen die Maßnahmen der FIA aussprach.
Auch nach Ende der Sitzung blieb das Gemüt des Wieners aufgeheizt. Im TV bezeichnete er die Kritik der Konkurrenz als „erbärmlich“ und „unaufrichtig“.
Hintergrund: Besonders Mercedes leidet unter dem sogenannten Porpoising. In Baku klagte Starpilot Lewis Hamilton deshalb über so starke Rückenschmerzen, dass er kaum aus dem Auto kam. Mercedes forderte daraufhin Maßnahmen, die das gefährliche Hoppeln verhindern. Die FIA reagierte mit einer technischen Direktive, die nur diejenigen Autos betrifft, die unter dem Phänomen leiden. Eigentlich eine gerechte Regelung.
Mercedes war beim Kanada-GP wieder gut bei der Musik.

Trotzdem sind Red Bull und Ferrari sauer über die Einführung neuer Paragraphen mitten in der Saison. „Mercedes könnte sein Auto einfach höher legen und die Steifigkeit reduzieren“, sagt Red Bull-Motorsportchefberater Helmut Marko zu F1-Insider.com. „Aber dann wären sie natürlich auch langsamer.“
Teamchef Christian Horner hat vor allem eine zweite Strebe im Visier, die Mercedes am Freitag in Montreal gefahren ist, um das Bouncing zu reduzieren. „Normalerweise muss die Einführung solcher neuen Teile in einem Forum diskutiert werden“, erklärt er, „Doch dann kommt genau das Team, das als einziges dieses Problem hatte, mit so einer Lösung um die Ecke.“
Was der Brite damit andeuten will: Womöglich hatte Mercedes schon vorher Erkenntnisse über die nächsten Schritte der FIA – und hat sich entsprechend vorbereitet.
Dem Wiener Wolff gefallen solche Vorwürfe naturgemäß nicht. Er kontert in amerikanischen Medien: „Dies ist ein Sport, bei dem man versucht, einen Wettbewerbsvorteil zu behalten oder zu gewinnen. Aber diese Situation ist nun eindeutig zu weit gegangen.“
Der Erfolgs-Rennleiter weiter: „Alle Fahrer, mindestens einer in jedem Team, haben gesagt, dass sie Schwierigkeiten hatten, das Auto auf der Strecke zu halten, oder dass sie verschwommene Sicht hatten. Die Teamchefs, die versuchen, das Gesagte zu manipulieren, um den Wettbewerbsvorteil zu behalten, und versuchen, politische Spielchen zu spielen, wenn die FIA versucht, eine schnelle Lösung zu finden, sind einfach nur unaufrichtig.“
Fest steht: Die Diskussion ist noch nicht vorbei. In Kanada hat die FIA die Oszillation der Autos zunächst nur gemessen. Eigentlich sollten die neuen Regelungen in Silverstone erstmals greifen. Aber nicht, wenn es nach Ferrari geht.
"Für uns ist die Technische Direktive nicht anwendbar“, sagt deren Teamchef Mattia Binotto. „Das haben wir der FIA auch erklärt. Eine TD ist normalerweise dazu da, Klarstellungen bezüglich bestehender Regeln zu liefern. Eine TD ist nicht dazu da, die Regeln zu ändern. Wenn die FIA aus Sicherheitsgründen andere Regeln will, muss sie es im Weltrat anmelden, und sie formal absegnen lassen."
Das dürfte Toto Wolff gar nicht gefallen…

Von

Bianca Garloff