Damit hatte niemand gerechnet, am allerwenigsten aber George Russell selbst: Der Brite rast im Qualifying zum Ungarn GP sensationell auf Startplatz eins, kürt sich damit zum 105. Fahrer in der Geschichte der Formel 1, dem eine Pole-Position gelingt - und kann es anschließend kaum glauben:
"Gestern war wahrscheinlich unser härtester Freitag der ganzen Saison. Wir waren alle bis 11 Uhr nachts hier, haben uns an den Köpfen gekratzt und die Stimmung war ziemlich am Boden. Wir haben uns verloren gefühlt", verrät Russell und strahlt im gleichen Atemzug: "Keine 24 Stunden später auf der Pole zu stehen und so zurückzuschlagen, ist ein unglaubliches Gefühl, wenn man weiß, was wir letzte Nacht durchgemacht haben."
Doch während der Pole-Setter und sein Team jubeln, gibt es einen Mann bei Mercedes, dem nicht nach Feiern zumute sein dürfte: Lewis Hamilton. Der Rekordweltmeister der Formel 1 wird im Ungarn-Qualifying nur Siebter, weil ihn ein Defekt an seinem Silberpfeil einbremst: "Mein DRS hat sich nicht geöffnet. Das ist sehr unglücklich, aber solche Dinge passieren eben", berichtet er.
Daran, dass auch er die Pace für Pole gehabt hätte, besteht für Hamilton gar kein Zweifel. "Ich habe mich großartig gefühlt, die erste Reihe wäre also definitiv drin gewesen", sagt der Brite. Für seinen jungen Teamkollegen gibt es trotzdem die obligatorischen Glückwünsche: "Gratulation an George, er hat einen super Job gemacht. Es ist ein hervorragendes Resultat fürs Team, nach allem was wir durchgemacht haben. Ich bin sehr happy für sie, wirklich großartig."
Nur Startplatz sieben nach DRS-Defekt für Lewis Hamilton

Doch wer Hamilton kennt, weiß wie sehr es brodeln muss im siebenfachen Champion: Der Brite lässt hinter den Kulissen nichts unversucht, um Mercedes mit seinem enormen Erfahrungsschatz zurück auf die lange gewohnte Siegerstraße zu bringen. So langsam kehren die Silberpfeile tatsächlich wieder in die Erfolgsspur zurück, doch nun ist es Russell, der die Lorbeeren erntet.
Teamchef Toto Wolff weiß um die interne Brisanz des Qualifying-Resultats und wird deshalb am Samstag nicht müde zu betonen: "In solchen Momenten will man eigentlich vor Freude weinen (wegen der Pole; d. Red.), aber auch weil das Auto gut genug war, damit Lewis dort auch hätte stehen können. Es ist wirklich bittersüß. Wenn ihm nicht das DRS eingeht, steht er auch unter den ersten Drei."
Mit Blick auf die Mercedes-Überraschung im Qualifying scherzt Wolff: "Wir haben eben schon gesagt: Wir müssen alles aufschreiben, was wir heute Früh gemacht haben - inklusive des Essens und der Getränke, die wir hatten, um das replizieren zu können."
Denn so wirklich erklären kann sich auch Wolff die Russell-Runde nicht: "Wir konnten aber von Beginn des Qualifyings an sehen, dass unsere Reifen im richtigen Fenster sind. Das Auto war in der richtigen Balance und irgendwie kam dann alles zusammen." Das zeigt auch der kuriose Umstand, dass Russell zwar in keinem der drei Sektoren eine Bestzeit erzielt, am Ende aber die zusammengerechnet schnellste Runde hinlegt.
Jubeltraube: George Russell lässt sich vom Team feiern

Der Brite beschreibt aus Cockpitsicht: "Ich bin in Kurve eins angekommen: mega, anderthalb Zehntel vorne. Kurve zwei: das Gleiche, drei Zehntel vorne. So ging es immer weiter. Wenn man so in den Rhythmus kommt, dann kommt die Rundenzeit einfach immer mehr auf einen zu. Als ich über die Ziellinie gefahren bin, habe ich gesehen, dass es P1 ist. Das war ein unglaubliches Gefühl. Darum geht es beim Racing, dafür stehst du als Rennfahrer jeden Tag auf."
Doch bei aller Freude, auch Russell ist bewusst: "Für das Qualifying gibt's noch keine Punkte. Morgen wird ein kompletter Trip ins Unbekannte, denn wir haben das Auto nach gestern ja auf links gedreht. Die Bedingungen werden auch anders, weil es morgen kälter wird", sagt der Mercedes-Star. Hinzu kommt: "Mit viel Sprit an Bord war die Pace gestern so schlecht wie noch nie und Ferrari sieht hier ziemlich stark aus. Aber ich gebe alles, wir wollen jetzt natürlich den Sieg."
Auch Teamchef Wolff gibt sich optimistisch, wenn auch ein bisschen vorsichtiger: "Eine Schwalbe macht natürlich noch keinen Sommer. Wir haben jetzt mal die Pole, müssen aber sehen, welche Pace wir im Rennen haben", sagt der Wiener und erklärt: "Wenn wir uns am Start vorne halten können, in Führung aus der ersten Runde kommen und ein solides Rennen und solide Stopps haben... dann können wir das gewinnen."
Ob sich damit auch noch einmal die Türe im WM-Kampf für Mercedes öffnen kann, wagt Wolff aber zu bezweifeln: "Es ist schwer zu sagen. Max (Verstappen; d. Red.) ist hier weit hinten, was natürlich nicht schlecht ist. Aber der Punkterückstand auf ihn ist, wie der von allen anderen auch, schon sehr groß. Trotzdem geben wir nie auf, denn man sieht heute wie schnell es gehen kann", so Wolff. "Das ist das Aufregende an diesem Sport: Wir oszillieren immer zwischen Jubel und Depression." Oder mit anderen Worten ausgedrückt: Zwischen Russell und Hamilton.

Von

Frederik Hackbarth