Formel 1 Monza 2007
Alonso unbeeindruckt von Spionageaffäre

Der Weltmeister gewinnt den Großen Preis von Italien in Monza vor seinem Teamkollegen Lewis Hamilton. Ferrari muss sich beim Heimspiel mit Rang drei begnügen. Doch das letzte Wort scheint noch nicht gesprochen, denn McLaren-Mercedes droht in der Spionage-Affäre der Verlust aller WM-Punkte.
- Burkhard Nuppeney
Die Reaktion von McLaren-Mercedes auf die Besorgnis erregende Meldung erfolgte spät. Nachdem Samstag bekannt geworden war, dass die Staatsanwaltschaft in Modena/Italien Teamchef Ron Dennis und weitere Personen des Rennstalls von Ermittlungen in der seit Wochen schwelenden Spionage-Affäre unterrichtet hatte, veröffentlichte das Formel-1-Team erst gestern eine fünfzeilige Mitteilung. "Wir vermuten stark, dass Art und Zeitpunkt dieses völlig unnötigen Kontakts (...) dazu dienen, unsere Vorbereitung auf dieses wichtige Rennen und die Anhörung am Donnerstag vor dem FIA-Weltrat zu stören", hieß es. Man sei überzeugt, in der Sache völlig entlastet zu werden. Gleichwohl wirkte die McLaren-Erklärung wie ein hilfloses Ablenkungsmanöver vor dem möglicherweise wegweisenden Treffen mit dem Motorsport-Weltverband FIA in drei Tagen in Paris. Dass gestern ausgerechnet die McLaren-Mercedes-Piloten Fernando Alonso und Lewis Hamilton beim Großen Preis von Italien einen Doppelsieg feierten, mutete beinahe wie Ironie an angesichts der Tragweite der Affäre um den früheren Ferrari-Chefmechaniker Nigel Stepney und den ehemaligen McLaren-Mitarbeiter Mike Coughlan.
Stepney soll vertrauliche Ferrari-Daten an Coughlan übergeben haben. Wie Alonso erst jetzt kurz vor dem Grand Prix in Monza auf Drängen der FIA zugab, hatte es darüber E-Mail-Kontakt zwischen ihm und dem Testfahrer Pedro de la Rosa gegeben. Damit ist der Weltmeister persönlich involviert. Der Formel 1 droht im schlimmsten Fall nun ein Erdbeben, das die Branche nachhaltig erschüttern könnte. Im ersten Verfahren zur Spionage-Affäre war McLaren-Mercedes zunächst mangels Beweisen frei gesprochen worden. Sollte dem Rennstall jedoch nachgewiesen werden, dass er sich auf illegalem Wege den von Experten angenommenen Wettbewerbsvorteil verschafft hat, so könnte ihm die FIA womöglich alle Punkte in der WM-Konstrukteurswertung 2007 aberkennen – ebenso, wie angedroht, die von 2008. Momentan führt McLaren-Mercedes die Konstrukteurswertung mit 166 Punkten vor Ferrari (143) an. Für die Roten kam gestern nur Kimi Räikkönen auf Platz drei ins Ziel, während Felipe Massa mit Problemen an den Stoßdämpfern ausfiel.

Eines ist allen Beteiligten unterdessen klar: Der um seinen Ruf bangende Weltmeister Alonso wird nächste Saison nicht noch einmal für McLaren-Mercedes ins Cockpit steigen. Mindestens sieben Bedingungen in seinem bis 2009 gültigen Vertrag sollen angeblich gebrochen worden sein, zudem ist das Verhältnis zwischen ihm und Ron Dennis zerrüttet. Alonso dürfte aufgrund des Vertragsbruchs durch McLaren-Mercedes ablösefrei wohl zurück zu Renault und Flavio Briatore wechseln. Noch jedoch hat Alonso seine Chance auf den dritten WM-Titel in Folge nicht aufgegeben. Gestern fuhr er von der Poleposition aus vor seinem internen Rivalen Hamilton einen souveränen Start-Ziel-Sieg heraus – ein Erfolg, der den extrem unter Druck geratenen Teamchef Dennis zu einem Tränenausbruch veranlasste. "Es war ein sehr, sehr schweres Wochenende für mich", sagte er nach dem Rennen mit leiser Stimme und gestand: "Es war auch schwer, sich auf die Arbeit zu konzentrieren." Alonsos Rückstand auf den mit Vibrationen an den Vorderrädern kämpfenden Hamilton beträgt vier Rennen vor Saisonende nur noch drei Punkte. Er sagte: "Das war ein sehr wichtiger Sieg mit Blick auf die WM. Wer Weltmeister werden will, muss ab jetzt jedes Rennen gewinnen oder zumindest in die Punkte fahren." Seinen Teamchef würdigte Alonso keines Blickes.
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