Formel 1: Nachruf auf Stirling Moss

Formel 1: Nachruf auf Stirling Moss

Er hatte keine Zeit für Angst

Sir Stirling Moss ist am Ostersonntag verstorben. Unsere Redaktionsleiterin Bianca Garloff erinnert sich hier an ihr letztes Treffen mit der Rennlegende
Es war im Juni 2015 auf dem Flughafen in Mailand, als ich Sir Stirling Moss zum letzten Mal sah. Wir waren auf einem PR-Termin zum 60-jährigen Jubiläum seiner Rekordfahrt bei der Mille Miglia. Moss war damals schon 85 Jahre alt, aber immer noch ein Gentleman alter Schule. Er verabschiedete sich von mir mit Handkuss und machte sich mit seiner Lady Suzie dann auf den Weg zum Flugzeug zurück nach England.
Stirling Moss im Doppelinterview mit Lewis Hamilton: Hier klicken
Ich schaute dem charismatischen Mann mit den charakteristischen Hosenträgern hinterher und fragte mich, ob ich ihn wohl je wiedersehen würde.
Heute muss ich die Frage mit Nein beantworten. Sir Stirling Moss ist am Morgen des Ostersonntag 2020 eingeschlafen. Friedlich und wundervoll aussehend, wie Lady Susie die „Daily Mail“ wissen ließ.
Moss gilt bis heute als der beste Formel-1-Pilot, der nie Weltmeister wurde. Im Sportwagen absolvierte keiner die Mille Miglia schneller als er. 2015 durfte auch ich neben ihm im Mercedes 300 SLR Platz nehmen.  Zur Erinnerung an Sir Stirling Moss veröffentlichen wir diese Geschichte hier erneut. Ruhe in Frieden, Legende.
„Sobald du die Rampe runtergefahren bist, hattest du keine Zeit mehr Angst zu haben“
Stirling Moss (85) legt seine Hand auf den Schaltknüppel und rührt im Getriebe. „Erster Gang, zweiter Gang, dritter Gang“, vollzieht er die Bewegungen von früher nach und stellt zufrieden fest: „Es fühlt sich genauso an wie vor 60 Jahren. Als wäre ich nie ausgestiegen.“ Die britische Rennfahrer-Legende sitzt emotional tief bewegt und doch erstaunlich gefasst im Auto mit der Startnummer 722. Dem Mercedes 300 SLR, mit dem er vor genau 60 Jahren eines der berühmtesten Autorennen der Welt gewonnen hat. Die Mille Miglia.
Nach einem schweren Sturz im hauseigenen Fahrstuhlschacht kann Sir Stirling, wie er von den Engländern ehrfurchtsvoll genannt wird, zwar nur noch langsam und gebeugt gehen. Doch einmal drin im karierten Fahrersitz des Originalrennwagens von 1955 wird der 85-Jährige wieder zum Vollblut-Rennfahrer. Bei der Kamerafahrt gibt er kontrolliert Gas,  beschleunigt couragiert aus den Kurven heraus und genießt jede einzelne Vibration des Dreiliter-Achtzylinders im Heck. „Ein unglaubliches Auto“, lobt Moss liebevoll und streicht über das antike Holzlenkrad.

Sir Stirling Moss

AUTO BILD MOTORSPORT ist dabei, wie der Formel-1-Vizeweltmeister von 1955 eine Originalpassage seiner Sieger-Mille noch einmal fahren darf. In zehn Stunden und sieben Minuten hat Moss das legendäre, 1000 Meilen lange Sportwagenrennen von Brescia nach Rom und zurück im Mai 1955 absolviert. Ein Rekord, der nie mehr gebrochen wurde. „Die Mille Miglia war das einzige Rennen, vor dem ich wirklich Angst hatte“, rekapituliert der englische Ritter heute, „weil sie so unvorhersehbar war. Aber sobald du die Rampe runtergefahren bist, hattest du keine Zeit mehr Angst zu haben. Dann ging es nur noch um den Sieg.“
Keine Sicherheitsgurte, keine Sturzhelme, keine Fangzäune. Mit Tempo 250 vorbei an Abhängen und Häuserwänden. Unvorstellbar aus heutiger Sicht. Diese Vollgaskünstler waren noch echte Helden. Moss lacht bei der Frage, wie er sich zehn Stunden lang habe fokussieren können. „Wenn dein Leben auf dem Spiel steht, ist es leicht sich zu konzentrieren. Ein Hochgeschwindigkeitsunfall hätte mich gekillt. Deshalb war ich immer hellwach.“ 
Trotzdem lief das Rennen nicht ohne Zwischenfälle. So touchierte Moss einen mit Bomben beladenen Lkw und überfuhr ein Schaf. „Was mir damals wirklich leidtat.“
Heute ist die Mille Miglia, die in diesem Jahr vom 13. bis 17. Mai stattfindet, eine Gleichmäßigkeitsrallye mit Oldtimern. Und auch der professionelle Motorsport hat sich verändert. „Für mich war es damals ein Hobby“, sagt Moss, der 1955 auch in der Formel 1 für Mercedes antrat. „Heute ist es ein durchgetakteter Beruf. Ich glaube nicht, dass der Lifestyle der jungen Rennfahrer so gut ist wie meiner damals.“ Und auch das Kribbeln sei nicht mehr dasselbe, glaubt der Brite. „Es war richtig gefährlich“, erinnert sich Moss. „Das war wie Bullenreiten. Eine riesige mentale Herausforderung.“

Fotos: Mercedes

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