Lando Norris passt mit seiner Attitüde eigentlich gar nicht so recht in die Formel 1.
Der Brite ist nicht der typische Motorsport-Macho, der sich für besser als alle anderen hält. Der meint, er hätte die Rennfahrer-Weisheit mit Löffeln gefressen.
Der 24-Jährige wird in den sozialen Medien von den Teenie-Mädels gefeiert, sie schwärmen, himmeln ihn an, auch wenn er das portugiesische Supermodel Magui Corceiro datet.
Seinen weiblichen Fans ist das ebenso egal wie die Tatsache, dass er in seiner Karriere bereits 15 Mal auf das Podium fuhr.

Den Heidfeld-"Rekord" geknackt

Der Haken daran: Dass er seit seinem Debüt 2019 noch keinen Sieg holen konnte, hat ihm den etwas unangenehmen Rekord für die meisten Podiumsplätze ohne Rennsieg eingebracht, der vorher eine halbe Ewigkeit lang dem Deutschen Nick Heidfeld gehörte.
Lando Norris wartet weiter auf seinen ersten Sieg.
Bild: McLaren
Hinzu kommt, dass Norris Dinge eher negativ angeht. Er ist der Typ Glas halb leer.
Nach seinem zweiten Platz beim fünften Saisonrennen in China gestand er, gewettet zu haben. Gegen sich wohlgemerkt. Worum es ging? "Wie weit wir heute hinter Ferrari ins Ziel kommen werden. Ich dachte 35 Sekunden. Und damit lag ich ziemlich falsch", sagte Norris: "Also ja, ich bin glücklich, mich selbst Lügen zu strafen mit meinen eigenen Wetten, aber ein guter Tag für alle."
Dass er nur 13,773 Sekunden hinter Sieger Max Verstappen lag, dafür aber gute zehn Sekunden vor Charles Leclerc, habe er „alles nicht erwartet. Auch nicht, in so einem Rennen zu sein wie heute: Es hat für uns funktioniert, aber ich weiß nicht wie".

Jede Menge Understatement

Jede Menge Understatement, ungewöhnlich in einem Sport, in dem die Egos der Rennfahrer oft größer sind als die Budgets der Teams.
Norris zeichnet aus, dass er sehr selbstkritisch ist, manchmal etwas zu sehr, auch wenn ihm hier und da immer noch ein Patzer unterläuft. Wie beim Sprintrennen in China, als er nach einem Fehler in Kurve eins einen möglichen Sieg verschenkte und nur Sechster wurde. Dass er sich dann auch selbst durch den Kakao ziehen kann, ist in der Formel 1 allerdings auch eine Seltenheit.
Was bei Norris aber fraglos zu einem kompletten Rennfahrer noch fehlt, ist ein Rennsieg. Red Bulls Motorsportberater Helmut Marko verriet, dass Norris‘ Papa scherzt, dass sein Sohn seinen ersten Grand-Prix-Sieg erst feiert, wenn Dominator Verstappen aufhört.
Tatsächlich hätte er so gesehen bereits sechs Siege geholt. Acht Mal wurde er bislang Zweiter, sechs Mal hieß der Sieger Verstappen.
Es gehört irgendwie auch zu seinem Schicksal, dass die sportliche Renaissance von McLaren mit der Dominanz von Red Bull und Verstappen zusammenfällt. Dass Norris aber gefühlt jedes Jahr seinen Vertrag beim Traditionsrennstall langfristig verlängert anstatt zum Branchenprimus zu flüchten, spiegelt seinen Charakter ebenfalls wider.

Der erste Sieg? "Eines Tages"

"Eines Tages wird es passieren", sagt Norris über den lang ersehnten Premierensieg. "Ich denke, er kommt näher. Ich glaube nicht, dass ich zu selbstbewusst bin, wenn ich sage, dass wir dieses Jahr einen Sieg holen können. Aber natürlich wird es schwierig", meinte er: "Wenn ich hinter Max ankomme, fühlt es sich eigentlich eh schon wie ein Sieg an." Doch es sei eben die Formel 1, betonte Norris, "und Max macht einen guten Job, Red Bull einen grandiosen. Da kann ich ihnen nichts vorwerfen oder deshalb sauer sein".
Das sieht auch Nico Rosberg so, vom Sky-Experten gab es jede Menge Lob. Norris habe eine "phänomenale Fahrt hingelegt", sagte der Ex-Weltmeister. "Er ist so gut gefahren. Zusammen mit Max war er mit Sicherheit der beste Fahrer des Tages". Rosberg bezeichnete Norris deshalb als "zukünftigen Weltmeister".
Doch was Rosberg bemängelt, ist die Einstellung des Briten. „Vor dem Rennen darauf zu wetten, dass Ferrari sie schlagen wird, halte ich generell nicht für den besten Ansatz. Ich denke, eine positive Einstellung wäre hilfreich“, so Rosberg.
Vielleicht ist es das, was für den ersten Rennsieg noch fehlt.