Es war ein völlig irres Finale beim Großen Preis von Abu Dhabi! Obwohl Lewis Hamilton (Mercedes) lange wie der sichere Sieger aussah, triumphierte dann doch Max Verstappen (Red Bull). Weil ein Unfall fünf Runden vor Schluss das ganze Rennen über den Haufen warf. Zwei Mercedes-Proteste wurden mittlerweile abgeschmettert. Das Team hat angekündigt, dagegen in Berufung zu gehen.
ABMS klärt auf: Ist Verstappen zu Recht Weltmeister geworden? Und wer war Schuld am Chaos?
Warum kam es zur Safetycar-Phase?
Eigentlich hat er alles richtig gemacht: Lewis Hamilton dominierte den GP Abu Dhabi nach Belieben und raste in Richtung seines achten WM-Titels. Doch dann schlug der Renngott zu. Fünf Runden vor Schluss krachte Williams-Pilot Nicholas Latifi nach einem Duell mit Mick Schumacher in den Kurven zuvor in die Bande und löste damit eine Safetycar-Phase aus.
Nicholas Latifi verursachte die Safetycar-Phase
Warum reagierte Red Bull besser als Mercedes?

Red Bull holte Verstappen, der zu dem Zeitpunkt knapp elf Sekunden hinter Hamilton lag, noch während der virtuellen Safetycar-Phase an die Box. Der Holländer bekam weiche Reifen, damit er im Fall eines „echten“ Safetycars die Chance hat, Hamilton auf dessen alten, harten Gummis zu attackieren. Red Bull ging Risiko, das sich auszahlte, als das Safetycar tatsächlich auf die Bahn kam.
Warum konterte Mercedes nicht mit einem Reifenwechsel?
Biegt der Führende als Erster zum Boxenstopp, läuft er Gefahr, die Position auf der Strecke an seinen Gegner zu verlieren, wenn der dann doch auf der Strecke bleibt. Da unklar war, ob das Rennen unter Gelb beendet werden muss, war das Risiko für einen rechtzeitigen Reifenwechsel zu groß. Hamilton wusste aber gleich, was ihm blühte und funkte wütend: „Sch…!“
Woher kam das Chaos mit den überrundeten Autos?
Zwischen Hamilton und Verstappen lagen fünf weitere Fahrzeuge, die überrundet waren. Normalerweise dürfen die sich am Ende einer Safetycar-Phase zurückrunden. Das geht aber erst dann, wenn die Unfallstelle geräumt und wieder sicher ist. Das Problem: Rennleiter Michael Masi ging die Zeit aus. Vor dem Rennen hatten sich alle Protagonisten darauf geeinigt, dass das WM-Finale nicht hinter dem Safetycar beendet werden soll. Masis Lösung eins: Die Reihenfolge mit den überrundeten Fahrern so lassen, wie sie ist. Das hätte Hamilton den Titel gesichert. Doch Red Bull mahnte zu Recht an, dass sich die überrundeten Autos laut Artikel 48 des sportlichen Regelwerks zurückrunden dürfen. Masi bat um Bedenkzeit und gab dann die entsprechende Anweisung. Weil er zuvor allerdings das Ende der Safetycar-Phase bereits offiziell eingeläutet hatte, kam er erneut in Zeitnot und entschied sich, nur die störenden fünf Fahrer zwischen Hamilton und Verstappen am Safetycar vorbeizuwinken. Fest steht: Masi saß in der Zeit-Falle. Unter all diesen Bedingungen und der Maßgabe, das Rennen mit einer grünen Flagge zu beenden, hatte er keine andere Wahl.
Mercedes glaubt das Safetycar-Protokoll wurde nicht richtig befolgt.
Wogegen protestiert Mercedes?

Mercedes behauptet: Nein. Grund ist Artikel 48.12. Da steht: „Wenn der Rennleiter dies für sicher hält und die Meldung „LAPPED CARS MAY NOW OVERTAKE“ (Überrundete Fahrzeuge dürfen jetzt überholen) über das offizielle Nachrichtensystem an alle Teilnehmer gesendet wurde, wird von Fahrzeugen, die vom Führenden überrundet wurden, verlangt,  jene Fahrzeuge in der Führungsrunde und das Safetycar überholen.“
Wie urteilen die Rennkommissare?
Laut den Renn-Schiris Garry Connelly, Derek Warwick, Felix Holter und Mohamed Al Hashmi überschreibt Artikel 48.13, in dem geregelt ist, dass das Safetycar in jeder Runde in die Box biegen muss, in der das Signal dafür gegeben wurde. Außerdem kommt Artikel 15.3 ins Spiel, ein Ermächtigungs-Paragraph, der dem Rennleiter die volle Kontrolle über die „Benutzung des Safetycars“ gibt. Es sei deshalb nicht angemessen, das Ergebnis der vorletzten Runde gelten zu lassen und das Rennen so zu verkürzen. Ein zweiter Protest, wonach Verstappen Hamilton hinterm Safetycar unerlaubterweise überholt haben soll, wurde ebenfalls abgeschmettert und dürfte für den weiteren Verlauf der Causa irrelevant sein. Grund: Ein Überholmanöver hat nicht stattgefunden und kann entsprechend nicht nachgewiesen werden.
Wer war Schuld am Chaos?
Am Ende muss der schwarze Peter Rennleiter Michael Masi zugeschoben werden. Mit seinem Hin- und Her stiftete der Australier Verwirrung. Allerdings hat er laut Regelwerk das Recht, einzelne Paragraphen außer Kraft zu setzen. Diese Autorität hat er am Sonntag in Abu Dhabi genutzt. Damit ist seine Rolle mit der eines Schiedsrichters im Fußball vergleichbar. Wenn der einen ungerechtfertigten Elfmeter gibt, mag das ein Fehler sein. Das Tor zählt trotzdem. Formel-1-Sportchef Ross Brawn kündigte allerdings schon Konsequenzen an: In Zukunft sollen die Teams den Renndirektor nicht mehr mit ständigem Funkkontakt unter Druck setzen dürfen. Der Brite: „Es kann nicht angehen, dass die Teamchefs während des Rennens Michael so unter Druck setzen. Toto Wolff kann nicht fordern, dass kein Safetycar kommen soll, und Christian Horner kann nicht verlangen, dass sich die Autos zurückrunden müssen. Das liegt im Ermessen des Rennleiters. Wir werden diesen Kontakt im nächsten Jahr unterbinden.“
Wie geht es jetzt weiter?
Mercedes hat angekündigt, Berufung einzulegen. Dafür hat das Team 96 Stunden Zeit, also bis Donnerstag. Geht Mercedes diesen Schritt, kommt der Fall vor den International Court of Appeal der FIA, vors Berufungsgericht. Dort entscheiden mindestens drei unabhängige Richter über den Fall. Meist dauert die Ansetzung eines Termins Wochen. Das Problem: Schon an diesem Freitag ist die FIA-Gala, auf der der Weltmeister gekürt werden soll.
Hat eine Berufung Aussicht auf Erfolg? 
Kaum. Das Regelwerk der Formel 1 ist so komplex, dass es Platz lässt für verschiedene Interpretationen. Die volle Autorität des Rennleiters schließt aus, dass Richter Mercedes Recht geben können, auch wenn man sich im Wirrwarr der Paragraphen verheddern und dem Hamilton-Team in Teilen durchaus Recht geben kann. Dazu kommt: FIA und die Formel-1-Vermarkter von Liberty Media werden nicht zulassen, dass es einen neuen Weltmeister am grünen Tisch gibt und sich auf Tatsachenentscheidungen berufen.
Gibt es Präzedenzfälle?
Nein. Selbst als Ayrton Senna der Titel 1989 nach seinem Unfall mit Alain Prost und einer angeblich irregulären Rückkehr auf die Strecke weggenommen wurde, hatte ein Protest keine Aussicht auf Erfolg.
Glaubt Mercedes selbst an einen Erfolg?
Unklar. Mercedes fühlt sich um den WM-Titel betrogen. Aus Sicht des Teams war ein erster Protest nach dem Rennen nachvollziehbar. Doch auch Teamchef Toto Wolff weiß, dass ein Gang vors Gericht dem gesamten Sport und auch dem Image von Mercedes als fairem Verlierer schaden könnte.
Red Bull hat seinerseits mit Ausstieg gedroht. Wie realistisch ist so ein Szenario?
Solle Verstappen der Titel aberkannt werden, wird Konzernlenker Dietrich Mateschitz nicht zögern und sowohl Red Bull als auch AlphaTauri aus der Formel 1 zurückziehen. Doch dass dieses Szenario eintritt, gilt als unwahrscheinlich. Vielmehr will Red Bull jetzt schon sicherstellen, dass die Entscheidungen des Rennleiters und der Rennkommissare konstanter und nachvollziehbarer werden. Das bezieht sich vor allem auf Überholmanöver. Grund: Bei den Österreichern besteht der Eindruck, Verstappen wurde 2021 häufiger und härter bestraft als Hamilton.

Von

Bianca Garloff