Formel 1: Räikkönen knackt Barrichello-Rekord

Der Iceman will weiter kühl bleiben

Kimi Räikkönen fährt an diesem Wochenende seinen 322. GP – so viele schaffte bisher nur Rubens Barrichello. Ein Porträt des coolen Kimi
Die ganze Formel-1-Welt interessiert es – nur der, um den es geht; dem ist es völlig egal. Kimi Räikkönens (40) Gesichtszüge zeigen, was der Kultifinne von der Frage nach dem Formel-1-Rekord hält, den er beim GP Russland an diesem Wochenende einstellen und beim GP der Eifel am Nürburgring brechen wird. Das genervte „Bwoah“ kann auch die schwarze Piraten-Corona-Maske nicht verbergen.
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Bisher ist der Brasilianer Rubens Barrichello der Fahrer mit den meisten GP-Rennen. 322 mal stand der Ex-Ferrari-Teamkollege von Michael Schumacher am Start. Räikkönen wird ihn in Sotchi einholen. Aber: „Das ist nicht der Grund, warum ich weitermache oder aufhöre“, stellt der Finne klar. „Jeder Rekord wird irgendwann gebrochen. Für mich macht das keinen Unterschied. Womöglich schaue ich in der Zukunft aus einer anderen Perspektive darauf zurück. Aktuell will ich Rennen fahren und mein Bestes geben.“
Allein: Nach Aufhören sieht es derzeit noch nicht aus. Sein Alfa-Team hat dem Finnen signalisiert, er könne weitermachen, wenn er denn wolle. Alfa-Partner Ferrari will es wohl auch. Weil Räikkönen genau der Richtige wäre, an dessen Seite Ferrari-Junior Mick Schumacher 2021 lernen und sich in Ruhe weiterentwickeln kann.
Auch weil Ferrari die andere Seite des Finnen kennt: Der feierfreudige Punk macht nur einen Teil seiner Persönlichkeit aus. Der Finne ist immer ehrlich und hasst politische Spielchen. Deshalb ist er ein idealer Teamkollege für jedermann. Speziell für F1-Azubis mit großem Namen und denkbar schweren Voraussetzungen.

Kimi Räikkönen fährt an diesem Wochenende seinen 322. GP

In der Tat: Der wahre Räikkönen ist anders. Er ist warmherzig, liest klassische Literatur und hat mit dem zunftbedingten Superstargehabe, das Formel-1-Fahrer umgibt, nichts am Hut. Nur ab und zu redet er über sein zweites Gesicht: „Jeder hat Emotionen“, sagt er dann, „aber jeder geht auch anders damit um. Wenn ich fahre, bin ich hochkonzentriert, Emotionen sind da fehl am Platz. Dafür hat man doch gar keine Zeit. Man muss oft schneller reagieren, als man fühlen kann. Ein Formel-1-Fahrer analysiert meistens erst bestimmte Situationen, wenn sie schon längst vorüber sind. Die Reflexe und Instinkte müssen stimmen. Dazu kommt, dass ich kein Typ bin, der gerne zeigt, was in mir vorgeht.“
Deshalb würde er nie erzählen, dass seine leise Piepsstimme von einem Fahrradunfall aus seiner Kindheit rührt. Kimi war fünf Jahre alt, als er von den Pedalen abrutschte und mit dem Hals auf die Gabel knallte. Von der schweren Quetschung haben sich seine Stimmbänder nie ganz erholt.
Räikkönen redete schon als Kind so wenig, dass seine Eltern ihn sorgevoll zum Kindertherapeuten brachten. Der schickte Kimi schon nach einem halben Tag wieder nach Hause. Mit einem Brief dabei. „Ihr Sohn ist überdurchschnittlich intelligent. Dass könnte der Grund sein, warum er es vorzieht zu schweigen.“ Ein schwierige Koordinationsübung, für die Erwachsene durchschnittliche drei Stunden brauchten, hatte der Sechsjährige in zwanzig Minuten gelöst. Das hatte den Therapeuten überzeugt.
Es gibt tatsächlich nur wenige, die Räikkönen an sich ranlässt. Bei denen er ist, wie er ist. Dazu gehörte der mittlerweile verstorbene finnische McLaren-Arzt Aki Hintsa. Hintsa sagte schon zu den wilden McLaren-Zeiten über seinen Landsmann: „Kimi ist ein sehr sensibler Mensch, der nur im Auto keine Gefühle zeigt.“ Ein Experiment bestätigte das einmal: Bei einem Rennen statteten Mediziner Raikkönen mit Mess-Elektroden aus. Das Ergebnis: Räikkönens Puls schnellte nicht mal in Situationen in die Höhe, die selbst gestandenen Piloten den Schweiß auf die Stirn getrieben hätten. Nicht bei gefährlichen Überholmanövern. Nicht einmal, wenn es kracht.
Für seinen ehemaligen Teamchef Peter Sauber ist der Finne der nervenstärkste Pilot, den er je erlebt hat. „Er hätte fast sein erstes Formel-1-Rennen in Australien 2001 verschlafen.“ Fitnesstrainer Josef Leberer, damals für Räikkönen zuständig, erzählt: „Kimi lag auf einer Kiste in der Box und schlief. Als ich ihn 40 Minuten vor dem Start wecken wollte, damit er sich für den Start vorbereiten konnte, drehte er sich einfach um und murmelte: Gib mir noch fünf Minuten. Er schlief einfach weiter.“ Im Rennen holte er dann als Sechster seinen ersten WM-Punkt. Als Peter Sauber ihm gratulieren wollte, winkte Räikkönen nur ab. „Habe ich etwa gewonnen? Wozu also die Gratulation.“ Sauber war völlig perplex.
Kein Wunder, dass auch Ex-Formel-1-Pilot Gerhard Berger ein Fan des Finnen ist. Der heutige DTM-Chef sagt im Spaß: „Zu Red Bull würde Kimi am besten passen. Er könnte feiern, so oft er wollte. Denn selbst mit Kater ist Kimi immer noch schneller als die meisten anderen topfit. Aber im Ernst: Ich glaube nicht, dass Kimis Aktivitäten neben der Strecke ihn bisher auch nur eine Hundertstel langsamer gemacht haben.“
Und wohl auch nicht älter. Ein Ende seiner Laufbahn ist jedenfalls noch nicht abzusehen. Es ist ihm sogar zuzutrauen, dass er auch noch die 400er Marke von gefahrenen Rennen knackt...

Autor: Ralf Bach

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