Buhrufe von den Tribünen, Enttäuschung bei Fans, Fahrern und Verantwortlichen: Der Italien GP in Monza erfährt am Sonntag ein unwürdiges Ende. Weil Daniel Ricciardos McLaren sechs Runden vor Schluss am Streckenrand ausrollt, die Marshalls das Auto anschließend nicht zügig geborgen bekommen und die Rennleitung den Grand Prix nicht mehr rechtzeitig freigibt, endet das Rennen hinter dem Safetycar - zum 13. Mal im 1073. GP der Formel 1.
Die Tifosi quittieren das mit einem gellenden Pfeifkonzert. Sie hatten auf eine Rennfreigabe und Schlussattacke von Scuderia-Star Charles Leclerc gegen den Führenden Max Verstappen gehofft. Ferrari-Teamchef Mattia Binotto findet wenig später klare Worte: "Ein Finish hinter dem Safetycar ist nie gut: Nicht für uns, nicht für die Formel 1 und nicht für die Show. Ich denke, es gab heute genügend Zeit für die FIA, um anders zu handeln."
Der Italiener ist überzeugt: "So lange zu warten ist einfach falsch und schlecht für den Sport." Er verrät: "Wir hatten nach (dem kontroversen WM-Finale in Abu Dhabi; d. Red.) letztem Jahr viele Diskussionen, wie wir es besser machen können, denn das Ziel ist es, das Rennen so schnell wie möglich wieder sicher freizugeben. Hier ist das nicht passiert und wir verstehen nicht warum."
Der Italiener spart beim Ferrari-Heimspiel nicht mit Kritik an der Rennleitung: "Die FIA hat in diesem Bereich viel geändert, aber sie brauchen offensichtlich noch mehr Erfahrung und müssen einen besseren Job machen, denn die Formel 1 verdient da einfach bessere Arbeit."
Daniel Ricciardos gestrandeter McLaren sorgte für Probleme

Zuspruch bekommt Binotto dabei sogar von Konkurrent Red Bull. Teamchef Christian Horner haut am Sonntag in die gleiche Kerbe: "Wir hätten das Rennen auch lieber auf der Strecke gewonnen und nicht hinter dem Safetycar. So wurden wir alle eines Showdowns beraubt", sagt der Brite: "Die Verlierer sind die Fans. Für sie ist es eine Enttäuschung und es geht auch gegen die Prinzipien, die wir besprochen haben."
Horner: "Meiner Meinung nach gab es mehr als genug Zeit, um das Rennen wieder freizugeben. Ich denke, das Safetycar hat sich nur zunächst einfach vor das falsche Auto gesetzt (George Russell statt dem Führenden Verstappen; d. Red.)." Dadurch ging mindestens die eine Runde verloren, die am Ende fehlte. Auch Red Bulls Motorsportberater Helmut Marko schüttelt den Kopf: "Wir hätten hier sonst eine sehr spannende letzte Runde gesehen. Die Leute haben also schon recht, dass sie buhen."

Safetycar am Ende: Böse Erinnerungen für Hamilton

Allein: Ganz anders sieht die Sache Mercedes. Deren Star Lewis Hamilton steckt immer noch das WM-Finale in Abu Dhabi 2021 in den Knochen, als Rennleiter Michael Masi das Rennen unbedingt vor Ablauf der Runden neu starten wollte.
"Heute wurden die Regeln richtig umgesetzt", stellt der Brite fest. "Es war also nur einmal in der Historie unseres Sports so, dass es anders war." Sein Teamchef Toto Wolff ergänzt ebenfalls mit Blick auf Abu Dhabi: "Die Rennleitung wird immer in der Kritik stehen, aber dieses Mal haben sie sich an die Regeln gehalten."
Zur Erinnerung: Auch damals kam es nach Crash von Nicholas Latifi kurz vor Schluss zur Safetycar-Phase. Der Unterschied: Unter Regie von Rennleiter Masi wurden eilig nur die Überrundeten zwischen dem Führenden Hamilton und Verfolger Verstappen vorbei gewunken und das Rennen für die letzte Runde wieder freigegeben: Für Verstappen genug, um sich auf besseren Reifen Hamilton und damit auch den Titel zu schnappen.
Bei Mercedes kamen böse Erinnerungen an Abu Dhabi hoch

Zum Ausgang in Monza erklärt Wolff: "Vielleicht hätten sie es (die Freigabe; d. Red.) eine Runde früher machen können, aber zumindest haben sie sich an die Regeln gehalten und akzeptiert, dass das Rennen hinter dem Safetycar endet." Für den Wiener ist die Situation genau wie für Hamilton ein innerer Reichsparteitag: "Das ist, wie es sein sollte und wie es hätte sein sollen."
Das dramatische WM-Finale hängt offensichtlich nicht nur den Silberpfeilen nach. Auch für die Formel-1-Fans stellt es nach wie vor ein emotionales Thema dar. Das zeigt am Sonntag die Tatsache, dass kurz nach Rennende in Monza bei Twittter sogar wieder der Hashtag #MichaelMasi trendet.
Der ehemalige F1-Rennleiter wurde nach dem Wirbel in Abu Dhabi von der FIA zum Sündenbock erklärt und im Winter beurlaubt. Mittlerweile ist er wieder in seine australische Heimat zurückgekehrt und arbeitet dort in der Supercar-Serie.

FIA kontert Kritik und erklärt Safetycar-Ende

Die neuerliche und breit gestreute Kritik will die FIA am Sonntag indes nicht auf sich sitzen lassen und meldet sich noch am Abend mit einem erklärenden Statement zu Wort. Darin heißt es: "Die Streckenposten konnten das Auto zunächst nicht bewegen (weil der Gang nicht rausging; d. Red.). Da die Sicherheit des Streckenpersonals unsere einzige Priorität ist, und der Vorfall nicht signifikant genug war, um eine rote Flagge zu rechtfertigen, endete das Rennen hinter dem Safetycar."
Die FIA stützt damit die Aussagen von Hamilton und Wolff: "Damit wurde dem Prozedere Folge geleistet, auf das sich die FIA mit allen Wettbewerbern geeinigt hat. Das Timing des Safetycars im Rennen hat keinen Einfluss auf dieses Prozedere."
Das Ende hinter dem Safetycar sorgte für viele Diskussionen

Dafür gibt es dann auch Rückendeckung aus dem Fahrerlager: "Wenn man die Regeln anders auslegt, vielleicht zugunsten der Zuschauer, hat man letztes Jahr in Abu Dhabi gesehen, was passieren kann", räumt Jost Capito ein. Williams' deutscher Teamchef sagt: "Die Lösung, die man jetzt hat, ist immer noch die logischste und die richtigste. Wenn ein Safetycar kommt zum Ende des Rennens, dann ist es eben so."
Auch Ex-F1-Pilot und Sky-England-Experte Karun Chandhok stellt klar: "Vom Prozedere her hat die FIA alles richtig gemacht. Sie haben sich ans Regelbuch gehalten, da gibt es gar keine Frage."
Der Inder wünscht sich trotzdem ein Umdenken bei den Verantwortlichen: "Gerade auch nach den Vorkommnissen in Abu Dhabi: Wenn wir in den letzten fünf Runden einen Vorfall haben, der ein Safetycar nach sich zieht, sollten wir darüber nachdenken, ob es nicht eine automatische rote Flagge gibt, mit anschließendem stehenden Start: Für das Spektakel und all uns neutrale Zuschauer."
Damit würde die Formel 1 dem Vorbild vieler US-Rennserien folgen. In den Staaten ist der Sport generell mehr aufs Spektakel und den Showcharakter ausgerichtet. In diesem konkreten Fall allerdings könnte es sich um eine praktikable Lösung handeln, hätte sie die Formel 1 schließlich auch schon vor dem unfairen WM-Finale 2021 bewahrt.

Von

Frederik Hackbarth