Einst wollte er ihn als Ferrari-Teamchef nach Maranello lotsen, jetzt muss sich Formel-1-Boss Stefano Domenicali (56) gegen Sebastian Vettels (34) Verbal-Attacken zur Wehr setzen. Der Deutsche ist zum Chefkritiker der Formel 1 geworden, fordert einen schnelleren Wandel hin zu mehr Nachhaltigkeit, CO2-neutralem Sprit, noch effizienteren und seriennäheren sowie stärker elektrifizierten Motoren.
Nicht immer wirkte es in der vergangenen Saison so, als würden die F1-Macher Vettels Aktionismus befürworten. Doch gegenüber AUTO BILD gibt sich Formel-1-Chef Domenicali jetzt versöhnlich.
„Ich will das nicht als Kritik verstehen“, sagt der Italiener. „Ich sehe das als positiven Anstoß von jemandem, der sich ernsthaft Gedanken um die Zukunft macht. Ich habe mit ihm darüber unzählige Male gesprochen. Für mich ist das konstruktive Kritik. Wenn jemand die Formel 1 um des Kritisierens Willen kritisiert, ist mir das egal. Konstruktive Kritik nehme ich mir zu Herzen.“
Domenicali will aber auch den Status Quo der Königsklasse nicht unterbewertet wissen. Nachhaltigkeit und Technologieführerschaft spielen auch jetzt schon eine entscheidende Rolle.
Formel-1-Boss Stefano Domenicali (56)
„Wir müssen realistisch bleiben“, betont er. „Die Formel 1 lebt den Nachhaltigkeitsgedanken längst und gibt auch in Zukunft den richtigen Weg vor. Wir haben seit 2014 die mit Abstand effizientesten Antriebseinheiten. Wir planen mit nachhaltigem Benzin, ein Schritt, der großen Einfluss auf die globale Mobilität und Automobilindustrie haben wird. Und gleichzeitig drängen wir die Promoter der Formel 1, die Rennen CO2-neutral zu veranstalten. Aber wenn Seb uns daran erinnert, noch mehr zu tun und noch besser zu werden, nehme ich das ernst.“
Vettel als Katalysator für mehr Nachhaltigkeit! Zuletzt hatte er in der FAZ kritisiert, der Wandel gehe ihm „nicht schnell genug“. Der Aston Martin-Star: „Das Reglement ist fixiert bis wahrscheinlich 2025 inklusive, das Motorenreglement wird nicht geändert. Beim Benzin bleibt es vorerst bei den fossilen Brennstoffen. Es wird zunächst nur einen Anteil von zehn Prozent geben an Biofuels oder Äthanol, das ist weder ausreichend noch zeitgemäß. Ich bleibe bei meiner Kritik. Wir haben alle Möglichkeiten, wir haben das Geld, die Ressourcen, wir könnten sehr vernünftige Dinge damit anstellen. Ich kann nachvollziehen, dass es Widerstände gibt. Wer viel Geld investiert hat in ein Team zum Beispiel, dem mag ein schneller Wandel als Niederlage erscheinen. Aber es wäre ein Sieg über das eigene Ego.“
Allein: Vettels Vision perfekten Formel-1-Welt ist in der Realität so kaum umsetzbar. Domenicali gibt zu denn auch bedenken, dass es verschiedene Interessen zu bedienen gibt. „Es geht immer darum, die richtige Balance zu finden“, konstatiert der Ex-Lamborghini-Präsident. „Am Ende ist die Formel 1 auch ein Business und man muss einen Kompromiss zwischen allen Parteien finden. In der Formel 2 und Formel 3 werden wir schneller handeln. Aber da haben wir Einheitsautos, Einheitsmotoren, Einheitsbenzin. In der Formel 1 dagegen sind große Hersteller dabei, die für ihre Entwicklungen einen gewissen Zeitrahmen verlangen.“
Trotzdem müsse man für schnellere Schritte in Richtung einer besseren Zukunft kämpfen. Domenicali: „Meine Aufgabe ist es sicherzustellen, dass dies so schnell wie möglich erfolgt – mit dem richtigen Timing der Einführung. Das heißt, wir haben die Pflicht zu pushen, aber alleine können wir nichts bewirken.“

Von

Bianca Garloff