Spätestens seit der Sommerpause ist nicht mehr zu übersehen: Red Bull fährt in der Formel 1 momentan in einer eigenen Liga. In Spa gewinnt Weltmeister Max Verstappen sogar vom 14. Startplatz, nach seinem dominanten Heimsieg in Zandvoort, stampft er auch am vergangenen Wochenende in Monza wieder einen Rückstand (nur Startplatz sieben nach Strafversetzung) in Windeseile ein und lässt Ferrari-Star Charles Leclerc am Ende keine Chance.
Nicht wenige im Fahrerlager fühlen sich bereits an jene Dominanz erinnert, die Lewis Hamilton und Mercedes zwischen 2014 und 2021 an den Tag legten. Zur Erinnerung: Hamilton holte in dieser Zeit sechs WM-Titel, Mercedes einschließlich der vergangenen Saison sogar achtmal den Konstrukteurs-Pokal.
Kein Wunder also, dass Red-Bull-Teamchef Christian Horner nach der offensichtlichen Wachablösung an der Formel-1-Spitze am Sonntag in Monza gefragt wird, ob sein Team jetzt auch so eine Serie hinlegen wird? "Ich kann mir nur wünschen Toto (Wolff; d. Red.) in den nächsten acht Jahren diese Menge an Schmerz zuzufügen", lacht Horner. Beste Freunde werden der Brite und sein Pendant bei den Silberpfeilen nach der nervenaufreibenden WM-Schlacht 2021 nicht mehr.
Toto Wolff und Christian Horner sind seit 2021 ziemlich beste Feinde

An eine mögliche Ära der Red-Bull-Dominanz glaubt Horner aber trotzdem nicht: "Es ist schon sehr unwahrscheinlich. Wir hatten einfach nur ein wunderbares Jahr und das Team performt gerade auf sehr hohem Level. Aber Ferrari ist schon schnell und Mercedes rappelt sich auch gerade wieder auf." Dass Red Bull unter dem neuen Reglement jedoch eine ganz andere Macht ist als bisher, beweist unter anderem die Tatsache, dass es für die Bullen das überhaupt erste Monza-Podium in der Hybrid-Ära ist.

Red Bull ermöglicht Verstappen Rekordjagd

Auch die übrigen Zahlen sprechen eine klare Sprache: Verstappen feiert am Sonntag bereits seinen fünften Sieg in Folge und robbt sich damit langsam an Sebastian Vettels Rekordmarke von neun Triumphen am Stück aus dem Jahr 2013 ran. Noch viel gefährdeter: Der Allzeitrekord für die meisten Saisonsiege von Vettel und Michael Schumacher, wenngleich in den Jahren 2013 (Vettel; 19 GP) und 2004 (Schumacher; 18 GP) deutlich weniger Rennen gefahren wurden als 2022.
"Max ist jetzt bei elf (Siegen; d. Red.) und sechs Rennen sind es noch. 13 ist der Rekord und es wäre schön, wenn wir das auf 14 erhöhen können", gibt Red Bulls Motorsportberater Helmut Marko das Ziel für den Saisonendspurt aus. Ein anderes ist laut dem Österreicher, "dass wir erstmals Platz eins und zwei in der WM erreichen, das haben wir bisher ja noch nicht geschafft."
Helmut Marko mit seinem früheren Rekordjäger Sebastian Vettel

Auch dafür stehen die Karten nicht schlecht: Red Bulls zweiter Fahrer Sergio Perez liegt aktuell nur neun Punkte hinter dem WM-Zweiten Leclerc. Der Ferrari-Star muss nach der nächsten Schlappe in Monza hingegen Red Bulls derzeitige Übermacht eingestehen: "Sie sind wirklich gut. Vor allem im Rennen und dabei, die Hinterreifen nicht überhitzen zu lassen. Dadurch haben sie im Moment einfach klar die Nase vorne", sagt Leclerc.
Ferraris Misere lässt sich indes an ähnlich markanten Zahlen ablesen wie Red Bulls Höhenflug. Unglaublich: Mit seiner achten Pole-Position der Saison erzielt Leclerc in Monza die meisten Poles eines Ferrari-Fahrers seit Michael Schumacher 2004. Das Problem: Die letzten sechs Rennen von der Pole aus konnte der Monegasse allesamt nicht gewinnen!
Kein Wunder also, dass Verstappen theoretisch schon beim nächsten Grand Prix in Singapur Weltmeister werden kann: Holt er 22 WM-Punkte mehr als Leclerc - und 13, respektive sechs, mehr als die übrigen Verfolger Perez und George Russell - ist ihm sein zweiter Titel sicher. "Ich glaube aber nicht, dass es dort schon passiert", erklärt Marko mit Blick auf's nächste Rennen und lacht: "Auch wenn Singapur natürlich ein guter Platz zum Feiern wäre und ganz sicher besser als Suzuka."

Von

Frederik Hackbarth